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07.04.2016

14:49 Uhr

Europäische Union

Der Mehrwertsteuer-Wahnsinn

Karussellfahrt, Trüffel, Windeln: In Europa herrscht das Mehrwertsteuerchaos. Denn es gibt zwar einen Mindestsatz – doch zugleich jede Menge Ausnahmen. Und die sind häufig absurd. Unsere Korrespondenten berichten.

Jedes Land hat bei der Mehrwertsteuer unterschiedliche Regelungen – mit teilweise absurden Ausnahmen.

EU

Jedes Land hat bei der Mehrwertsteuer unterschiedliche Regelungen – mit teilweise absurden Ausnahmen.

Düsseldorf/London/Rom/Stockholm/WienDie Briten wollen eine Steuererleichterung für Tampons, die Italiener für Trüffel: In der EU herrscht ein Mehrwertsteuerchaos. Denn bisher legt jeder EU-Staat die Höhe seiner Mehrwertsteuer selbst fest. Die EU gibt lediglich einen Standard-Mindestsatz von 15 Prozent vor sowie einen ermäßigten Satz von mindestens fünf Prozent, der für Produkte und Dienstleistungen angewendet werden kann, die als besonders gesellschaftsrelevant gelten. Wer Produkte oder Dienstleistungen mit weniger als 15 Prozent besteuern will, braucht dafür eine EU-Genehmigung. Doch in der Praxis bedeutet das: Jedes Land hat unterschiedliche Regelungen – mit teilweise absurden Ausnahmen. Und die EU macht mit bei dem Chaos.

Zum Beispiel wenn es um E-Books geht: Im vergangenen Jahr untersagte der Europäische Gerichtshof (EuGH) den verringerten Mehrwertsteuersatz auf E-Books. Die nach EU-Recht verringerte Umsatzsteuer sei zulässig für die „Lieferung von Büchern auf jeglichen physischen Trägern“. EU-Books würden zwar auf einem „physischen Träger gelesen, jedoch werde ein solcher Träger nicht zusammen mit dem elektronischen Buch geliefert. Daher sei die Anwendung des ermäßigten Satzes ausgeschlossen.

EU-Länder und ihre Mehrwertsteuersätze

Deutschland

Der reguläre Mehrwertsteuersatz liegt bei 19 Prozent, der ermäßigte bei 7.

Österreich

Der Normalsatz liegt bei 20 Prozent, der ermäßigte bei 10 Prozent.

Zudem gibt es einen sogenannten Zwischensatz von 13 Prozent. Dieser wird angewendet, wenn Wein aus der eigenen Erzeugung eines Winzers stammt.

Luxemburg

In Luxemburg gibt es vier verschiedene Mehrwertsteuersätze:

Der reguläre Mehrwertsteuersatz beträgt 17 Prozent – und ist damit der niedrigste der EU. Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz liegt bei 8 Prozent. Zudem gibt es einen stark ermäßigten Mehrwertsteuersatz auf 3 Prozent und einen Zwischensatz von 14 Prozent. Der Zwischensatz wird beispielsweise angewendet auf Weine mit weniger als 13 Prozent Alkoholgehalt, Waschpulver, Werbeprospekten und Kreditverwaltungskosten. Auf unter anderem Nahrungsmittel, Arzneimittel, Presseerzeugnisse und Personenbeförderung findet der stark ermäßigten Mehrwertsteuersatz auf 3 Prozent Anwendung.

Frankreich

Auch in Frankreich gibt es vier verschiedene Mehrwertsteuersätze:

Der Normalsatz liegt bei 20 Prozent. Der ermäßigte Satz variiert zwischen 5,5 und 10 Prozent. Zudem gibt es einen stark ermäßigten Steuersatz von 2,1 Prozent, der Anwendung auf Arzneimittel sowie Nachrichten und Kultur findet.

Spanien

Normalsatz: 21 Prozent

Ermäßigter Satz: 10 Prozent

Stark ermäßigter Satz: 4 Prozent

Italien

Auch in Italien existieren vier verschiedene Mehrwertsteuersätze:

Der Normalsatz liegt bei 22 Prozent, der ermäßigte entweder bei 5 oder 10 Prozent. Zudem gibt es einen stark ermäßigten Mehrwertsteuersatz, der 4 Prozent beträgt.

Schweden

Normalsatz: 25 Prozent

Ermäßigter Satz: 6 bzw. 12 Prozent

Polen

Normalsatz: 23 Prozent

Ermäßigter Satz: 5 bzw. 8 Prozent

Bulgarien

Das ärmste EU-Land kennt zwei Mehrwertsteuersätze: Der reguläre Satz beträgt 20 Prozent, der ermäßigte 9 Prozent.

Frankreich und Luxemburg mussten daraufhin E-Books mit dem regulären Satz besteuern – wie es in Deutschland schon umgesetzt wird: Hierzulande gilt nur für Papier-Bücher der ermäßigte Satz von sieben Prozent, für E-Books und auch für Hörbücher dagegen 19 Prozent.

