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19.09.2015

12:03 Uhr

Evangelos Meimarakis

Der nette Konservative von nebenan

Die griechischen Konservativen haben einen neuen Mann an der Spitze: Evangelos Meimarakis. Mit seiner Bürgernähe versucht er seinem jungen Kontrahenten Alexis Tsipras Paroli zu bieten. Das gelingt ihm erstaunlich gut.

Evangelos Meimarakis (61) ist neuer Chef der konservativen Nea Dimokratia Reuters

Evangelos Meimarakis

Evangelos Meimarakis (61) ist neuer Chef der konservativen Nea Dimokratia

AthenWer ihn nicht kennt, könnte ihn für einen netten Nachbarn von nebenan halten. Evangelos Meimarakis (61), der Chef der konservativen Nea Dimokratia, wirkt freundlich, gelassen und direkt. Große Sorgen scheint er nicht zu kennen.

Meimarakis war stets ein treuer Parteisoldat. Auf der großen politischen Bühne sammelte er Erfahrung als Minister und Parlamentspräsident. Als im Juli der frühere Parteichef Antonis Samaras ihn zu seinem vorläufigen Nachfolger ernannte, übernahm er klaglos das Steuer bei den angeschlagenen Konservativen.

Und er macht es gut. Es gelang ihm, fast so populär zu werden wie sein zwei Jahrzehnte jüngerer Gegner Alexis Tsipras (41). Alle Umfragen deuten auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Tsipras bei der Wahl am 20. September hin.

19 Parteien nehmen an Parlamentswahl in Griechenland teil

19 Parteien, neun mit Chancen

Zur Parlamentswahl in Griechenland treten 19 Parteien und Parteibündnisse an. Umfragen zufolge haben neun von ihnen die Chance, die Drei-Prozent-Hürde zu überspringen und damit ins Parlament einzuziehen.

Bündnis der radikalen Linken (Syriza)

Die Partei von Alexis Tsipras hat das Land von Ende Januar bis Ende August regiert. Syriza ist ein Sammelbecken linker Bewegungen. Falls das Bündnis wieder an die Macht kommt, will es eine Umstrukturierung der griechischen Schulden durchsetzen, das Sparprogramm aber einhalten.

Der Fluss (To Potami)

Die pro-europäische Partei wurde erst 2014 gegründet. In ihren Reihen finden sich zahlreiche Uni-Professoren und Journalisten. Die Partei fordert eine möglichst breite Zusammenarbeit der politischen Kräfte, um aus der Krise zu kommen.

Goldene Morgenröte (XA)

Die rechtsradikale Partei hetzt offen gegen Migranten. Fast gegen die gesamte Führung läuft derzeit ein Prozess wegen der Bildung einer kriminellen Organisation. Mitglieder der Ultrarechten sollen 2013 einen linken Rapper totgeschlagen haben.

Kommunistische Partei Griechenlands (KKE)

Die Kommunisten sprechen sich für einen Austritt des Landes aus der Eurozone und der EU aus.

Nea Dimokratia (ND)

Die von Evangelos Meimarakis geführte konservative Partei hat Griechenland 1981 in die Europäische Gemeinschaft (EG) geführt; sie spricht sich vehement für den Verbleib des Landes in der Eurozone aus.

Panhellinische sozialistische Bewegung (Pasok)

Die panhellenische sozialistische Bewegung (Pasok) und die kleine demokratische Linke (Dimar) haben für die Wahl ein Bündnis gebildet. Die Pasok geht derzeit durch schwierige Zeiten. Die Wahl 2009 hatte sie noch mit rund 44 Prozent gewonnen. Heute kommt die Partei, die 2010 den Internationalen Währungsfonds und die Euro-Partner um Hilfe gebeten hatte, in Umfragen auf etwa 4,5 Prozent.

Zentrumsunion (Enosis Kentroon)

Laut Umfragen könnte auch diese Partei ins Parlament einziehen. Ihr Chef, Vasilis Leventis, gilt als eine Kultfigur des griechischen Trash-Fernsehens der vergangenen Jahrzehnte.

Volkseinheit (LAE)

Die Partei ist durch die Spaltung der Syriza entstanden. Ihr Chef Panagiotis Lafazanis fordert den Austritt aus der Eurozone. Griechenland solle zudem seine Schulden nicht zurückzahlen.

Unabhängige Griechen (AE)

Die Führung der rechtspopulistischen Partei, einer Abspaltung der konservativen Nea Dimokratia, spricht von einer „Besetzung“ Griechenlands durch die Geldgeber. Allerdings waren die Rechtspopulisten erst im Januar eine Koalition mit der Syriza einzugehen. Die Partei stimmte dem neuen Sparprogramm geschlossen zu. Laut Umfragen muss sie nun um den Wiedereinzug ins Parlament zittern.

Großes Charisma versprüht Meimarakis nicht. Sein Vorteil ist: Er spricht wie ein einfacher Mann. Und er pflegt das. Seine Freunde nennen ihn wegen seiner schwerfälligen Stimme und seiner Gelassenheit „Vangélis“. Oder „Vangélas“ - ein typischer Spitzname eher für einfache Schauerleute und schräge Hafenfiguren.

Er ist so direkt, dass er seine Gesprächspartner manchmal überrascht - sogar Tsipras: „Sag mal. Ich kann morgen früh in Deinem Parteibüro vorbeikommen. Dann können wir über eine große Koalition reden“, sagte Meimarakis dem verwundert wirkenden Tsipras bei einer Fernsehdebatte vergangene Woche.

Meimarakis macht keinen Hehl daraus: Wo das Land jetzt hingelangt ist, bleibt keine andere Lösung als eine breite parteiübergreifende Zusammenarbeit. Andernfalls wären die harten Sparmaßnahmen nicht durchsetzbar. Er werde alles für diese Zusammenarbeit tun, betont er: bei einem Sieg seiner Partei - aber auch bei einer Niederlage.

Meimarakis' Familie stammt aus Kreta. Bereits sein Vater war Abgeordneter der Konservativen. Evangelos Meimarakis wurde in Athen geboren, studierte Jura und Politische Wissenschaft und begann seine politische Karriere 1974 in der Jugend der Nea Dimokratia. Seit 1989 wird er immer wieder ins Parlament gewählt. 2007 bis 2009 war er Verteidigungsminister, danach 2012 bis 2015 Parlamentspräsident.

Große Schlagzeilen hat er nie gemacht. Offenbar ist das jetzt ein Vorteil des Mannes, der mit seiner Frau und seinen zwei erwachsenen Töchtern so normal wirkt. Die alten Promis der Nea Dimokratia werden von den Wählern für die Misswirtschaft der vergangenen Jahrzehnte mitverantwortlich gemacht. Sie stehen nun im Hintergrund und lassen „Vangélas“ machen.

Von

dpa

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