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23.03.2016

03:48 Uhr

Explosionen töten mehr als 30 Menschen

Anschläge in Brüssel erschüttern Europa

Terroristen töten in Brüssel mindestens 34 Menschen, Hunderte werden verletzt. Die Angst vor weiteren Anschlägen ist groß. Die USA warnen vor Reisen nach Europa. Die EU plant ein Sondertreffen.

Nach den Anschlägen gedenken die Menschen den Opfern – wie hier auf dem Bourse-Platz in Brüssel. dpa

Trauer in Europa

Nach den Anschlägen gedenken die Menschen den Opfern – wie hier auf dem Bourse-Platz in Brüssel.

BrüsselDie Terrormiliz IS hat mit einer Serie von Bombenanschlägen in Brüssel mindestens 34 Menschen getötet und damit Europa ins Mark getroffen. Etwa 230 Menschen wurden am Dienstag bei Attentaten am Flughafen und in einer U-Bahnstation mitten im EU-Viertel verletzt.

Die Polizei geht von zwei Selbstmordattentätern am Brüsseler Flughafen aus, ein dritter Mann wurde mit einem Foto zur Fahndung ausgeschrieben. Bei Razzien fanden Fahnder am Abend eine IS-Flagge, einen Sprengsatz mit Nägeln und chemische Substanzen. Weltweit lösten die Attentate Entsetzen aus, in Europa breitete sich Terrorangst aus.

Die EU-Innenminister sollen in Kürze zu einem Sondertreffen zusammenkommen. Wie die niederländische EU-Ratspräsidentschaft mitteilte, könnte es bereits an diesem Donnerstag organisiert werden. Belgien habe um ein Treffen gebeten, erklärte der für Sicherheit und Justiz zuständige niederländische Minister Ard van der Steur. Ein ähnliches Sondertreffen hatte es nach den Anschlägen von Paris im vergangenen November gegeben.

Nach belgischen Medienberichten starben bei den Anschlägen 14 Menschen am Brüsseler Flughafen Zaventem und 20 an der Metrostation Maelbeek mitten im EU-Viertel. Dem nationalen Krisenzentrum zufolge wurden etwa 100 Menschen am Airport verletzt, weitere 130 bei der Explosion in dem U-Bahnhof. Der belgische Premier Charles Michel sprach von „blinden, gewalttätigen und feigen Anschlägen“.

Die Anschläge in Brüssel: Was wir wissen – und was nicht

Was genau ist passiert?

Die Terrorserie begann gegen 08.00 Uhr morgens auf dem Brüsseler Flughafen. In der Abflughalle gab es in kurzer Folge zwei Explosionen – vermutlich gab zwei Selbstmord-Attentäter. Ein dritter Verdächtiger soll kehrtgemacht haben und ist zur Fahndung ausgeschrieben. Die Täter sollen drei Bomben in Koffern zum Flughafen gebracht haben. Erste Bilanz: mindestens 14 Tote, mindestens 100 Verletzte. Kurz darauf, um 09:11 Uhr, gab es in der Metro-Station Maelbeek im EU-Viertel einen weiteren Anschlag mit mindestens 20 Toten und 130 Verletzten. Unklar ist, ob es sich bei dem Anschlag in der Metro um ein Selbstmordattentat handelte oder um eine Bombenexplosion mit Zeitzünder. Stundenlang gab es immer wieder Gerüchte über weitere Anschläge an anderen Orten - glücklicherweise alles Fehlanzeige.

Wie reagieren die belgischen Behörden?

Für das ganze Land gilt die höchste Terrorwarnstufe - zum ersten Mal seit November 2015. Der Flughafen Brüssel wurde von Polizisten und Soldaten sofort geräumt und dann geschlossen. In der Hauptstadt standen alle U-Bahnen, alle Straßenbahnen, alle Busse still. Die Hochgeschwindigkeitszüge in Richtung Köln, Paris und London fuhren ebenfalls nicht mehr. Auch die Sicherheitsmaßnahmen für Belgiens beide Atomkraftwerke wurden verstärkt. Das belgische Krisenzentrum empfahl allen: „Bleiben Sie, wo sie gerade sind!“ Erst um 16.30 Uhr gibt es Entwarnung.

Wer steckt hinter den Anschlägen?

