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08.04.2013

17:43 Uhr

Experteninterview

„Jede Nordkorea-Führung braucht eine große Krise“

Seit Monaten provoziert Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un die halbe Welt. Für den Nordkorea-Forscher Eric J. Billbach sind die Drohungen aber eher Maßnahmen, um den Machterhalt im eigenen Land zu sichern.

Kim Jong Uns dauernde Provokationen könnten dem Machterhalt im eigenen Land dienen. ap

Kim Jong Uns dauernde Provokationen könnten dem Machterhalt im eigenen Land dienen.

BerlinDie Welt blickt weiter auf Pjöngjang. Einige fürchten wegen der Drohungen Kim Jong Uns einen neuen Kalten Krieg. Doch das Muskelspiel des Diktators zielt nicht nach außen, sondern dient vor allem dem Machterhalt im Inland, sagt Eric J. Ballbach, Nordkorea-Forscher an der Freien Universität Berlin.

Auch wenn nur wenig Informationen aus Nordkorea durchsickern, wie geht Kim Jong Un mit dem wachsenden internationalen Druck um?

Ballbach: „Der internationale Druck ist von Nordkorea durchaus gewünscht. Eines der wirksamsten Mittel, um internen Zusammenhalt zu stärken, ist die Existenz eines externen Feindes. Jede neue Führung in Nordkorea braucht eine große außenpolitische Krise.“

Wie nutzt der Machthaber diese Spannungen für sich?

„Die nächsten fünf Jahre wird die nordkoreanische Propaganda genau von dieser Krise zehren, wird sie quasi als Krieg beschreiben, den man gegen die USA geführt habe. Aufgrund brillanter Führung - so oder ähnlich wird es dann heißen - habe man diesen diplomatischen Krieg gegen die USA gewonnen. 1993 hatten wir eine ähnliche Situation.“

Muss jeder neue Diktator also einen Krieg anzetteln?

„Nicht unbedingt. Aber die Führung um Kim Jong Un ist noch relativ neu und umstritten. Sein Vater wurde 20 Jahre auf die Amtsübernahme vorbereitet, Kim Jong Un hingegen musste das alles im Schnelldurchlauf leisten. Er hat nicht genug Zeit gehabt, sich ein System von Verbündeten und Vertrauten aufzubauen.“

Nordkoreas Verbündete

China

Die Volksrepublik ist mit Abstand Nordkoreas größter Exportpartner. Nicht in den Statistiken tauchen umfangreiche Nahrungsmittel- und Energiehilfen auf. Peking hat mehr Einfluss auf Pjöngjang als jeder andere Staat. Allerdings hat auch China Nordkoreas dritten Atomtest verurteilt und den jüngsten Sanktionen des UN-Sicherheitsrats zugestimmt - das zeigt die Verärgerung über den jungen Machthaber Kim Jong Un.

Als Gastgeber organisierte Peking mehrere Runden der Sechs-Parteien-Gespräche zwischen Nordkorea, China, den USA, Südkorea, Japan und Russland. Für ein Ende des Atomwaffenprogramms standen diplomatische Zugeständnisse und Wirtschaftshilfen in Aussicht. Doch Nordkorea ließ die Verhandlungen 2009 platzen und setzt bis heute allein auf Konfrontation.

Iran

Nordkorea ist seit Jahren ein wichtiger Waffenlieferant für Teheran. Nach Angaben der Vereinten Nationen exportierte Pjöngjang auch für Atom-Sprengköpfe geeignete Raketen in den Iran. 2012 vereinbarten das Mullah-Regime und die kommunistische Diktatur eine noch engere Zusammenarbeit. Zu diesem Zweck unterzeichneten Vertreter beider Länder mehrere Kooperationsabkommen im Technologiebereich. Konkret geht es um Energie, Umwelt, Landwirtschaft und Lebensmittel, eine engere Zusammenarbeit bei der Forschung sowie um Austauschprogramme für Studenten.

Russland

Pjöngjang steht in Moskau noch aus sowjetischer Zeit mit rund elf Milliarden US-Dollar in der Kreide. Das Verhältnis der einst engen Verbündeten hat sich in den vergangenen Jahren deutlich abgekühlt. Noch im Sommer 2011 wollten der damalige Kremlchef Dmitri Medwedew und der bereits von Krankheit geschwächte nordkoreanische Machthaber Kim Jong Il neuen Schwung in die Beziehungen bringen. Sie kündeten zahlreiche gemeinsame Projekte an, doch blieb es meist bei Absichtserklärungen. So scheiterte auch der Bau einer Pipeline, die russisches Erdgas über nordkoreanisches Gebiet nach Südkorea transportieren sollte.

Kuba

Nordkorea und Kuba kooperieren unter anderem in den Bereichen Energie, Landwirtschaft und Biotechnologie. Seit 1960 gibt es diplomatische Beziehungen zwischen Havanna und Pjöngjang. Auf den Tod des „Genossen Kim Jong Il“ im Dezember 2011 reagierte Kubas Regierung mit einer dreitägigen Staatstrauer.

Gibt es irgendeine Form von Opposition?

„Da liegen uns tatsächlich gar keine Informationen vor. 2012 gab es bei einer Währungsreform, bei der man wohl versucht hatte, gehortetes Geld aufzuspüren, häufig lokale Unruhen und Protest. Aber eine breite, organisierte Opposition wird natürlich vollkommen unterdrückt. Das Regime basiert auf einer extremen Angstkulisse.“

Also auch keine Flüsterwitze hinter vorgehaltener Hand?

„Belächelt wird das Regime sicherlich nicht. Es gibt einen unglaublichen Respekt gegenüber der Führung, vor allem gegenüber dem historischen Bild der Kim-Familie. Der Konfuzianismus und Ehrfurcht gegenüber dem Oberen haben diesen Personenkult in Nordkorea auch befördert. Das wird natürlich geschickt ausgenutzt.“

Arbeiter ausgesperrt: Nordkoreas Grenzen bleiben zu

Arbeiter ausgesperrt

Nordkoreas Grenzen bleiben zu

Kim Jong Un bleibt in seinem riskanten Macht-Poker stur und legt noch einen drauf: Arbeiter aus dem Süden mussten auch heute vor der Grenze umkehren. Die Armee gab außerdem grünes Licht für Atomangriffe gegen die USA.

Wie entwickelt eine Gesellschaft so einen extremen Führerkult?

„Die jetzt lebenden Nordkoreaner haben noch nie eine andere Erfahrung gemacht. 1905 ist Korea unter japanisches Protektorat geraten und 1910 kolonialisiert worden. Von dort aus ging es praktisch direkt in die Diktatur unter Kim Il Sung. Gemischt mit einer totalen Isolation nach außen ist der Führerkult die Lebensversicherung des Regimes.“

Von

dpa

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

08.04.2013, 17:20 Uhr

Hört sich ein bischen an wie
"Scheitert der EURO dann scheitert Europa!"

...

"Und jetzt alle ohne Fragen alternativlos mir nach."

Account gelöscht!

08.04.2013, 17:59 Uhr


Ich halte die Analyse für sehr gelungen und in jede Hinsicht nachvollziehbar.

Allerdings passt das nicht in das Weltbild der notorischen USA-Hasser.

Account gelöscht!

08.04.2013, 19:27 Uhr

das war mir immer klar.

Nordkorea will sicher keine Krieg mit den USA.

Die wollen nur innenpolitisch die Macht sichern...

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