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27.06.2011

16:30 Uhr

Ex-Bundesbanker kritisiert Griechenland-Politik

Professor Weber erteilt der Eurozone Ratschläge

Axel Weber rechnet mit dem Krisenmanagement in der Schuldenkrise ab: Die "Salamitaktik" der Eurozone führe in eine Sackgasse, am Ende komme Europa kaum an einer kompletten Schuldengarantie für Griechenland vorbei.

Der frühere Bundesbank-Präsident Axel Weber unterrichtet jetzt an der Uni Chicago Geldpolitik. Quelle: dpa

Der frühere Bundesbank-Präsident Axel Weber unterrichtet jetzt an der Uni Chicago Geldpolitik.

Der frühere Bundesbankchef Axel Weber hat indirekt eine vollständige Garantie der EU für Griechenlands Schulden ins Spiel gebracht. Die Alternativen dazu wären ein Schuldenschnitt oder ein chaotischer Zahlungsausfall, der eine noch breitere Finanzkrise auslösen könnte, warnte Weber in seinem ersten größeren Interview nach seinem Rücktritt aus dem Vorstand der Bundesbank. Seit einigen Wochen lehrt Weber als Gastprofessor an der Universität von Chicago. In seiner Antrittsrede vor einem Monat hatte er sich zwar bereits sehr kritisch geäußert, konkrete Ratschläge aber vermieden.

Im Gespräch mit dem Wall Street Journal legt sich der renommierte Geldpolitiker keine Zurückhaltung mehr auf. Das bisherige Krisenmanagement der Euro-Zone habe sich allein auf die akuten Finanzsorgen Griechenlands konzentriert, habe dem überschuldeten Land aber keine glaubwürdige, langfristige Lösung für den wachsenden Schuldenberg geboten. Gerade diese Unsicherheit nähre die Ängste vor einer Zahlungsunfähigkeit und destabilisiere die Märkte.

Welche Folgen hätte eine griechische Staatspleite für Europa?

Banken

Mangels Käufer müssten weltweit Banken ihre Hellas-Anleihen in den Bilanzen abschreiben: an erster Stelle griechische und andere europäische Banken. Auch viele andere Institutionen wie Versicherungen oder Pensionsfonds haben die Papiere in ihren Büchern. Zudem wird ein Dominoeffekt ausgelöst: Wer für seine Anleihen eine Kreditausfallversicherung am Markt abgeschlossen hat, muss nun ausbezahlt werden. Weitere Abschreibungen sind die Folge. Griechische Anleihen sind auch in strukturierten Wertpapieren enthalten, die ebenfalls an Wert verlören.

Ansteckungsgefahr

Höchstwahrscheinlich würden auch die Refinanzierungskosten der anderen Euro-Schwächlinge Portugal und Irland sofort in die Höhe schießen. An den Kapitalmärkten würde spekuliert, dass Portugal als nächstes seinen Schuldendienst einstellen muss. Bereits jetzt wird an den Märkten die Wahrscheinlichkeit einer Pleite binnen der kommenden 24 Monate als sehr hoch eingeschätzt. Wackelt Portugal, rückt auch Spanien erneut ins Visier der Spekulanten. Denn spanische Banken sitzen nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) auf portugiesischen Schulden in Höhe von 80 Milliarden Euro. Ein Ausfall würde das ohnehin angeschlagene Banksystem hart treffen und damit den spanischen Staat, der seine Geldinstitute stabilisieren müsste.

Reißt die Krise Spanien mit in den Abgrund, wäre der GAU voraussichtlich da: Das Land hat die viertgrößte Volkswirtschaft in Europa. Der Euro-Rettungsschirms EFSF wäre überfordert. In der Folge würden auch Deutschland und Frankreich angesteckt: Französische Banken halten der BIZ zufolge spanische Anleihen im Umfang von etwa 140 Milliarden Euro - doppelt so viel wie griechische. Deutsche Institute sind mit 180 Milliarden dabei, sechs Mal soviel wie sie in Griechenland investiert haben.

Sicherheiten

Bei einer Staatspleite könnten griechische Banken griechische Staatsanleihen nicht mehr bei der Europäischen Zentralbank (EZB) als Sicherheiten für ihre kurzfristige Refinanzierung hinterlegen. Das griechische Bankensystem wäre in Windeseile pleite, wenn keine kurzfristige Lösung gefunden wird. Ein „bank run“ wäre kaum noch zu vermeiden: Vor den Filialen würden sich Schlangen bilden, jeder würde versuchen, schnell noch Geld abzuholen. Die
griechische Regierung müsste Auszahlungs-Limits erlassen, um den endgültigen Kollaps der Banken und einen Zusammenbruch des Bargeldverkehrs zu stoppen.

Die Bevölkerung würde auch an anderer Stelle hart getroffen: Der Staat könnte die Gehälter für Staatsdiener nicht mehr zahlen und Rechnungen etwa für Bauprojekte nicht mehr begleichen. Die Folge wäre ein sprunghafter Anstieg der Arbeitslosigkeit. Würde sich die EZB entschließen, die Pleiteanleihen doch zu nehmen, würde sie damit voraussichtlich Verluste einfahren. Muss infolgedessen die EZB rekapitalisiert werden, träfe das die anderen Euro-Länder, an erster Stelle das größte: Deutschland.

