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06.09.2014

08:33 Uhr

Extremistengruppe

Wie der Islamische Staat in Syrien Strukturen schafft

Allein durch Bombardements ist der Gefahr durch den Islamischen Staat nicht beizukommen. Die Extremistengruppe ist tief in den Alltag der Syrer verwurzelt. Viele Bewohner haben sich mit ihrer Anwesenheit arrangiert.

Kämpfer der Extremistengruppe Islamischer Staat: Gegen die USA zeigt man sich kämpferisch. ap

Kämpfer der Extremistengruppe Islamischer Staat: Gegen die USA zeigt man sich kämpferisch.

BeirutDie Extremistengruppe Islamischer Staat (IS) macht durch Gräueltaten wie Enthauptungen, Kreuzigungen und Massenhinrichtungen von sich reden. In den eroberten Teilen Syriens allerdings, wo die Radikal-Islamisten einen „Gottesstaat“ aufbauen wollen, bescheinigen ihnen Anwohner aber auch eine Fähigkeit zu professionellem Vorgehen beim Aufbau neuer Strukturen. Die Islamisten stellen Strom und Wasser, zahlen Gehälter, regeln den Verkehr, verwalten Banken, Schulen und Bäckereien – selbst ein Büro für Verbraucherschutz. Bewohnern zufolge ist es diese Verwurzelung im täglichen Leben, die erklärt, warum der IS das von ihm eroberte Gebiet hat halten können. Klar scheint damit: Allein durch kurzfristige Bombardements dürfte der Gefahr durch den Islamischen Staat nicht beizukommen zu sein.

Im syrischen Bürgerkrieg fiel 2013 Rakka als erste Stadt an die Gegner von Präsident Baschar al-Assad, ein Ort mit einer Vorkriegsbevölkerung von 250.000 Menschen. Innerhalb von einem Jahr setzte sich der heutige Islamische Staat gegen alle Rivalen durch. In dem „Braut der Revolution“ genannten Ort wurden die Kritiker entweder getötet oder flohen in die Türkei. Alkohol wurde verboten, die Geschäfte schlossen ab Mittag und am Abend waren die Straßen menschenleer. Wer blieb und seine Loyalität zu dem Chef der Gruppe, Abu Bakr al-Baghdadi, bekannte, dem wurden seine „Sünden“ gegen den Islamischen Staat vergeben.

Nach der ersten Säuberungswelle begann die Gruppe damit, in Rakka neue Strukturen aufzubauen. Sie machte damit einen zentralen Unterschied zur Al-Kaida deutlich: Ihre Absicht, das eroberte Gebiet zu halten und als Basis für ihr Ziel eines muslimischen Staates ohne Rücksicht auf bisherige Grenzen aufzubauen. Dieses sogenannte Kalifat soll eines Tages von China bis Europa reichen. „Wir sind ein Staat“, betont ein IS-Kommandeur im Telefonat mit der Nachrichtenagentur Reuters. Auch ein Ägypter im Dienste des IS, der seinen Namen mit Junes angibt, betont: „Das ist ein Staat, der Ministerien und Büros unterhält.“

Die neuen Verwaltungseinheiten dieses Staates – die Provinzen – heißen „Walijehs“. Einige haben die selbe Ausdehnung wie die bisherigen, andere wie die neu gegründete Provinz Al-Furat wurden über Grenzen hinweg gebildet. Militär und Verwaltung sind getrennt: Baghdadi hat als seine Vertreter Zivilisten eingesetzt, die „Walis“. Seine Milizionäre dienen als Polizisten und Soldaten.

Die einflussreichsten Rebellengruppen in Syrien

Islamische Front

Sie ist ein Zusammenschluss aus sechs großen islamistischen Gruppen. Die Islamische Front ist vermutlich die größte Rebellenallianz in Syrien und verfügt über 40.000 bis 50.000 Kämpfer. Ihre Mitglieder sind sunnitische Extremisten, die einen islamischen Staat in Syrien errichten wollen. Die Haltung der Islamischen Front gegenüber den Extremisten von IS ist ambivalent. Teile der Gruppe unterstützen aber den Kampf gegen sie.

