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27.08.2016

15:36 Uhr

Ex-Flüchtlinge vom Balkan

Nach dem Abschied aus Deutschland

Es ist eine schwierige Rückkehr: Viele Asylanträge von Flüchtlingen aus dem Balkan werden abgelehnt. Der Neustart in der Heimat beginnt mit vielen Problemen. Eine Organisation setzt auf kleine, gezielte Hilfen.

In weiten Teilen des Kosovo herrscht bittere Armut. Trotz geringer Aufnahmechancen wollen viele Kosovaren nach Deutschland. dpa

Roma in Kosovo Polje

In weiten Teilen des Kosovo herrscht bittere Armut. Trotz geringer Aufnahmechancen wollen viele Kosovaren nach Deutschland.

PristinaDer unscheinbare Zweckbau am Rande der Kosovo-Hauptstadt Pristina ist die Adresse für viele Träume und Hoffnungen. Es handelt sich um die von acht deutschen Bundesländern und vom Bund finanzierte Organisation „Ura“ (Brücke). Hier kommen die Asylbewerber an, deren Anträge in Deutschland abgelehnt wurden. Und das sind fast alle. Denn die Albaner aus dem jüngsten Staat Europas bringen in der Regel nur ein Argument für ihren Wunsch vor, dauerhaft in Deutschland zu leben: die bittere Armut zu Hause.

„Sozialberatung, Arbeitsvermittlung, psychologische Betreuung. Das sind unsere drei Säulen“, schildert „Ura“-Leiterin Eylem Akyildiz das Konzept. Die Juristin mit türkischen Wurzeln versucht mit 15 Mitarbeitern, den aus Deutschland zurückgekehrten Enttäuschten trotz allem einen Neustart zu ermöglichen. „Das reicht von der Hilfe bei Behördengängen, Miet- und Lohnkostenzuschüssen, Finanzierung von Möbeln oder Küchen, Überbrückungsgeldern bis zur Begleitung in die Selbstständigkeit“, erklärt die resolute Frau.

Es sind keine Riesensummen, die hier aber schon helfen. Da ein Zuschuss zur Miete von 100 Euro, dort ein Überbrückungsgeld von 50 Euro pro Familienmitglied. Ein anderer bekommt für einige Monate einen Zuschuss zum Lohn, damit er im Arbeitsmarkt Fuß fassen kann. Denn: „Wer einmal vermittelt ist, bleibt in der Regel dauerhaft beschäftigt“, weiß Akyildiz. Daher berichtet sie stolz von den vielen Erfolgsgeschichten von heute selbstständigen Friseuren, Mechanikern oder kleinen Bauunternehmern: „Ein Holzfäller konnte sich mit der Finanzierung einer einzigen Säge ebenso eine Existenz aufbauen wie ein Musiker, dem wir den Kauf einer Trommel und einer Flöte bezuschusst hatten.“

Elektriker Naser Murati (50) hatte es mit seiner Frau Ilona (45) zwischen 1993 und 1999 in Deutschland schon geschafft. Wegen des Bürgerkrieges zu Hause wurde er als politischer Flüchtling anerkannt. Aus Heimweh ging er freiwillig zurück. 2014 stellte er einen neuen Antrag, der aber ein Jahr später negativ entschieden wurde. Denn der Bürgerkrieg war schon längst Geschichte und die jetzt noch vorgebrachten wirtschaftlichen Gründe zählten nicht.

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Er kehrte freiwillig in seine Heimatstadt Ferizaj zurück und brachte Schwung in seine wirtschaftliche Existenz dank „Ura“. Die finanzierte ihm drei Treibhäuser. Mit dem Anbau von Paprika, Tomaten, Erdbeeren und seiner Spezialität Wassermelonen schafft er ein bescheidenes Auskommen. „Ich bin zufrieden mit meiner Lage“, sagt er in gutem Deutsch. Auch Ridvan Musli (42) aus der Stadt Prizren im Süden kommt mit seiner Musik auf Familienfeiern auf ein bescheidenes aber auskömmliches Salär.

Das Gegenteil ist im benachbarten Montenegro zu beobachten. Hier kommt bei den Rückkehrern praktisch keine Integrationshilfe aus Deutschland an. Handabaka Suad (34) aus der im Norden gelegenen Stadt Plevlja hat als Kellner keinerlei Einkünfte. Und weil die Lage so katastrophal ist, sieht er auch keine Überlebenschance zu Hause. „Mein einziger Ausweg: Ich muss wieder etwas in Deutschland versuchen.“

Asylsuchende in Deutschland

Asylanträge

Die beim Bamf eingegangenen Asylgesuche bilden die einzige gesicherte Zahl. Im Gesamtjahr 2015 waren das 476.649 und damit rund 273.800 oder 135 Prozent mehr als 2014. Die bisherige Rekordzahl liegt 23 Jahre zurück: Unter anderem als Folge der Balkan-Kriege gab es 1992 438.200 Asylanträge.
Hauptherkunftsländer der Antragsteller waren 2015 Syrien (162.510), Albanien (54.762), Kosovo (37.095), Afghanistan (31.902) und Irak (31.379). Nimmt man noch Serbien (26.945) und Mazedonien (14.131) hinzu, kamen rund 133.000 Asylanträge aus vier der sechs Westbalkan-Länder, die 2014 und 2015 zu sicheren Herkunftsländern erklärt wurden.

