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16.01.2007

07:11 Uhr

Familienminister warnt vor Verschuldung

Armes reiches Luxemburg

VonCordelia Chaton

Die Schuldnerberatungsstelle in Luxembourg-Bonneweg kann sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen. Denn obwohl das Großherzogtum zu den reichsten Orten der Erde gehört, zählt es gleichzeitig immer mehr Arme.

LUXEMBURG. Es war einmal ein Ehepaar in Luxemburg, das schloss sich mit seinen Kindern eine Woche lang im Keller des Wohnhauses ein, um die Nachbarn glauben zu machen, sie seien in Urlaub gefahren. Dann erst wurden die Rollläden hochgezogen.

Christian Schumacher weiß nicht, ob die Geschichte wirklich wahr ist. Aber der Dienststellenleiter der Schuldnerberatungsstelle in Luxemburg-Bonneweg, nur ein paar Autominuten vom Bahnhof entfernt, hält sie für symptomatisch. „Selbst bei Kleinverdienern wird genau drauf geachtet, welche Automarke jemand fährt“, weiß der 39-Jährige aus Erfahrung. Seit 1997 berät er Menschen mit Geldproblemen. Irgendwann hat er sich ein Plakat mit einem Zitat des US-Schauspielers Dany Kaye ins Büro gehängt: „Die meisten Menschen wären glücklich, wenn sie sich das Leben leisten könnten, das sie sich leisten.“ Der Konsumterror, sagt Schumacher, vergifte das Leben.

Sicher, wenn er auf internationale Konferenzen geht und erzählt, er komme aus Luxemburg, geht ein Raunen durch den Saal. Gibt es in einem Land mit nur 430 000 Einwohnern, die laut der letzten Imagebroschüre der Handelskammer Luxemburg statistisch gesehen mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 54 690 Dollar Weltspitze sind, tatsächlich Armut? Kann der zweitgrößte Fondsstandort der Welt, an dem noch dazu 155 Banken angesiedelt sind, Leuten nicht den Umgang mit Finanzen beibringen? Kann das einzige Großherzogtum der Welt, das zwischen vier und fünf Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr verzeichnet und dessen Arbeitslosenrate in gleicher Höhe geradezu mustergültig ist, ein Problem haben?

Luxemburg hat eines. Das gern als Luxusburg bestaunte Bankenparadies von der Größe des Saarlandes kennt nicht nur Millionäre, sondern auch Misere. Nach Angaben des nationalen statistischen Amts Statec waren 2004 rund elf Prozent der Bevölkerung dem Armutsrisiko ausgesetzt. Das sind 47 000 Menschen. Vor allem Alleinerziehende und kinderreiche Familien sind betroffen. „Seither hat sich die Lage eher verschlechtert“, verrät Erny Gillen. Der Vorsitzende des Luxemburger Caritas-Verbandes ist überzeugt, dass die Armut steigt. „Die Armut ist da, aber man sieht sie erst auf den zweiten Blick“, steht im Jahresbericht der Caritas.

Arm sind statistisch gesehen diejenigen, die weniger als 60 Prozent des verfügbaren mittleren Einkommens eines Erwachsenen verdienen. In Luxemburg belief sich dieses Jahreseinkommen für Alleinstehende auf 16 431 Euro und für ein Paar mit zwei Kindern auf 34 316 Euro. Ab da wird Luxusburg zu Lumpenburg. Wäre die generöse staatliche Umverteilung nicht, dann sähe es noch schlechter aus, mutmaßt der Statec-Bericht.

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