Das soll nun anders werden: Die EU-Kommission will das Mehrwertsteuersystem reformieren und Betrügereien erschweren. Dazu machte Brüssel zwei Vorschläge: Der erste sieht vor, alles weitestgehend wie bisher zu belassen und trotzdem einen einheitlicher Mehrwertsteuerraum zu schaffen, indem die bisher geltenden Regeln für den grenzüberschreitenden Verkauf von Waren und Dienstleistungen geändert werden. Der andere Vorschlag: Die Mitgliedsstaaten sollen wieder mehr Freiheiten bei der Entscheidung haben, wo der reduzierte Mehrwertsteuersatz greift. Beim EU-Gipfel im März hatten Staats- und Regierungschefs bereits deutlich gemacht, Option zwei zu präferieren.

Doch wie handhaben die EU-Länder die Mehrwertsteuer bisher? Und welche Ausnahmen gibt es? Unserer Korrespondenten berichten.


Deutschland: Zweitniedrigster Regelsatz in der EU

„Zum Hieressen oder zum Mitnehmen?“ Lautet die Antwort in Deutschland „Zum Mitnehmen“, kassiert der Staat weniger Geld. Denn dann fallen sieben Prozent Mehrwertsteuer an, da der ermäßigte Mehrwertsteuersatz für Nahrungsmittel greift. Isst man die Pommes hingegen in der Imbissbude, bezahlt man für eine Dienstleistung – und 19 Prozent Mehrwertsteuer fallen an.

Weitere Kuriositäten in Deutschland: Für den Kauf eines Kindersitzes fallen 19 Prozent an, für eine Fahrt mit dem Skilift hingegen sieben Prozent. Auch Gemälde und Silbermünzen unterliegen dem reduzierten Mehrwertsteuersatz. Windeln, Mineralwasser und Fruchtsäfte hingegen dem regulären.

Trotzdem: Mit seinen 19 Prozent Mehrwertsteuer ist die Steuerlast in Deutschland mit am geringsten in der EU. Nur der Regelsatz Luxemburgs ist mit 17 Prozent geringer. Und wenn man sich auf den Weg nach Helgoland macht, muss man sogar überhaupt keine Mehrwertsteuern bezahlen: Die Nordsee-Insel ist seit mehr als 100 Jahren zoll- und steuerfrei.

Eva Fischer, Düsseldorf

Kommentare (18)

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Account gelöscht!

07.04.2016, 15:05 Uhr

Der Staat = Politiker und Beamte die von Steuergeldern fürstlich leben sind immer gieriger geworden. Die verlangen nicht mehr den Zehnt (10%) wie früher die Adeligen vom Bürger (Untertan) sondern bereits den Neunzehnten (19%) und zwar auf alles und jeden wird heut zu tage Steuer oder Abgabe erhoben. Da waren die Untertanen von früher (in adeligen Zeiten) noch freier als die heutigen Untertanen (Steuer- und Abgabenzahler). Selbst der Grund und Boden gehört zwar oberflächlich einen selber aber der Staat halt im Hintergrund über die Grundsteuer, Grunderwerbssteuer und MWST immer schön die Hand mit auf. Das ist Ausplünderung einer freien Markt-Gesellschaft...damit die Mafia von Politikern und Beamten wie auch Lobbygruppen immer schön fürsltich belohnt und bestochen warden kann....die Ausplünderung der Gesellschaft war noch nie schlimmer als heut zu tage....damit muss endlich Schluss sein und der Bürger muss endlich aus dem staatlichen Steuer- und Abgaben Hamsterrad ausbrechen. Danke!

Herr Old Harold

07.04.2016, 15:19 Uhr


Die Umsatzsteuer sollte in der EU generell auf 25 % angehoben und gleichzeitig sämtliche anderen Steuern abgeschafft werden.

(Denkt `mal drüber nach, wie einfach das Leben dann für die Bürger und Finanzämter wäre!)

Herr Kurt Siegel

07.04.2016, 15:20 Uhr

"Nee"zu Merkel, dies wird unsere naive Kanzlerin ohne Bürger in 2017 hören, wenn sie bei der Bundestagswahl die Union unter 30% geführt hat; aber bis dahin haben die fürstlich entlohnen Technokraten die EU schon an die Wand gefahren; England, evt. Holland und Griechenland sind dann schon nicht mehr in der EU, wobei GR zwangsweise aus der Gemeinschaft verwiesen wurde.

Den Bürger bevormunden, die Glühbirne verbieten und den Winkel von Salatgurken vorgeben, darin sind die Herren in Brüssel echt spitze, aber wenn es um Politik für die Bürger geht (innnere Sicherheit und damit mehr Polizei bzw. Sicherung der Altersvorsorge) dann passiert nicht.

Den Zins auf Null zu setzen, damit marode Südstaaten überleben können, ist der falsche Weg, die Bürger in Deutschland verlieren massiv an Geld und bei der Wahl in 2017 kommt dann die Quittung.

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