Easy-Zahlen

Eingereist sind 2015 weitaus mehr Flüchtlinge und Asylbewerber. Das zeigt die Datenbasis zur Erstverteilung von Asylsuchenden (Easy), in der Schutzsuchende registriert werden, um nach einem festgelegten Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer verteilt zu werden. Dort wurden laut Innenministerium 2015 rund 1,092 Millionen Zugänge registriert. Darunter waren rund 428.500 Syrer (rund 40 Prozent). Während die Neuzugänge bis November jeden Monat deutlich stiegen, gingen sie im Dezember zurück auf 127.300 nach 206.100 im Vormonat.
Die Easy-Zahl übersteigt die Asylanträge, weil viele Asylsuchende schon vor dem Asylantrag von den Ländern an die Kommunen weitergeleitet werden, da die Kapazitäten der Erstaufnahmeeinrichtungen erschöpft sind. Der formale Asylantrag kann sich daher um Wochen verzögern. Eine unbekannte Zahl der bei Easy Registrierten nutzt Deutschland auch nur als Durchgangsstation etwa auf der Reise nach Skandinavien.

Entschiedene Asylanträge

Das Bundesamt für Migration entscheidet zwar über mehr Anträge als im vorigen Jahr. Doch mit dem raschen Zustrom der Flüchtlinge hält es nicht Schritt. Laut Bilanz für 2015 wurden 282.726 Entscheidungen getroffen, mehr als doppelt so viele wie 2014. Davon erhielten 48,5 Prozent den Flüchtlingsstatus laut Genfer Konvention zuerkannt und dürfen damit in Deutschland bleiben. Davon wiederum wurden 2029 (0,7 Prozent aller Entscheidungen) als Asylberechtigte nach Artikel 16a des Grundgesetzes anerkannt. Von den entschiedenen syrischen Anträgen wurden 95,8 Prozent als Flüchtlinge anerkannt. Für Albaner, Kosovaren und Serben lag die Quote bei null Prozent.

Nicht entschiedene Anträge

Die Zahl der noch nicht entschiedenen Anträge stieg bis Ende 2015 auf 364.664. Hinzu kommt eine nicht bezifferbare Zahl von Flüchtlingen, die bereits registriert sind, deren Asylantrag aber noch nicht erfasst wurde. Der Antragsrückstau ist eines der größten Probleme. Das Bamf hat daher für 2016 4000 weitere Stellen bewilligt bekommen, wodurch die Mitarbeiterzahl auf etwa 7300 steigt. Bamf-Chef Frank-Jürgen Weise, der auch Chef der Bundesagentur für Arbeit ist, zeigte sich am Dienstag zuversichtlich, dass die 4000 neuen Beschäftigten „im besten Fall bis Mitte des Jahres qualifiziert im Einsatz“ seien.

Verfahrensdauer

Als ersten Erfolg werten das Bamf und das Innenministerium, dass sich die Verfahrensdauer für Syrer verkürzt hat. Sie stieg nach Angaben des Innenministeriums von 3,5 Monaten (Januar 2015) zunächst auf 4,3 Monate (Juni), sank bis Dezember aber auf 2,5 Monate. Für Antragssteller, die seit Jahresbeginn 2016 eingereist sind, könnte es wieder länger dauern: Für sie gilt wieder die Einzelfallprüfung mit persönlicher Anhörung durch den sogenannten Entscheider.

Ganz ähnlich die Lage bei der Familie Aleksandar (52) und Milena (49) Markovic in Bijelo Polje, die von Juli 2015 bis Juni 2016 in Deutschland waren. Der Kameramann und die Schneiderin sehen mittelfristig für sich null Perspektive. „Es gibt keine Arbeit, keine Sozialhilfe und die Behörden werfen uns noch Knüppel zwischen die Beine, wenn wir selbst etwas versuchen wollen“, berichten sie verbittert.

Das Kontrastprogramm: „Wir müssen uns bei Deutschland von tiefstem Herzen bedanken. Alle waren zu uns korrekt, hilfsbereit und freundlich“, sagt das Ehepaar. Und vor allem: Ihr 14-jähriger Sohn Nemanja, der durch eine Landmine schwer verletzt worden war, konnte in Deutschland operiert werden. Zwar hatte Montenegro der Familie eine einmalige Finanzhilfe versprochen, wenn sie freiwillig zurückkehren. Doch daraus wurde nichts. Das Resultat: „Hier hält uns nichts, wir müssen noch einmal auf Deutschland bauen.“

Von

dpa

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