Nusra-Front

In der einflussreichen Rebellengruppe sind sowohl syrische als auch ausländische Extremisten aktiv. Sie ist von Al-Kaida offiziell als Ableger in Syrien anerkannt. Die Nusra-Front hat als erste Gruppierung in Syrien Selbstmord- und Autobombenanschläge in Stadtgebieten verübt. Sie kämpft für einen islamischen Staat, hat zwischen 7000 und 8000 Anhänger und arbeitete bislang eng mit der Islamischen Front zusammen.

Islamischer Staat

Die Gruppe wurde von abtrünnigen Mitgliedern der Nusra-Front gebildet und vereinigte sich mit dem Al-Kaida-Ableger im Irak. Früher nannte sie sich Islamischer Staat im Irak und der Levante (Isil). Angeführt wird IS von Abu Bakr al-Baghdadi, der die Forderung der Al-Kaida ignorierte, den Schwerpunkt der Aktivitäten auf den Irak zu legen. Anfang des Jahres kappte Al-Kaida die Verbindungen zur IS, die als die militanteste Extremistengruppen in Syrien gilt.

Zunächst hatte die Gruppierung unter anderem wegen ihrer strikten Haltung gegen Plünderungen einen Großteil der syrischen Bevölkerung auf ihrer Seite. Dies änderte sich, als sie begann, Kritiker zu entführen und zu töten.

Derzeit kämpft IS an mehreren Fronten - gegen rivalisierende Rebellen in Syrien und gegen die Kurden im Nordirak. Die Gruppe soll über 6000 bis 7000 Kämpfer verfügen. Im Irak wird sie durch Zehntausende Kämpfer sunnitischer Stämme unterstützt, die von der Zentralregierung in Bagdad enttäuscht sind.

Syrische revolutionäre Front

Die Allianz aus weitgehend nicht ideologisch geprägten Rebellen-Einheiten formierte sich im Dezember. Das Rückgrat der Gruppe bildet die Syrische Märtyrer-Brigade, eine einst einflussreiche Gruppe aus der nördlichen Provinz Idlib unter Führung von Dschamal Maruf. Ihm war von rivalisierenden Rebellengruppen vorgeworfen worden, für den Aufstand bestimmtes Geld in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Die Anhänger der revolutionären Front sind weitgehend moderate Islamisten. Finanziell unterstützt wird die Gruppe vermutlich von Golfstaaten wie Saudi-Arabien.


Mudschaheddin-Armee

Sie bildete sich zu Jahresbeginn aus acht syrischen Gruppen und startete eine Offensive gegen die Extremisten von IS. Die Allianz ist moderat islamistisch und hat nach eigenen Angaben rund 5000 Mitglieder.


Höchstes Militärkommando

Es handelt sich um eine moderate, nicht ideologische Gruppe. Sie wird von westlichen Ländern wie den USA unterstützt. Auch die Türkei und die arabischen Golfstaaten stehen auf ihrer Seite. Sie hat niemals den Eindruck ausräumen können, dass ihre Führung aus dem Ausland kommt.

Der Islamische Staat scheut sich nicht davor, ehemalige Assad-Anhänger weiter anzustellen. Einer von ihnen ist einem IS-Kämpfer zufolge inzwischen in Rakka für die Mühlen und die Verteilung von Mehl zuständig. Die Mitarbeiter des Staudamms in der Region haben ihre Posten behalten. Die Telekom-Netze der Stadt werden von einem promovierten Tunesier geleitet, der seine Heimat verließ, um „dem Staat“ zu dienen. Insidern zufolge gibt es drei Waffenfabriken in Rakka, in denen insbesondere Raketen entwickelt werden. Ausländische Wissenschaftler – darunter Muslime aus China – werden von Leibwachen geschützt und befinden sich an einem gesonderten Ort, berichten Kämpfer.

„Die Zivilisten ohne politische Zugehörigkeit haben sich mit der Anwesenheit des Islamischen Staates arrangiert, denn die Menschen waren müde und erschöpft“, sagt ein Gegner der Islamisten Reuters aus Rakka. „Und, um ganz offen zu sein, weil sie in Rakka die Infrastruktur aufbauen.“ Ein Aktivist aus Rakka, der inzwischen an die Grenze zur Türkei lebt, zeigt sich ebenfalls beeindruckt. „Seien wir ehrlich“, sagt er. „Sie leisten sehr viel Arbeit an den Institutionen.“

Von

rtr

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