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18.11.2014

00:03 Uhr

Fall Michael Brown

Missouri verhängt den Notstand

Bald soll eine Jury entscheiden, ob der Polizist vor Gericht gestellt wird, der den Jugendlichen Michael Brown erschossen hat. Die Polizei rechnet mit neuen Unruhen, doch dieses Mal will sie besser damit umgehen.

Demonstranten bei einem friedlichen Protest in Clayton (Missouri): Die Polizei fürchtet, dass nach der Entscheidung der Jury wieder Gewalt ausbrechen könnte. AFP

Demonstranten bei einem friedlichen Protest in Clayton (Missouri): Die Polizei fürchtet, dass nach der Entscheidung der Jury wieder Gewalt ausbrechen könnte.

St. Louis/Ferguson Aus Angst vor neuen Unruhen in Ferguson und St. Louis hat der Gouverneur im US-Staat Missouri, Jay Nixon, den Notstand ausgerufen und die Nationalgarde aktiviert. Sie soll die Polizei bei drohenden neuen Protesten unterstützen, teilte Nixon am Montag mit. Die Region bereitet sich wegen der bevorstehenden Entscheidung über die Anklage gegen den weißen Polizisten Darren Wilson auf Spannungen vor.

Brown war unbewaffnet, als er von dem Polizisten erschossen wurde. Hintergrund war offenbar, dass der Beamte den Jugendlichen wegen eines Raubüberfalls kurz zuvor verdächtigt hatte. Die tödlichen Schüsse hatten bereits lange vorhandene Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen in Ferguson zum Überkochen gebracht. Zwei Drittel der Bevölkerung dort sind Schwarze, die Polizisten fast alle weiß.

Die Entscheidung der zwölfköpfigen Geschworenenjury, ob Wilson angeklagt und ein Gerichtsverfahren eröffnet werden soll, könnte bereits diese Woche fallen. „Alle Menschen in der Region um St. Louis verdienen es, sich in ihren Gemeinden sicher zu fühlen und ihre Stimmen ohne Angst vor Gewalt oder Einschüchterung zu erheben“, erklärte Nixon.

Einen Tag nach dem Tod Browns kam es zu den ersten Krawallen und Plünderungen. Die Polizei setzte Panzerfahrzeuge und militärische Ausrüstung ein, was ihr den Vorwurf einbrachte, zu einer weiteren Eskalation beigetragen zu haben. Die Demonstranten warfen in den folgenden Tagen unter anderem mit Steinen und Molotow-Cocktails auf die Polizisten, diese reagierten mit Tränengas und Gummigeschossen.

Gewalt gegen Schwarze in den USA

Juli 2016

Am 5. Juli wird ein 37-jähriger Afroamerikaner in Baton Rouge (Louisiana) von einem Polizisten erschossen, nachdem er zuvor zu Boden gedrückt wurde. Mehrere Zeugen halten den Vorfall auf Video fest, es kommt zu Protesten.

Juli 2016

Ein 32-Jähriger wird während einer Fahrzeugkontrolle in Minnesota von einem Polizisten in den Bauch geschossen. Die Freundin des Afroamerikaners hält den Vorfall in einem Facebook-Live-Video fest, das für einen internationalen Aufschrei sorgt.

März 2015

Tödliche Schüsse auf einen unbewaffneten jungen Schwarzen lösen in Madison (Wisconsin) Proteste aus. Angeblich schoss der Polizist in Notwehr.

April 2015

In North Charleston (South Carolina) erschießt ein Polizist einen flüchtenden, unbewaffneten Schwarzen von hinten. Der auf einem Video festgehaltene Fall sorgt international für Aufsehen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

Juli 2015

Ein Polizist erschießt in Cincinnati (Ohio) bei einer Verkehrskontrolle einen unbewaffneten Schwarzen. Sein Wagen hatte vorne kein Nummernschild.

