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31.07.2013

06:28 Uhr

Europas Krisenstaaten

La dolce vita? War gestern!

VonKatharina Kort, Gerd Höhler, Anne Grüttner

In der Sommerzeit regiert im europäischen Süden das süße Leben. Doch die Krise verändert den Alltag der Menschen. Von Lebensmittelknappheit, Jobsorgen und Rabatten in Strandbars – unsere Korrespondenten berichten.

Noch sind viele Italiener am Strand. Doch  politisch steht ein heißer Herbst bevor.

Noch sind viele Italiener am Strand. Doch politisch steht ein heißer Herbst bevor.

Athen/Mailand/MadridIn Zeiten der Krise haben Zahlen Hochkonjunktur. Da wird mit Millionen, Milliarden und manchmal sogar Billionen jongliert, dass einen erst Schwindel und dann Gleichmut packen. Irgendwann verlieren die Ziffern mit ihren vielen Nullen an Bedeutung. Wie viel Euro steckten noch mal in der Finanzspritze für Mittelständler in Griechenland? 100 Millionen, 500 Millionen oder eine Milliarde? Ist nun die Staatsverschuldung von Italien auf zwei Billionen Euro gestiegen oder war das die Summe für den EU-Haushalt bis 2020? In solchen Größenordnungen verschwimmt vieles.

Es kann auch ein gutes Schutzschild sein, sich hinter Zahlen zu verstecken. 15.000 Stellen muss Griechenland im öffentlichen Dienst streichen. Klar, zwingend notwendig, bei den Schulden. Und vielleicht sieht es auch Christos so, der bei der Stadtverwaltung von Thessaloniki beschäftigt ist. Doch er macht sich Sorgen. Denn die Krise holt ihn ein. Seine Frau Nansi hat es schon getroffen, der Keks-Produzenten Allatini konnte sie nicht mehr bezahlen.

„Die Krise begegnet einem vor allem in den Gesichtern der Menschen“, schreibt unser Korrespondent in Athen. „Als ich vor drei Jahrzehnten nach Athen kam, lernte ich die Griechen als ein optimistisches, lebensfrohes Volk kennen. Jetzt sind sie verzagt und verunsichert.“

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Auch in Spanien und Italien verändert die Krise den Alltag. Auf unterschiedlichste Weise – wie unsere Korrespondenten zu berichten wissen. Geschäfte öffnen auch während der Sommerhitze, Versorgungsengpässe in den Städten – eigentlich üblich im Hochsommer – bleiben deshalb aus. Strandlokale locken mit Sonderangeboten, denn sie wissen, das Urlaubsgeld ist knapp bemessen. Trotzdem fahren die Madrilenen raus aus ihrer Stadt, für ein paar Tage Meerluft schnuppern, das muss sein, trotz Krise.

Kommentare (61)

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Account gelöscht!

31.07.2013, 07:05 Uhr

In Venedig merke ich davon nichts.

Account gelöscht!

31.07.2013, 07:14 Uhr

"Nur noch 1600 Euro beträgt das Urlaubsbudget der Spanier – deutlich niedriger als letztes Jahr, und niedriger auch als der Eurodurchschnitt von 2100 Euro."
Boaah, soviel konnte ich nie für Urlaub ausgeben, trotz Vollzeit Arbeit.
Leider wird bei derartigen Berichten immer wieder vergessen, gleichzeitig auf die Not im eigenen Land hinzuweisen. Die Angst um den Arbeitsplatz herrscht in unserem Lande spätestens seit Hartz IV vor, es gibt genügend Menschen, die dieses Land hier mit aufgebaut haben und sich jetzt bei der tafel mit Lebensmitteln versorgen müssen und Pfandflaschen aus Papierkörben ziehen, weil die Rente nicht reicht, wir haben eine nicht unerhebliche Zahl an Hartz IV Empfängern, die niemals an Urlaub überhaupt denken können und deren Kinder bereits ab der Geburt chancenlos sind.
Einfach nicht vergessen.

Tief-im-Sueden

31.07.2013, 07:32 Uhr

Tief im Süden,
morgens um sieben.
Wir wollten nicht schlafen,
sind wach geblieben.
Vorm Balkon das Mittelmeer.
Warum ist das Leben manchmal schwer?
Reger Betrieb unten im Hafen.
Die Fischer verkaufen,
wenn die Meisten noch schlafen.
Lärm und Hektik bei dem was sie tun
doch man spürt, wie sie in sich ruh'n.

Refrain:
Eine andere Welt, eine andere Zeit.
Die Sonne gibt den Takt an, der Himmel ist weiß.
Die Kunst zu leben, ohne zu ermüden.
Tief im Süden.
Eine andere Welt, ein anderes Land.
Total entschleunigt, völlig entspannt.
Keine Show, kein Getue, keine Plattitüden.
Tief im Süden.

Tief im Süden.

Die Sonne so hell, alles geht
nur weniger schnell.
Irgendwie lässig, aber nicht cool.
Alte Männer am Marktplatz spielen Pool.
Als ob jeder jedem und keiner keinem was schuldet.
Touristen fallen auf, aber werden geduldet.
Das Meer ist groß und für alle da.
Das strahlendste Blau, dass ich jemals sah.

Refrain

Wir sind andere Menschen, wenn wir zu Hause sind.
Für die wenigen Farben auf beiden Augen blind.
Lass uns so schnell wie möglich wieder langsam werden
so wie hier, der Himmel auf Erden.

Zitat/Quelle/Text/Song: Wise Guys - Tief im Süden

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