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06.10.2011

10:56 Uhr

Experten-Interview

Was hinter den Wall-Street-Protesten steckt

Die „Occupy Wall Street“-Bewegung breitet sich in den gesamten USA aus. Wer sind die Demonstranten? Was treibt sie auf die Straße? Und sind ähnliche Proteste auch in Deutschland möglich? Protestforscher geben Antwort.

Hinter dem (friedlichen) Schlachtruf „Occupy Wall Street“ (O.W.S.) versammeln sich Protestanten mit den unterschiedlichsten Anliegen. Reuters

Hinter dem (friedlichen) Schlachtruf „Occupy Wall Street“ (O.W.S.) versammeln sich Protestanten mit den unterschiedlichsten Anliegen.

Handelsblatt Online: Was sind für Sie die zentralen Ursachen für die „Occupy Wall Street“-Bewegung?

Simon Teune: Im Prinzip stehen dahinter die selben Nöte und Kritikpunkte, die auch in Europa in den letzten Monaten zu Protesten geführt haben: Die Leute haben das Gefühl, dass die Demokratie nicht richtig funktioniert und große Konzerne oder die Finanzmärkte zunehmend bestimmen, welche Entscheidungen getroffen werden.

Die Experten

Simon Teune

Der Soziologe und Protestforscher beschäftigt sich unter anderem mit Sozialen Bewegungen und Protestkultur. Er hat unter anderem zum Thema "Kommunikationsguerilla" und zu den Stuttgart21-Protesten geforscht und promoviert derzeit mit einer Arbeit über die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm 2008.

Margit Mayer

Die Professorin für Politische Wissenschaft an der FU Berlin beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Stadtentwicklung, sozialen Bewegungen und Zivilgesellschaft in den USA. Als Gastprofessorin arbeitete sie unter anderem in New York, Paris und Ottawa.

Margit Mayer: Das ist ein ganzes Ursachenbündel. Erstens ist da die zunehmende Arbeits- und Perspektivlosigkeit unter jungen Menschen, auch unter Universitätsabgängern, die obendrein mit massiven Schulden belastet sind. Zum zweiten die Wahrnehmung, dass seit 2008 die Interessen der Banken und Konzerne besser bedient werden als die von Durchschnittsbürgern, die vielfach negativ von der Finanzkrise betroffen oder bedroht sind: durch Entlassungen oder Wohneigentumsverlust. Drittens die Unzufriedenheit über die zunehmende Ungleichverteilung von sozialen und wirtschaftlichen Chancen („We are the 99%“) Und viertens die Frustration über mangelnde effektive staatliche Interventionen diesen Problemen gegenüber.

Wodurch sind die Proteste inspiriert? Welche Parallelen gibt es zu anderen Protestbewegungen?

Teune: Die Demonstranten in den USA beziehen sich direkt auf die arabische Revolution, die auch schon bei Protesten in Spanien und Griechenland eine Inspirationsquelle waren. Die Protestform der Platzbesetzung wurde beispielsweise vom Tahrir-Platz nach Spanien übernommen, wobei ein Platz direkt neben der Wall Street natürlich noch mehr Symbolwirkung hat. Insgesamt ist es den US-Demonstranten gelungen, mit vergleichsweise wenigen Menschen viel mediale Aufmerksamkeit zu bekommen.

Meyer: Durch den arabischen Frühling und die Versammlungen der 'Indignados' in Spanien und Griechenland aber auch die Uncut-Proteste in Großbritannien und im US-Bundesstaat Wisconsin im Frühjahr 2011. In einigen Interviews unter Beteiligten wird die Parallele der 68er Bewegung genannt. In vielerlei Dimensionen ist das aktuelle Phänomen jedoch neu und anders.

Occupy Wall Street: Wo geht‘s hier zur Revolution?

Occupy Wall Street

Wo geht‘s hier zur Revolution?

„Occupy Wall Street“ hat ganz USA erfasst und könnte zu einer politischen Größe wachsen.

Was ist neu an den Protesten?

Teune: Die Anliegen der „Occupy Wall Street“-Bewegung sind keine neuen: Die Regulierung der Finanzmärkte ist die wichtigste Gründungsforderung von attac. Dies und andere Anliegen, die den US-Demonstranten wichtig sind, waren das große Thema bei globalisierungskritischen Protesten in Seattle 1999, Washington 2002 und Miami 2003. Bei den gegenwärtigen Protesten haben jedoch, ähnlich wie in Spanien, Netzwerke wie attac oder Gewerkschaften einen geringeren Einfluss.

Wer protestiert?

Teune: In erster Linie protestieren dort junge Leute, aber keinesfalls ausschließlich. Es sind viele Menschen, die direkt betroffen sind. Viele ärgern sich über eine Politik, die die Finanzmärkte privilegiert und Maßnahmen zugunsten der Ärmsten und Nichtprivilegierten zurückfährt. Insgesamt eint alle die Wahrnehmung, dass die Demokratie nur eingeschränkt funktioniert.

Mayer: An der ursprünglichen Entstehung der Belagerung des Zuccoti Park waren außer Adbusters und Anonymous keine bekannten Organisationen beteiligt. Die meisten Beteiligten sehen sich als die „99 Prozent“ gegenüber einem räuberischen Prozent, das hauptsächlich im Finanzsektor ausgemacht wird. Im Gegensatz zu den arabischen Protesten wird also nicht der Staat als primärer Gegner identifiziert.

Seit einigen Tagen erhalten sie - auch physische - Unterstützung von verschiedenen Gewerkschaften wie SEIU, Transport Workers oder Steel. Auch Lehrer, und diverse zivilgesellschaftliche Gruppen und Organisationen etwas aus Stadtteilen oder aus Kirchen. Dazu kommen 'civil liberties'-Gruppen, die wegen der polizeilichen Übergriffe einschreiten.

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