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29.08.2016

16:27 Uhr

Ex-Chefstatistiker Georgiou

Der griechische Sündenbock

VonGerd Höhler

Griechische Politiker suchen einen Verantwortlichen für die Schuldenmisere des Landes: Der frühere Chef der staatlichen Statistikbehörde soll ins Gefängnis. Für Premier Tsipras könnte die Kampagne nach hinten losgehen.

Griechenland ist verschuldet, doch wer trägt dafür die Schuld?

Akropolis

Griechenland ist verschuldet, doch wer trägt dafür die Schuld?

AthenFinanzielle Überlegungen dürften es nicht gewesen sein, die Andreas Georgiou im Sommer 2010 bewogen, seine gut dotierte Stelle als stellvertretender Chefstatistiker beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington aufzugeben und die Leitung des staatlichen griechischen Statistikamts Elstat zu übernehmen. „Es war die Aufgabe, die mich gereizt hat“, sagt der in den USA ausgebildete Georgiou.

Die Athener Behörde hatte damals keinen guten Ruf. „Greek Statistics“ war ein geflügeltes Wort in Brüssel, seit sich zu Beginn der Schuldenkrise herausstellte, dass die griechischen Regierungen mehr als ein Jahrzehnt lang Haushaltsdaten systematisch manipuliert hatten. So soll sich Athen Ende der Neunzigerjahre mit geschönten Defizitzahlen den Beitritt zur Euro-Zone erschwindelt haben. Griechenlands Kreditgeber forderten Einschnitte: Die verfilzte Behörde müsse unabhängig von politischen Weisungen werden und nach transparenten Methoden arbeiten.

Georgiou gab 2010 seine gut dotierte Stelle als stellvertretender IWF-Chefstatistiker auf, um das griechische Statistikamt zu leiten. „Es war die Aufgabe, die mich gereizt hat“, sagt der in den USA ausgebildete Georgiou. AP

Andreas Georgiou

Georgiou gab 2010 seine gut dotierte Stelle als stellvertretender IWF-Chefstatistiker auf, um das griechische Statistikamt zu leiten. „Es war die Aufgabe, die mich gereizt hat“, sagt der in den USA ausgebildete Georgiou.

Georgiou sollte es als neuer Chefstatistiker richten. Im August 2015 kehrte er nach fünfjähriger Amtszeit in die USA zurück – Mission erfüllt, lautet das Urteil der internationalen Fachwelt: Die Elstat-Daten gelten in Brüssel wieder als zuverlässig.

Doch genau das könnte Georgiou jetzt zum Verhängnis werden. Anfang August entschied der Oberste Gerichtshof in Athen: Der frühere Statistikchef muss vor Gericht. Ihm wird nicht etwa vorgeworfen, Defizitzahlen schöngerechnet zu haben, wie es in Athen bis dahin üblich war. Georgiou soll das Haushaltsdefizit des Jahres 2009 zu hoch angesetzt und Griechenland damit dem Würgegriff der internationalen Kreditgeber ausgeliefert haben, die dem Land im Mai 2010 ein striktes Sparprogramm verordneten. Damit habe Georgiou den „nationalen Interessen geschadet“, so die Anklage. Darauf stehen bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Der 56-jährige Georgiou versteht die Vorwürfe nicht. Er habe bei der Defizitberechnung lediglich „die diesbezüglichen Regeln der EU und die international üblichen statistischen Prinzipien angewandt“. Eine seiner ersten Amtshandlungen, nachdem er am 2. August 2010 die Leitung bei Elstat übernommen hatte: Fortan wurde nach den Eurostat-Regeln ESA95 gerechnet. Sie galten zwar bereits seit 1996, wurden aber in Athen ignoriert.

Griechenlands Schuldenkrise in Zahlen

2012: Staatsverschuldung

305,1 Milliarden Euro (160% des BIP)

2012: Haushaltsdefizit

16,9 Milliarden Euro (8,8% des BIP)

2013: Staatsverschuldung

320,5 Milliarden Euro (178% des BIP)

2013: Haushaltsdefizit

23,5 Milliarden Euro (13% des BIP)

2014: Staatsverschuldung

319,7 Milliarden Euro (180% des BIP)

2014: Haushaltsdefizit

6,5 Milliarden Euro (3,6% des BIP)

2015: Staatsverschuldung

311,5 Milliarden Euro (177% des BIP)

2015: Haushaltsdefizit

12,8 Milliarden Euro (12,8% des BIP)

Mit der Einführung von ESA95 stellte Georgiou zwar international das erschütterte Vertrauen in das Statistikamt wieder her, machte sich aber in der griechischen Politik viele Feinde. Denn nun flossen plötzlich Defizite von Staatsunternehmen, Transfers an die Sozialkassen und andere Transaktionen, die man bisher gegenüber Brüssel verschleiert hatte, in die Haushaltsrechnung ein.

Die Folge: Im Oktober 2010 revidierte Elstat die bereits mehrfach nach oben korrigierte Defizitquote des Jahres 2009 erneut auf schwindelerregende 15,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Eurostat bestätigte die neuen Zahlen. „Das Spiel ist aus“, donnerte der damalige Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker.

Kommentare (7)

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Herr Rudolf Ott

29.08.2016, 17:58 Uhr

Schlagend der Beweis wie sich Politiker vor der Verantwortung drücken. - Und zwar nicht nur bei den Griechen. Eines wird deutlich: Griechenland gehört weder in die EU noch in die Euro-Zone. Neben den Realitätsverweigeren in Griechenland muss auch Brüssel an den Pranger. Höchstbezahlte Eurobürokraten haben versagt und die Schummeleien ignoriert. Es ist die Kommission und der Rat, die versagt haben.
Wer macht dem Drama EU und Euro endlich ein Ende?

Frau Annette Bollmohr

30.08.2016, 09:31 Uhr

Ausschnitt: „Seit Jahren gab es Bemühungen, den Nestbeschmutzer Georgiou zu belangen. Mehrere Untersuchungsrichter lehnten indes die Einleitung eines Strafverfahrens ab. Erst als der Links-Premier Alexis Tsipras in diesem Sommer Xeni Dimitriou zur neuen Generalstaatsanwältin ernannte, kam Bewegung in den Fall.“

Wir brauchen – und das beileibe nicht nur in Griechenland – keine Sündenböcke und erst recht keine Politiker, die ständig danach suchen, sondern endlich echten gesamtgesellschaftlichen (= globalen) Fortschritt!!!

(By the way, wir brauchen überhaupt keine Politiker mehr, sondern nur noch auf demokratische Weise zustandegekommene Institutionen, die unser Zusammenleben – gestützt auf unsere technischen Errungenschaften, hier insbesondere die der IT, versteht sich - unsere individuellen Wünsche, Bedürfnisse und getroffenen Entscheidungen so koordinieren, dass wir tatsächlich vorwärtskommen können, statt uns ständig gegenseitig zu blockieren!)

Herr Heinz Keizer

30.08.2016, 09:48 Uhr

@Frau Annette Bollmohr
das funktioniert doch nicht mal in Vereinen oder Betrieben. Wer soll das was koordinieren? Ein Computer? Wie kommen die Entscheidungen zustande? Individuelle Wünsche? Einige träumen immer noch von mehr Multi-Kulti. Ich liege auf der österreichischen Linie. Dann werden in Zukunft keine Politiker mehr manipuliert (durch erwartete Wahlgeschenke), sondern Computer. Wie sollen denn Entscheidungen zustande kommen? In GB hat es auch eine demokratische Abstimmung gegeben. Das Ergebnis ist alles andere als optimal. Auch für die Brexit-Befürworter.

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