Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.09.2012

03:43 Uhr

Eurokrise

Schäuble feuert Schuldenstaaten an

Optimistisch, aber streng: Wolfgang Schäuble mahnt die verschuldeten Euro-Länder, mit den Reformen nicht nachzulassen. Ein finnischer Minister erinnert daran, dass auch Deutschland einmal als „kranker Mann Europas“ galt.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) mahnt Schuldenländer zu Reformeifer. dpa

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) mahnt Schuldenländer zu Reformeifer.

BerlinNach der Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) für Ankäufe von Staatsanleihen hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) die Euro-Schuldnerstaaten davor gewarnt, mit ihren Reformanstrengungen nachzulassen. „Wir werden die Vertrauenskrise des Euro nur dann überwinden, wenn wir mit den Reformen nicht nachlassen. Noch sind sich die Märkte nicht sicher, dass die Eurozone hält“, sagte Schäuble der „Bild am Sonntag“.

Das finanziell gut dastehende Finnland stieß ins selbe Horn. „Wir haben uns mit einem Sparprogramm in den 90-er Jahren am eigenen Schopf aus einer tiefen Krise gezogen, und wir fänden es gut, wenn es andere Länder genauso machten“, sagte der finnische Europaminister Alexander Stubb der „Süddeutschen Zeitung“.

Schäuble sagte: „Es wäre ein schwerer Fehler, wenn die EZB-Entscheidung falsch interpretiert werden würde in dem Sinne, dass man jetzt mit den Anstrengungen nachlassen könne. Das Gegenteil ist richtig.“ Die Staaten müssten ihre Haushaltsdefizite verringern und ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern. „Und wir müssen die notwendigen institutionellen Reformen in der EU und der Eurozone zügig angehen“, sagte Schäuble.

EZB-Anleihe-Programm zur Lösung der Euro-Krise

Mehr Transparenz

Die EZB hatte im Mai 2010 nach einem Wochenende hektischer Rettungsaktionen der Euro-Staaten für Griechenland spontan ein Anleihekaufprogramm beschlossen. Die Konditionen des „Securities Market Programme (SMP)“ blieben weitgehend im Dunkeln. Die EZB gab lediglich im Nachhinein wöchentlich bekannt, welche Summen an Staatspapieren aus dem Markt genommen wurden, ohne dabei die Länder zu nennen. Zu beobachten war im Handel aber, dass die Zentralbank zunächst Griechenland und dann Irland und Portugal stützte, die unter den Rettungsschirm EFSF geschlüpft waren. Im Sommer 2011 folgten Spanien und Italien. Das Interventionsvolumen von SMP beläuft sich auf 209 Milliarden Euro.

Verzicht auf Limits

So wie unter dem alten Programm nennt die EZB unter dem neuen Plan namens OMT („Outright Monetary Transactions“) vorab keine Summe über mögliche Anleihekäufe. Mit dem Verzicht auf ein Limit signalisiert die Zentralbank, dass sie einen langen Atem hat. Die Notenbank will sich bei den Laufzeiten der betroffenen Staatspapiere auf eine Spanne von einem Jahr bis drei Jahren beschränken. Begründet wird das mit dem Ziel des Programms: Der EZB geht es nicht darum, die Anleihezinsen zu drücken, um den Regierungen die Staatsfinanzierung zu verbilligen.

Niedrige Zinsen kommen nicht beim Verbraucher an

Sie begründet ihr Eingreifen damit, dass die hohen Zinsen auf Staatspapiere indirekt die Kreditzinsen für die Verbraucher nach oben treiben. Der rekordtiefe Leitzins der Notenbank von 0,75 Prozent komme bei den Bankkunden nicht an. Die Übertragung der auf stabile Preise zielenden Geldpolitik sei damit gestört. Als Zeitraum für das Durchwirken der Leitzinsen auf die Marktzinsen veranschlagt die Zentralbank etwa drei Jahre.

Keine Hilfe ohne Spar- und Reformprogramm

Als Lehre aus der Hilfsaktion für Italien will die EZB in Zukunft nur den Ländern unter die Arme greifen, die den Rettungsfonds EFSF und seinen Nachfolger ESM um Hilfe bitten. Es kann sich dabei um ein umfangreiches Hilfsprogramm zu Staatsfinanzierung handeln oder um vorbeugende Kreditlinien bei ersten Finanzierungsengpässen. Die Regierungen müssen sich als Gegenleistung zu einem strikten Spar- und Reformprogramm verpflichten. Im vergangenen Jahr hatte die italienische Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi die Reformbemühungen gedrosselt, als die Zinsen dank EZB-Anleihekäufen sanken. Die EZB wird künftig im Nachhinein bekanntgeben, von welchen Ländern sie Staatsanleihen gekauft hat.

