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25.07.2014

15:58 Uhr

Ex-Mossad-Chef Efraim Halevy

„Die Hamas lebt in einer Fantasiewelt“

VonPierre Heumann

ExklusivUS-Außenminister Kerry schlägt eine Feuerpause im Gazastreifen vor. Der ehemalige Mossad-Chef Efraim Halevy hält davon wenig. Erst wenn die radikalislamische Hamas empfindlich geschwächt sei, sei eine Waffenruhe möglich.

Efraim Halevy leitete von 1998 bis 2002 den israelischen Geheimdienst Mossad. Getty Images

Efraim Halevy leitete von 1998 bis 2002 den israelischen Geheimdienst Mossad.

Tel AvivEine Waffenruhe scheint im Gazastreifen weit entfernt. Immerhin liegt nun ein möglicher Fahrplan vor. US-Außenminister John Kerry hat den Konfliktparteien einen konkreten Vorschlag über eine einwöchige Feuerpause unterbreitet. Mit Einstellung der Kämpfe sollten unter ägyptischer Vermittlung Gespräche über eine längerfristige Friedenslösung aufgenommen werden sollen, berichtet die israelische Zeitung „Haaretz“ am Freitag.

Für Ex-Mossad-Chef Efraim Halevy ist ein Ende des Gazakriegs dagegen erst denkbar, wenn entweder die israelische Armee oder die Hamas einen klaren Sieg vorweisen kann. Einen Waffenstillstand, der auch nur den Anschein erweckt, als habe die radikalislamische Hamas ihre Interessen durchgesetzt, werde es mit Israel nicht geben. „Eine Waffenruhe ist für uns erst möglich, wenn die Hamas dermaßen stark geschlagen und geschwächt ist, dass sie anerkennen muss, in einer schwächeren Position zu sein als wir,“ sagt Halevy, der von 1998 bis 2002 den israelischen Geheimdienst Mossad geleitet hat und als einer der besten Kenner des Nahen Ostens gilt, im Gespräch mit Handelsblatt Online.

Immerhin kann die Hamas laut Halevy bereits einen Erfolg verbuchen: „Sie hat Netanjahu eine neue Agenda aufgezwungen“, sagt Halevy. Die wichtigsten Themen von Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu seien vor einem Monat noch die Nuklearpläne Teherans, der Bürgerkrieg in Syrien sowie der Vormarsch des Islamischen Staates im Irak und in Syrien (IS) gewesen. „Jetzt wird er durch den Krieg gegen die Hamas voll absorbiert.“

Raketen verschiedener Reichweite im Gazastreifen

Insgesamt 10.000 Raketen

Militante Palästinenser im Gazastreifen sind nach Informationen der israelischen Armee im Besitz von etwa 10.000 Raketen mit verschiedenen Reichweiten. Die Geschosse lagerten in unterirdischen Tunneln oder seien in Wohngebäuden, Schulen und Kindergärten untergebracht. Damit sollen Angriffe erschwert und verhindert werden. Eines der Ziele der israelischen Bodenoffensive ist es, unterirdische Raketenabschussrampen in dem Palästinensergebiet zu zerstören.

Iranische Fadschr-Raketen

Bei dem Hamas-Arsenal handelt sich den Informationen zufolge vor allem um iranische Fadschr-Raketen, die eine Reichweite von etwa 80 Kilometern hätten.

Mittelschtreckenraketen

Weitere Raketen können aber auch den Norden Israels erreichen: Nach Militärinformationen befinden sich im Gazastreifen auch mehrere hundert Mittelstreckenraketen vom Typ M-302. Diese würden in Syrien gefertigt und flögen bis zu 160 Kilometer weit.

Schmuggel im Auftrag des Irans

Im Auftrag des Irans würden die Raketen in den Gazastreifen verschifft oder über den Sinai geschmuggelt. Erst im März hatten israelische Einheiten vor Sudan ein Schiff gestoppt, das offenbar Raketen vom Typ M-302 geladen hatte.

Raketenangriff in Tel Aviv

Nach eigenen Angaben hat die Hamas seit Beginn des Schlagabtauschs mit Israel den Großraum Tel Aviv täglich mit Raketen des Typs M-75 angegriffen.

Der israelische Rundfunk berichtet, die Armee sei angewiesen worden, sich auf eine „echte Ausweitung“ der Offensive in der kommenden Woche vorzubereiten, sollte Hamas die Vorschläge zu einer Feuerpause ablehnen. Die „New York Times“ berichtet von einem Zwei-Stufen-Plan, wonach zuerst die Waffen schweigen und dann Gespräche folgen sollen. Noch sei allerdings unklar, ob israelische Truppen während der angedachten Feuerpause in Gaza bleiben würden.

Genauso unklar ist, ob die Hamas dem Plan zustimmt. Die Organisation fordert ein Ende der Blockade durch Israel. Das Thema soll voraussichtlich nach einer Feuerpause zur Sprache kommen. Das israelische Sicherheitskabinett will noch am Freitag über die Vorschläge des Verbündeten USA beraten. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ließ bislang allerdings keine Bereitschaft erkennen, die Angriffe einzustellen.

Halevy findet, dass Israel grundsätzlich mit der Hamas sprechen müsse. De facto „sprechen wir mit ihr seit Jahren“, sagt er, indem Vermittler wie Ägypten eingeschaltet würden. In den letzten Jahren habe Israel mehrere Abkommen abgeschlossen, „aber die Hamas hat sie in der Regel gebrochen“. In der aktuellen Situation warnt Halevy daher vor direkten oder indirekten Kontakten mit der Hamas: „Wir müssen uns auf eine Sache konzentrieren: dass wir die Oberhand behalten“. Die Gruppe müsse in die reale Welt zurückgeholt werden, „sie lebt derzeit in einer Fantasiewelt“.

Internationaler Druck könne dieses Mal den Krieg nicht stoppen, sagt der ehemalige Spionagechef. Erst wenn eine Seite spüre, dass sie einen empfindlichen Schlag habe einstecken müssen, würden die Kämpfe aufhören: „Und ich glaube, dass dies die Hamas sein wird.“

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