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23.06.2012

17:40 Uhr

Fachbuch-Rezension

Düstere Zukunft für den Kapitalismus

VonUdo Rettberg

„Die Schuldenlawine“ zeichnet ein Schreckensszenario: Der Tod der freien Märkte. Schleichend wird er kommen, prophezeien die Autoren. Im Science-Fiction-Stil rechnen sie mit den Banken ab. Doch was ist die Lösung?

Das Bild von der hässlichen Fratze des Kapitalismus wird von den Autoren in „Die Schuldenlawine“ gezeichnet. dapd

Das Bild von der hässlichen Fratze des Kapitalismus wird von den Autoren in „Die Schuldenlawine“ gezeichnet.

FrankfurtWas erwartet uns im Jahr 2015? Es ist eine Simulation, mit der "Die Schuldenlawine" startet. Das dort gezeichnete Zukunftsbild dürfte manchem Leser das Grauen lehren. "Es könnte aber noch schlimmer kommen", folgert der Start im Science-Fiction-Stil. Die Vermögensverwalter Bert Flossbach und Philipp Vorndran sowie Mitautor Ingo Narat sind nicht bereit, auch nur einen Deut von ihrem Schreckensszenario abzuweichen. Dem in die Tiefen der alles beherrschenden Schuldenkrise vorstoßenden Fachbuch ist sowohl die brennende Aktualität als auch die Erfahrung seiner Autoren anzumerken.

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Sie lassen auf der einen Seite keinen Zweifel an der grundsätzlichen Überlegenheit der Marktwirtschaft und des Kapitalismus gegenüber konkurrierenden Systemen zu, kritisieren andererseits jedoch die Exzesse des Kapitalismus. Die Autoren beschäftigen sich mit der in einer riesigen Schuldenblase sichtbaren "hässlichen Fratze des Kapitalismus", eine Entwicklung, die für sie vor einigen Jahren noch unvorstellbar war. Als inmitten des "Hexenkessels Finanzmärkte" stehende Akteure haben sie über viele Jahre hinweg selbst den rund um sie herum wild tobenden Turbo-Kapitalismus aus allernächster Nähe mitbekommen.

Denn die "Droge Staatsschulden" konnte nur durch kollektives Versagen ihre zerstörerische Wirkung entfalten. Nur wenige haben in der wilden Phase warnend den Zeigefinger gehoben. Dort, wo in der Weltwirtschaft und vor allem an den boomenden "selbstverliebten" Finanzmärkten jahrzehntelang der vermeintliche Sonnenschein genossen wurde. Wo sich der Westen im Erfolg der Vergangenheit sonnte und die Finanzmarktakteure jegliche Fähigkeit zur Selbstkritik verloren hatten. Auf diesen Märkten kaschierten Politiker die Schwächen des Systems einfach, indem sie den Krisenauslöser potenzierten - nämlich den Faktor Kredit. Bis es knallte.

Kommentare (25)

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azaziel

23.06.2012, 18:42 Uhr

Die Autoren erwaehnen wohl nicht, dass es nur soweit kommen kann, wenn man den wichtigtsten Kontrollmechanismus der Marktwirtschaft aushebelt: die vollstaendige Glaeubigerhaftung. An der Ueberschuldung sind immer der Kreditgeber und der Schuldner beteiligt. Steigt die Verschuldung, wirken steigende Zinsen als Bremse. Schliesslich bekommt die ueberschuldete Partei keinen Kredit mehr. Bei Ueberschuldung macht ein Insolvenzverfahren mit Ent- und Umschuldung Sinn. Der Schuldner hat die Chance fuer einen Neuanfang und wird wieder auf eine Nachhaltigkeit versprechende Basis gestellt. Der Glaeubiger kann wieder darauf vertrauen, wenigstens den verbliebenen Teil seines Engagements zurueckzuerhalten.

Warum hat dieses automatische Korrektiv der Marktwirtschaft versagt? Die Gruende sind vielleicht vielschichtig aber folgende Gruende koennen benannt werden:

1) Die Aktionaere der kreditgebenden Banken haben geringen Einfluss auf das Risikogebahren der Bankleitung. Diese definiert ihre Boni selbst und orientiert sie am Jahresgewinn. Investiert das Management in riskante aber hochverzinsliche Anleihen, maximiert es ueber Jahre seinen Bonus. Am moeglichen Totalverlust am Ende der Laufzeit ist das Management nicht beteiligt.

2) Viele Banken stehen direkt oder indirekt unter staatlichem Einfluss. Der Staat ist auf der anderen Seite vom Kreditzufluss anhaengig. Auch die Banker ziehen Nutzen aus der steiegnden Verschuldung. So ist ueber die Jahre eine gegenseitige Abhaengigkeit zwischen Banken und Regierungen entstanden, die die Verschuldungskrise beguenstigt hat. Es gibt noch weitere, das foertwaehrende Steigen der Schulden beguenstigende Begleitumstaende, ie zu erwaehnen hier zu weit fuehren wuerde.

Die Loesung laege auf der Hand: vollstaendige Glaeubigerhaftung, Staerkung des Einflusses der Aktionaere, groesserer Abstand zwischen Politik und Banken, kleinere und mehr Banken um Systemgefaerdung durch Bankenkrach zu vermeiden.

Account gelöscht!

23.06.2012, 19:07 Uhr

Es wird ständig von Marktversagen gesprochen. Aber der Markt hat nicht versagt, vielmehr hat man den Markt mit kommunistien Hebeln zerstört! Schulden werden sozialisiert, Gewinne privatisiert. Das hat nichts mit Marktwirtschaft zu tun!!! Demokratische Verhältnisse bestehen nicht mehr, es herrscht Lobbyarbeit. Leistung wird nicht mehr belohnt, sondern Vitamin B.

Account gelöscht!

23.06.2012, 19:19 Uhr

Wenn ich schon diese Masken sehen, dann muß ich immer etwas an den Ku-Klux-Klan denken, weil die auch solche Masken tragen. Bei genauerer Betrachtung gibt es sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen beiden Organisationen: Beide haben ein extremes sw-Bild, beide denken das nur sie im Recht sind, beiden bestehen nur aus Hass auf das System und beide bestehen aus Fanatikern.
Nur das die einen Rechtsextreme sind und die anderen Linksextreme. Beides brauchen wir nicht.

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