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20.11.2013

20:34 Uhr

Extremismus

Wie Marine Le Pen Frankreichs Rechte entteufelt

VonThomas Hanke

Die Anhänger der Front National sind motiviert wie nie. Jeder Auftritt ihrer Chefin Marine Le Pen wird zum Erweckungserlebnis. Frankreichs Rechte wittern eine Beute, die völlig unerreichbar schien: die Macht im Land.

Mariane Le Pen ist eine geschickte Strategin – ihr ist es gelungen, die Front National zu einen. dpa

Mariane Le Pen ist eine geschickte Strategin – ihr ist es gelungen, die Front National zu einen.

ParisSie schwenken Fahnen, Sprechchöre dröhnen durch den Saal: „Marine – présidente, Marine – présidente“, dann schmettern rund 1000 Front National-Mitglieder aus voller Kehle die Marseillaise. Man könnte meinen, es ginge um ein nationales Großereignis. Dabei hat die Partei vom rechten Rand der französischen Politik am Wochenende nur ihre Kandidaten zur Kommunalwahl eingenordet.

In einem schmucklosen Saal neben einem Spaßbad am Rand von Paris wurde den Mitgliedern zwei Tage lang erläutert, mit welchen Argumenten sie bei der Wahl im März 2014 antreten sollen. Zum Abschluss gab es eine Rede der Parteivorsitzenden Marine Le Pen. Die „Frontisten“ sind derzeit so hoch motiviert, dass ihnen jeder Auftritt der Chefin zum Erweckungserlebnis wird. Sie wittern eine Beute, die noch vor kurzem völlig unerreichbar schien: die Macht in Frankreich.

Je desorientierter die klassischen Parteien der Rechten und der Linken sind, je mehr der Frust der Franzosen über hohe Steuern, noch immer zunehmende Arbeitslosigkeit und die desolaten Zustände in den Vorstädten zunimmt, desto besser geht es der Front National. Le Pen gibt das Anlass, sich triumphierend zu gebärden: „Wir sind die Garanten der staatlichen Autorität und der nationalen Einheit“, ruft sie in den Saal. „Gäbe es jetzt Neuwahlen, würde die (konservative) UMP genau so platt gemacht wie die Sozialisten“. Dann träufelt sie noch etwas Pathos drauf: „Wir sind die einzige Bewegung, die das Volk respektiert, denn wir wissen, dass die Franzosen unbesiegbar sind, wenn sie geeint sind.“

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.


Seit zweieinhalb Jahren führt die 45-jährige die Partei, die ihr Vater Jean-Marie Le Pen geprägt hat. Sie tritt häufig auf, ist regelmäßig Gast in TV und Radio. Doch sogar vor den eigenen Mitgliedern liest sie ihre Rede noch immer vom Blatt ab. Nur für kurze Momente hebt sie den Blick, um ihn dann schnell wieder auf den Text zu heften. Das wirkt, als könnten wichtige Ideen sich selbständig machen und vom Pult hüpfen, wenn die Vorsitzende sie nicht mit den Augen fixiert.

Dabei ist ihre Rhetorik stets gleichförmig, die Struktur ihrer Reden identisch: Rechte und Linke haben versagt, der „Moloch Europa“ und das internationale Finanzkapital beherrschen Frankreich. Die Muslime werden immer dreister und entwenden den Franzosen die Heimat. Sozialisten und Konservative sind eine Mischpoke, haben das Land verraten. Doch das leidende Volk lässt sich nicht länger für dumm verkaufen und steht kurz davor, mit der Front National Frankreich zurück zu erobern. Spätestens an der Stelle brechen Sprechchöre los: „On est chez nous, on est chez nous“ – wir sind hier zu Hause.

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