Hinter den Bombenanschlägen in Brüssel steckt laut einer islamistischen Website die Dschihadistenorganisation Islamischer Staat (IS). IS-Kämpfer hätten die Taten am Dienstag mit Sprengstoffgürteln und anderen Mitteln begangen, berichtete die dem IS nahestehende Online-Nachrichtenagentur Aamak am späten Nachmittag. In Belgien lief die Suche nach potenziellen Tätern und Hintermännern. Zur Fahndung wurde am Dienstagabend ein junger Mann ausgeschrieben, den eine Überwachungskamera auf dem Flughafen Zaventem aufgenommen hatte. Bei einer Razzia im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek wurden am Abend in einer Wohnung eine Nagelbombe und eine Fahne der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) entdeckt. Erst am Freitag war in Brüssel einer der mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom November in Paris festgenommen worden, der 26 Jahre alte Salah Abdeslam. Experten rechneten seither mit Vergeltungsaktionen. Ob tatsächlich die Terrorzelle um Abdeslam hinter den Anschlägen in Brüssel steckt, ist noch nicht bekannt „Für den Augenblick ist es nicht möglich, eine formale Verbindung zu den Anschlägen von Paris herzustellen“, sagte Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw am Dienstagabend bei einer Pressekonferenz.

Wie groß ist die Gefahr für Deutschland?

Nach den Terroranschlägen wurden die Kontrollen an Deutschlands Grenzen zu Belgien und Frankreich gleich wieder verschärft. Auch an den großen Flughäfen und Bahnhöfen wurden die Sicherheitsmaßnahmen wieder in die Höhe gefahren. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte in Berlin, es gebe bislang keine Hinweise auf einen „Deutschland-Bezug“ der Täter. Und fügte hinzu: „Klar ist, dass der Kampf gegen den internationalen Terrorismus lange dauert.“

Sind Deutsche unter den Opfern?

Unter den Verletzten ist auch mindestens eine Deutsche. Die Frau erleidet eine leichte Rauchvergiftung. Hinweise auf deutsche Todesopfer gibt es zunächst nicht.

Warum immer wieder Brüssel?

Die belgische Hauptstadt gilt als Zentrum des islamistischen Terrorismus in Europa. Vor allem der Stadtteil Molenbeek mit seinen vielen Einwanderern aus der arabischen Welt hat einen schlechten Ruf. Von dort kamen außer Abdelslam auch andere Islamisten, die an Terrorabschlägen beteiligt waren. Bereits eine Woche nach den Anschlägen in Paris hatte es konkrete Gefahrenhinweise für die Region Brüssel gegeben. Das öffentliche Leben kam damals für fünf Tage zum Erliegen, ohne dass etwas geschah. Belgien beteiligt sich mit Kampfjets an Einsätzen gegen den IS, der in Syrien und im Irak großen Landesteile kontrolliert. Brüssel ist Sitz der EU und des Nato-Hauptquartiers.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich im Internet zu den Anschlägen. „Soldaten des Kalifats“ hätten den „Kreuzfahrerstaat Belgien“ mit Sprengstoffgürteln und anderen Sprengsätzen angegriffen. Zugleich drohte der IS: „Wir versprechen den Kreuzfahrerstaaten, die sich gegen den Islamischen Staat verbündet haben, schwarze Tage, als Antwort auf ihre Aggression (...)“.

Premier Michel sagte, die Sicherheitskräfte wappneten sich gegen weitere Bluttaten. In Brüssel gibt es eine große Islamistenszene, die Gemeinde Molenbeek gilt als Hochburg der Extremisten. Erst am Freitag war dort der Hauptverdächtige der Pariser Anschläge vom November 2015, Salah Abdeslam, festgenommen worden. Der mutmaßliche Terrorist wurde bei einem Polizei-Großeinsatz gefasst. Bei den Anschlägen von Paris hatte es 130 Todesopfer gegeben.

Die US-Regierung warnt ihre Bürger vor dem Hintergrund der jüngsten Terroranschläge vor Gefahren bei Reisen nach Europa. „Terroristische Gruppen planen weiterhin Anschläge in ganz Europa“, heißt es in einer Mitteilung des US-Außenministeriums vom Dienstag (Ortszeit). Mögliche Ziele seien Sportveranstaltungen, Touristenattraktionen, Restaurant sowie Busse und Bahnen.

Die US-Bürger werden zur Vorsicht aufgerufen, besonders bei Menschenansammlungen auf öffentlichen Plätzen und in Zügen und Bussen. Die Warnung gilt zunächst bis zum 20. Juni. Bei den Anschlägen von Brüssel waren mehrere US-Bürger verletzt worden, darunter vier Missionare der Mormonen und ein US-Soldat mit seiner Familie. Daher entsandten die US-Bundespolizei FBI und die New Yorker Polizei eigene Teams nach Brüssel.

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