Die Eurozone, argumentiert Weber, habe nur sehr begrenzte Optionen. Fahre sie ihre derzeitige kurzsichtige Strategie weiter, so Weber blieben als Optionen nur der Zahlungsausfall, ein teilweiser Schuldenschnitt ("Haircut") - oder eben eine EU-Garantie für alle ausstehenden Schulden Griechenlands. "Die Regierungen müssen sich entscheiden, welche Option sie wollen", sagt Weber, "aber wenn sie mit ihrer derzeitigen Salamitaktik weiter machen, landen sie automatisch bei der letzten Option."

In einer Stellungnahme gegenüber dem Handelsblatt legt Weber Wert darauf, dass er keine Empfehlung für eine umfassende Schuldengalerie ausgesprochen haben. Er habe seine alte Position bekräftigt, dass ein Zahlungsausfall ("Default") "immer eine Option bleiben muss". Wenn die Euro-Zone jedoch weiter nur Kurzfristlösungen suche, ende man "unausweichlich damit, faktisch alle ausstehende alte Staatsverschuldung Griechenlands sukzessive zu garantieren", betont Weber in einer schriftlichen Stellungnahme.

Schuldenkrise: Weber rechnet mit Euro-Rettern ab

Schuldenkrise

Weber rechnet mit Euro-Rettern ab

Axel Weber mischt er sich wieder ein: Mit deutlichen Worten nimmt der Ex-Bundesbankpräsident in seiner Antrittsvorlesung als Professor in Chicago das Krisenmanagement der Euro-Retter auseinander. VON BERND KUPILAS

Eine solche Garantie käme der Ausgabe von Eurobonds gleich - wodurch die Eurozone kollektiv die Verantwortung für die Schulden eines Mitgliedslandes übernimmt. Das hatten auch andere Experten schon vorgeschlagen, gilt aber vor allem im Berliner Bundesfinanzministerium als Tabubruch, der die Sparbemühungen der Schuldenländer unterminiere.

Im Wall Street Journal sagt Weber weiter, irgendwann müsse man seine Verluste einfach begrenzen und das System komplett neu starten. So hätten Deutschland und einige andere europäische Staaten bei der Rettung einiger von der Finanzkrise bedrohten Banken gehandelt, so müssten sie nun wohl auch im Falle Griechenlands eingreifen. Griechenlands Probleme seien nicht auf die Einführung des Euros zurückzuführen, sondern das Ergebnis von tief-verwurzelten fiskalischen und strukturellen Gründen. Um das zu ändern müssen man nicht drei oder vier, sondern eher 30 Jahre veranschlagen.

Kommentare (27)

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Account gelöscht!

27.06.2011, 12:27 Uhr

Damit liegt Herr Weber voll auf der Linie von Prof. Homburg, der heute im Spiegel-Interview ebenfalls davon ausgeht, dass Griechenland voll gestützt wird und die Anleihen zu 100% bedient würden. Allenfalls eine Laufzeitverlängerung, die das Rating nicht beeinflusst, käme für Banken in Betracht. Er empfielt sogar Privatleuten jetzt Griechenanleihen mit einer Verzinsung von 25 % zu kaufen. Dies habe er selbst kürzlich auch getan. Die Papiere seihen risikolos, weil die EU-Staaten Griechenland nicht fallen lassen. Keiner der maßgeblichen Politiker will in die Geschichte als Zerstörer des Euro oder gar der europäischen Union eingehen. Das überlasse man späteren Politikergenerationen. Die Rettungsschirme würden nur aufgelegt, um Zeit zu gewinnen.
Artikelzitat Weber:
"Irgendwann müsse man seine Verluste einfach begrenzen und das System komplett neu starten, begründet Weber seine Haltung."
Da sind wir wieder bei dem Kernproblem unseres zinsbasierten Geldsystems. Wie drückte es Dirk Müller gestern abend bei Anne Will aus: "Wir stehen, wie schon mehrmals in der Geschichte des Geldes unmittelbar davor, das System auf Null stellen zu müssen. Nur will es keiner der Verantwortlichen sagen gescheige denn tun."

andycayoon

27.06.2011, 12:50 Uhr

wallibelli hat m.E. nicht verstanden, was Prof. Weber mit "System neue starten" meinte, nämlich neue Spielregeln in Euroland, künftiger Umgang mit Schulden, no bail out etc. Solche neuen Regeln (die teilweise bisher fehlten) sind auch erforderlich, wie die aktuelle Situation zeigt. Man kann sie aber erst nach der "Garantie für Griechenland" starten.Das, was der Oberschlaumeier Dirk Müller gestern abend sagte, meinte etwas völlig anderes und entspricht eher den Untergangszsenarien der Internet-Blogger mit Zwangsenteignung, alle erhalten wieder das gleiche Startgeld und Tumulten. Belege für seine Thesen lieferte Herr Müller nicht. Merkwürdig nur, dass solche Bermerkungen von jemandem kommen, der am System bisher beteiligt war.

HerrSaubermann

27.06.2011, 12:52 Uhr

Also, kann ja schon sein, dass ich ein Verständnisproblem habe, aber das, was im ersten Abschnitt geschrieben steht ("Der frühere Bundesbankchef Axel Weber hat einen vollständige Garantie der EU für Griechenlands Schulden vorgeschlagen") ist doch nicht die Kernaussage von Herrn Weber. Der sagt doch quasi: "Wenn ihr so weiter macht, dann bleibt nur noch die vollständige Garantie. Die vollständige Garantie ist nicht sein Vorschlag, sondern das Ende vom Ende, wenn die Politik weiter Salami schneidet.

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