Dezember 2015

In Chicago erschießen Polizisten eine fünffache Mutter und einen Studenten. Beide sind schwarz. Der 19-Jährige hatte seinen Vater mit einem Baseballschläger gedroht, die Nachbarin wird nach Polizeiangaben aus Versehen getroffen.

Mai 2016

Am Steuer eines gestohlenen Autos wird eine junge Afroamerikanerin in San Francisco von einer Polizeikugel tödlich getroffen. Auf Druck des Bürgermeisters nimmt der Polizeichef seinen Hut.

November 2014

Ein weißer Polizist muss wegen tödlicher Schüsse auf einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen in Ferguson (Missouri) vorerst nicht vor Gericht. Eine Geschworenenjury sieht keine Beweise für eine Straftat. Der Vorfall löste schwere Unruhen aus.

Juli 2010

Nach einem milden Urteil gegen einen weißen Ex-Polizisten kommt es in Kalifornien zu Ausschreitungen und Plünderungen. Der Mann hatte einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, er wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

November 2006

Ein unbewaffneter Schwarzer stirbt im Kugelhagel der New Yorker Polizei. Er hatte nach dem Verlassen einer Bar im Auto mit Freunden ein Zivilfahrzeug der Polizei gerammt. Im April 2008 werden drei Polizisten freigesprochen.

April 2001

Schüsse eines Polizisten auf einen unbewaffneten Schwarzen lösen schwere Rassenunruhen in Cincinnati (Ohio) aus. Die Behörden rufen den Notstand aus. Der getötete 19-Jährige war bei einer Kontrolle geflüchtet, der Polizist wurde freigesprochen.

Februar 2000

Vier Polizisten, die einen afrikanischen Einwanderer erschossen hatten, werden freigesprochen. Das Urteil der Jury aus schwarzen und weißen Schöffen ist heftig umstritten, in New York kommt es zu Ausschreitungen.

März 1991

Vier Autobahn-Polizisten schlagen den Afroamerikaner Rodney King nach einer Verfolgungsjagd zusammen. Ein Amateur-Video geht um die Welt. Der Freispruch der Männer führt in Los Angeles zu Unruhen mit Dutzenden Toten. In einem Revisionsverfahren werden zwei der Polizisten 1993 zu jeweils 30 Monaten Haft verurteilt. Außerdem erhält das Opfer eine millionenschwere Entschädigung.

Auch im August hatte Gouverneur Nixon den Notstand verhängt und schließlich die Nationalgarde aktiviert. Wie viele Nationalgardisten diesmal zum Einsatz kommen sollten, sagte er nicht. Sie sollten auf Anfrage der Polizei „Leben und Besitz schützen“, sagte Nixon.

Der Bürgermeister von St. Louis, Francis Slay, sagte, er begrüße die Mobilisierung der Nationalgarde. Sie werde eine „sekundäre Rolle“ einnehmen und könnte etwa an Einkaufszentren oder Verwaltungsgebäuden stationiert werden.

Michael Browns Eltern riefen vor wenigen Tagen bereits zur Ruhe auf. „Im Namen der Brown-Familie dulden wir keine Randale, Plünderungen oder Gewalt“, sagte der Anwalt der Browns, Anthony Gray. Die Gerechtigkeit im Fall Brown müsse „aufmerksam, friedlich, ruhig und würdevoll“ eingefordert werden - auch nach Entscheidung der Geschworenenjury. Die Brown-Familie folge der Haltung von Jay Nixon, dass Gewalt nicht hingenommen werde.

Polizisten nahe Ferguson seien kürzlich extra für den Umgang mit Demonstranten geschult worden, sagte Nixon. Anwalt Gray kritisierte Nixons einseitige Verurteilung der Protestler und rief die Strafverfolger dazu auf, sich ebenfalls zurückzuhalten. Benjamin Crump, ein weiterer Anwalt der Brown-Familie, bezeichnete die bevorstehende Entscheidung der Jury unabhängig von ihrem Ergebnis als „entscheidenden Moment in der Geschichte des Staates Missouri“.

Von

dpa

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