EZB verzichtet auf Privilegien

Bisher genoss die EZB einen bevorzugten Gläubigerstatus. Damit würde die Notenbank bei einem Ausfall von Anleihen entschädigt, während viele Privatanleger Verluste hinnehmen müssen. Das wirkt abschreckend auf private Anleihekäufer und erschwert die angestrebte Entspannung bei den Zinsen. Die EZB will deshalb künftig auf das Privileg verzichten. Sie muss deshalb so wie die beteiligten nationalen Notenbanken im Pleitefall Verluste hinnehmen.

Inflationsbremse bleibt angezogen

Wie bisher will die EZB verhindern, dass durch den Aufkauf von Staatsanleihen die Geldmenge wächst, weil den bisherigen Besitzern der Anleihen frisches Geld zufließt. Die Notenbank erreicht das, indem sie die Anleihekäufe neutralisiert. Über ihre Geldmarktgeschäfte entzieht die EZB den Banken das Geld, das sie zuvor für Staatsanleihen neu geschaffen hat.

Der finnische Minister Stubb erklärte, er sei ein großer Freund von Europa und helfe gern. „Aber ich will nicht, dass man mich beschuldigt, ich sei zu streng. Nein: Die anderen sind zu lasch, und das muss sich ändern“, forderte der Finne. Zugleich warnte er vor einer „Arroganz des Nordens“ gegenüber den hilfsbedürftigen Ländern im Süden Europas. „Vor 20 Jahren herrschte Bankenkrise in Finnland und Schweden, Dänemark und die Niederlande waren nicht im Mindesten wettbewerbsfähig, und Deutschland galt als kranker Mann Europas. Jetzt ist es eben andersherum, und wir müssen dem Süden helfen, wieder auf die Beine zu kommen.“

Die EZB verteidigte Schäuble gegen Kritik: "Die EZB hat sich in der Vergangenheit immer an ihr Mandat gehalten und ich gehe davon aus, dass sie das auch in der Zukunft machen wird", sagte der Finanzminister, der sich stets gegen den Ankauf von Staatsanleihen verschuldeter Länder durch die EZB ausgesprochen hatte. Eines sei klar: "Zur Staatsfinanzierung darf die Geldpolitik nicht dienen. Diese Grenze darf nicht überschritten werden."

Schäuble hält auch die Ankündigung des "unbegrenzten Umfangs" der Anleihenkäufe für notwendig: Die EZB könne keine Obergrenzen nennen, "ohne die Spekulanten förmlich herauszufordern".

Kommentare (27)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

08.09.2012, 04:59 Uhr

"Schäuble hält auch die Ankündigung des "unbegrenzten Umfangs" der Anleihenkäufe für notwendig: Die EZB könne keine Obergrenzen nennen, "ohne die Spekulanten förmlich herauszufordern"."

Sowohl Merkel wie auch Schaeuble stehen nach ihren Aussagen voll hinter der EZB. Hier im HB fehlt mir ein Artikel, der aber im Spiegel sehr ausfuehrlich ist:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/euro-krise-bundesregierung-fuegt-sich-draghis-ezb-beschluss-a-854576.html

Also wenn man dies gelesen hat, dann sieht man, dass uns unsere Regierung voellig verar.... . Ich denke, dies sollte JETZT JEDEM klar sein.

Account gelöscht!

08.09.2012, 05:40 Uhr

Die Wahrnehmungen des finnischen Europaministers sind - gelinde ausgedrückt - ziemlich eigentartig:" ... und Deutschland galt als kranker Mann Europas. Jetzt ist es eben andersherum, und wir müssen dem Süden helfen, wieder auf die Beine zu kommen."

Weder war die BRD vor 20 Jahren wirtschaftlich bettlägerig, noch kann ich mich entsinnen, daß andere Länder der EU uns massenhaft Kredite gegeben hätten oder deren Notenbanken unbegrenzt deutsche Staatstitel aufgekauft hätten.

Account gelöscht!

08.09.2012, 05:48 Uhr

Deutschland erkrankte an der Euroeinführung im Zusammenhang mit der neuen europäischen Politik. Diese Ursachen scheint man vergessen zu haben oder aber nicht wahrnehmen zu wollen.

Was damals ein leichter Schnupfen war, wird sich zu einer gewaltigen Grippe entwickeln. An dem Symptomen herumzudoktern, hat noch keinen Patienten geholfen.

Ist man den nicht in der Lage über den Tellerrand zu schauen? Was ist, wenn tatsächlich die Reformen greifen? Auf welche Kosten geht das? Wem nützt die Gleichmacherei?

Wir sind auf dem Weg zu einer neuen Planwirtschaft, als hätte man aus der Vergangenheit nichts gelernt. Kein Wunder das die SPD und Linke so still halten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×