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18.06.2016

16:15 Uhr

Falludscha

Irakische Armee meldet Rückeroberung von IS-Hochburg

Mit dem Vormarsch von Regierungskräften in Falludscha verliert der IS eine Hochburg. Militärisch ist er auf dem Rückzug. Den Konflikt zwischen Iraks Schiiten und Sunniten aber könnte die Operation anheizen.

Irakische Truppen haben die Stadt von Kämpfern der Terrormiliz „Islamischer Staat“ zurückerobert. dpa

Falludscha

Irakische Truppen haben die Stadt von Kämpfern der Terrormiliz „Islamischer Staat“ zurückerobert.

BagdadNach Erfolgen gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) lassen die Jubelmeldungen der Regierung in Bagdad meistens nicht lange auf sich warten. Auch Ministerpräsident Haidar al-Abadi brauchte nach dem Vormarsch regierungstreuer Truppen in das Zentrum der IS-Hochburg Falludscha nur wenige Stunden, um vor die Kamera zu treten. Umrahmt von vier hohen Offizieren verkündete er am Freitag die „Befreiung“ der Stadt. Al-Abadi störte es kaum, dass die Kämpfe um Falludscha zu diesem Zeitpunkt längst noch nicht beendet waren.

Für den schiitischen Politiker ist ein Sieg in der westirakischen Stadt politisch überlebensnotwendig. Seit Monaten steht der 64-Jährige massiv unter Druck. Schon im vergangenen Jahr versprach Al-Abadi Reformen, vor allem um die mangelhafte Versorgung des Landes mit Strom zu verbessern und die Korruption zu bekämpfen. Vorzuweisen hat er jedoch wenig. So scheiterte er bislang damit, ein Kabinett aus Technokraten einzusetzen, mit dem er den Einfluss der mächtigen Parteien begrenzen will. Doch die wehrten sich erfolgreich.

Al-Abadi, so ist es in Bagdad immer wieder zu hören, ist zwar guten Willens, ihm fehlt aber eine Hausmacht. Druck bekommt er nicht nur von den Parteien, sondern auch von der Straße. Kleine Demonstration auf dem Bagdader Tahrir-Platz verwandelten sich in Massenkundgebungen, als der populäre Schiitenführer Muktada al-Sadr seine Anhänger zu Protesten gegen die Regierung aufrief. Eine aufgebrachte Menge stürmte sogar die Hochsicherheitszone Bagdads und drang ins Parlament ein. Iraks Regierung stand am Rande des Kollaps. Erst die Ramadan-Ferien verschafften Al-Abadi eine Atempause.

Wer in Syrien und im Irak gegen den IS kämpft

Das Anti-IS-Bündnis

Im September 2014 gab US-Präsident Barack Obama die Gründung eines Bündnisses bekannt mit dem Ziel, den IS „endgültig zu zerstören“. Mehr als 60 Staaten und internationale Organisationen beteiligen sich am Kampf gegen die Terrormiliz sowohl in Syrien als auch im benachbarten Irak. Neben Ländern der Europäischen Union (EU) wie Deutschland, Italien, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden gehören der Koalition auch Australien sowie mehrere arabische Länder an.

Luftangriffe

Nur wenige Staaten fliegen neben den USA Luftangriffe gegen die Terrormiliz. Im Irak sind daran zum Beispiel Frankreich, Australien und Großbritannien beteiligt. In Syrien sind es neben Frankreich auch arabische Staaten wie Saudi-Arabien, Bahrain, Katar und Jordanien. Die Türkei, Syriens Nachbar im Norden, hatte 2015 nach langem Zögern die Nutzung seiner Luftwaffenbasis Incirlik für Luftschläge – auch der USA – gegen den IS erlaubt.

Bundeswehr

Die Bundeswehr unterstützt den Kampf gegen den IS unter anderem mit „Tornado“-Aufklärungsjets. Die Maschinen bombardieren die IS-Stellungen aber nicht selbst. Teil des deutschen Beitrags sind auch ein Tankflugzeug und zeitweise eine Fregatte. Diese sicherte zusammen mit Kriegsschiffen aus Frankreich, Belgien und Großbritannien den französischen Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ im Persischen Golf. Die „Augsburg“ war seit Dezember 2015 dafür rund vier Monate unterwegs. Vom einzigen Flugzeugträger der französischen Marine starteten Jagdbomber zu ihren Einsätzen.

Training und Waffen

Im Norden Syriens unterstützen US-Spezialkräfte zudem kurdische Kämpfer. Das US-Militär und seine Verbündeten bilden im Irak außerdem das irakische Militär sowie kurdische Peschmerga-Kämpfer aus. Auch rund 130 Bundeswehrsoldaten schulen im Nordirak Peschmerga-Einheiten. Darüberhinaus beliefert Deutschland die irakischen Kurden mit Waffen.

Russland

Moskau ist nicht Teil des von den USA gegründeten Bündnisses. Russische Truppen greifen seit September 2015 unabhängig davon Ziele in Syrien an. Allerdings nicht nur Stellungen des IS. Russische Attacken richten sich auch gegen Rebellen, die mit der Terrormiliz verfeindet sind. So starten die Jets vom russischen Luftwaffenstützpunkt Hamaimim nahe Latakia im Nordwesten Syriens. Zudem wurden Marschflugkörper von Kriegsschiffen im Mittelmeer abgefeuert.

Der Erfolg in Falludscha stärkt ihn und macht den Weg frei, um als nächstes auf die letzte irakische IS-Hochburg Mossul im Norden des Landes vorzurücken. Er könnte aber ausgerechnet das größte Problem des Iraks weiter verschärfen: den Konflikt zwischen den Schiiten und Sunniten, den beiden größten Strömungen des Islams.

Schon seit langem klagen Sunniten, die von Schiiten dominierte Regierung diskriminiere sie. So beschuldigen sie die schiitischen Parteien, alle wichtigen Ministerien zu kontrollieren und die einflussreichen Posten mit eigenen Gefolgsleuten zu besetzen.

Der sunnitische Politiker Talal Soabi, im irakischen Parlament Vorsitzender des Anti-Korruption-Ausschusses, wirft Mitgliedern von Al-Abadis schiitischer Dawa-Partei und anderen Verantwortlichen zudem vor, in dem ölreichen Land Millionen zu veruntreuen. Transparenz und Reformen gebe es nicht, warnt er: „Wenn sich an dem System nichts ändert, dann ist das Ende des politischen Prozesses nahe.“

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