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29.10.2011

17:50 Uhr

Exodus der Akademiker

Junge Griechen-Elite verlässt ihr Land

VonMathias Brüggmann

Je höher ein junger Grieche heute ausgebildet ist, desto stärker ist sein Drang, auszuwandern. Neun Prozent aller Uni-Absolventen verlassen ihr Land, sogar 51 Prozent der Promovierten. Doch sie gehen nicht gerne.

Griechische Eltern haben die am besten ausgebildete Generation erzogen - jetzt fehlt es an geeigneten Arbeitsplätzen. dpa

Griechische Eltern haben die am besten ausgebildete Generation erzogen - jetzt fehlt es an geeigneten Arbeitsplätzen.

AthenDass ausgerechnet Eleftheria und Sofia in diesem Deutsch-Seminarraum sitzen, um ihre Auswanderung vorzubereiten, lässt tiefer auf die Zustände in Griechenland blicken, als die meisten Zahlen oder Politikerreden.

Denn mit Eleftheria („Freiheit“) und Sofia („Weisheit“) verabschieden sich nicht nur zwei junge Frauen aus dem Krisenland – sondern auch zwei Tugenden.

Eleftheria und Sofia hocken im Athener Goethe-Institut und lernen gerade die deutsche Sprache. Während für viele ihrer Landsleute das Deutsch angesichts der harten Haltung der Bundesregierung in der Euro-Krise für Bedrohung und Hoffnungslosigkeit steht, sehen die beiden jungen Frauen in der Sprache ihr Symbol für Aufbruch und Neuanfang. Sie wollen nach Deutschland auswandern; ins Land des Exportweltmeisters, in das Land, wo der Staat nicht zu kollabieren droht, wo es Zukunft für sie gibt.

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Griechenland hat eine Treuhand-Agentur eingerichtet, die das Staatseigentum verkaufen soll. Darunter sind Häfen, Flughäfen und tausende Immobilien. Vor allem Staatsfonds aus China, Russland und Indien wollen einsteigen.

Eleftheria und Sofia haben eine gute Schule besucht und danach studiert. Jetzt sind sie in der Perspektivlosigkeit gelandet. Sie sind, wenn man so will, ganz normale junge Akademiker im Griechenland des Jahres 2011. Je höher ein junger Grieche heute ausgebildet ist, desto stärker ist sein Drang, auszuwandern. Neun Prozent aller griechischen Uni-Absolventen verlassen ihr Land, sogar 51 Prozent der frisch Promovierten.

Jeder Dritte landet von der Universität direkt in der Arbeitslosigkeit. Unter Akademikern hat sie sich seit 2007 verdoppelt. Insgesamt haben vier von zehn Griechen zwischen 15 bis 24 Jahren keinen Job. 2008, vor der Krise, waren es zwar auch schon 18,6 Prozent, aber seither hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. Griechenland bietet nicht nur eine turbulente Gegenwart, Griechenland bietet vor allem keine Zukunft.

Unter den 25- bis 35-Jährigen haben 22 Prozent keine Arbeit, nach offiziellen Statistiken. Damit verspielt das Krisen-Land eine wichtige Ressource: Etwa ein Zehntel der Bevölkerung (1,1 Millionen Menschen) sind jünger als 25 Jahre, weitere 1,5 Millionen sind zwischen 25 und 34 Jahre alt. Das sind die Zahlen, die Eleftheria und Sofia im Hinterkopf haben, während sie in den Räumen des Goethe-Instituts deutsche Vokabeln lernen. Die beiden jungen Frauen sind wie viele Griechen, sie lieben ihr Land. Und dennoch sehen sie keine Alternative zur Auswanderung.

Sofia etwa. Die 28-Jährige arbeitet als Projektmanagerin in der Verwaltung der Alpha-Bank, eines der angeschlagenen Geldinstitute in Griechenland. „Wenn unsere Bank jetzt mit der Eurobank fusioniert wird, habe ich Angst um meinen Job“, sagt sie und ergänzt: „Jetzt in der Krise glaube ich meine Heimat verlassen zu müssen.“ In Deutschland sei es leichter einen krisensicheren Arbeitsplatz zu finden: „Deutschland sucht doch händeringend, heißt es in den Medien immer.“

Kommentare (26)

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Account gelöscht!

29.10.2011, 18:44 Uhr

Der Euro wird dazu führen, das Hunderttausende von gebildeten Südländern - nicht nur aus Griechenland - auswandern. Das ist ein Exidus der intelligenz zu Gunsten von Deutschland und anderen Nordländern. Mir können das gut finden, doch verstärkt es die Unmöglichkeit, Griechenland wieder vom kopf auf die Füße zu stellen.

JohnGalt

29.10.2011, 19:01 Uhr

Nichts fuer ungut Sofia, Eleftheria und Yannis, aber leider herrscht in Deutschland Mangel an Ingenieuren, Handwerkern und in den Gesundheits-, Bildungs- und Pflegeberufen. Wobei bei letzteren die unattraktive Bezahlung aufgrund der staatlichen Rationierung eine Rolle spielt. „Projektmanager in der Verwaltung“, gescheiterte Germanisten mit abschliessendem Psychologiestudium und Maskenbildner sind nicht wirklich gefragt, bzw. bereits im Ueberfluss vorhanden. Ich hoffe nur, dass die Einwanderung pragmatisch und illusionslos erfolgt und dort nicht einig Hoffnungen enttaeuchscht werden, wenn zum Mindestlohn in der Gastronomie oder auf dem Bau gearbeitet werden muss...

karstenberwanger

29.10.2011, 19:29 Uhr

Es war von Anfang an klar dass dieses komplette Konstrukt zusammenfallen wird. Man kann nicht solch unterschiedliche Länder einfach in einen Sack stecken und meinen dass das gut geht. Ich kann auch nicht Äpfel, Birnen und Sauerkraut pressen und erwarten dass am Ende reiner Apfelsaft rauskommt. Sogar der dümmste Bürger hätte nach 5 Minuten Aufklärung sagen können dass das nichts wird, genau so wie die nicht normale Zuwanderung die wir in Deutschland haben... all das wird uns um die Ohren fliegen und zwar bitter böse.

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