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12.08.2014

09:00 Uhr

Ferngläser für den Feind

Wie deutsche Firmen halfen, die eigenen Soldaten zu töten

VonThorsten Giersch

Die Briten hatten auf dem Schlachtfeld im Ersten Weltkrieg einen großen Nachteil: Es mangelte ihnen an guten Ferngläsern. Deutsche Firmen verkauften sie ihnen.

Für das Überleben an der Front waren Ferngläser enorm wichtig, um gegnerische Stellungen zu erkunden. ap

Für das Überleben an der Front waren Ferngläser enorm wichtig, um gegnerische Stellungen zu erkunden.

DüsseldorfDer Erste Weltkrieg war eine Materialschlacht. Doch diese wurde nicht nur mit tonnenschweren Kanonen und irrsinnigen Mengen an Granaten geführt, sondern auch mit filigranen Werkzeugen: Periskope, Entfernungsmesser und vor allem zuverlässige Feldstecher. Den brauchte praktisch jeder Offizier, um aus größtmöglicher Entfernung die feindlichen Scharf- und Maschinengewehrschützen auszumachen.

Nun war die deutsche Armee mit guten Feldstechern deutlich besser bestückt als auf der anderen Seite die britische. Selbst König George V. machte auf der Insel einen öffentlichen Aufruf. Doch der brachte nur 2000 Geräte zusammen. Das Problem waren die hochwertigen Linsen aus Spezialglas, die britische Firmen beileibe nicht in ausreichender Zahl herstellen konnten.

Die wichtigsten Worte des Ersten Weltkrieges

Im Krieg entstanden

Viele bis heute verwendete Wörter stammen aus dem Ersten Weltkrieg oder kamen in dieser Zeit in Gebrauch. Bei manchen ist der Bezug zum Krieg längst in Vergessenheit geraten. Eine kleine Dokumentation mit Unterstützung des Duden-Verlags und des Instituts für Deutsche Sprache:

Keks

Eindeutschung des englischen Wortes «Cakes», das bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg auch in Deutschland gebräuchlich war. Der immer stärker werdende Nationalismus führte zur Eindeutschung vieler Fremdwörter.

Blindgänger

Wurde zur Zeit des Ersten Weltkrieges auch im übertragenen Sinne benutzt, zum Beispiel für einen Angeber, der sich bei Gefahr schnell in Sicherheit bringt.

Etappe

Bezeichnete ursprünglich die nächste Verpflegungsstation, wurde aber auch in einem heute nicht mehr bekannten Sinne von «besetztes Hinterland» oder «Gebiet hinter den Kampfhandlungen» verwendet. Daraus ergaben sich abwertende Wortbildungen wie «Etappenhase» oder «Etappenhengst» für diejenigen, die sich vor dem Fronteinsatz gedrückt haben.

Kanonenfutter

Stammt ursprünglich aus Shakespeares Drama «Heinrich IV.» («Food for powder»). Schon dort verwendet es die Figur Falstaff für Soldaten, deren Leben kein Wert beigemessen wird. 1873 wurde die deutsche Übersetzung im Grimm'schen Wörterbuch verzeichnet. Im Ersten Weltkrieg wurde der Begriff dann besonders häufig verwendet, weil für minimale Geländegewinne massive Verluste an Menschenleben in Kauf genommen wurden.

Trommelfeuer

Ein um 1915 geläufig gewordener Kriegsterminus, der heute auch in vielen anderen Zusammenhängen verwendet wird.

Durchhalten

Eines der meistverwendeten Propagandawörter während des Krieges.

Fallschirm

Das Wort wurde 1915 erstmals in den Duden aufgenommen. Im Ersten Weltkrieg kam es bereits zu vereinzelten Fallschirmabsprüngen.

Fernglas

Ebenfalls 1915 zum ersten Mal im Duden.

Grabenkampf

Der Begriff kam um 1915 unter dem Eindruck des Stellungskriegs auf. Heute werden auch verbissene Auseinandersetzungen in nicht militärischen Bereichen als Grabenkämpfe bezeichnet.

08 15

War die Nummer eines massenhaft im deutschen Heer verwendeten Maschinengewehrs, der IMG 08/15. Nun schon viele Jahrzehnte ein populäres Synonym für Mittelmaß.

Das Problem wurde 1915 auf dem Schlachtfeld derart eklatant, dass die Briten sich direkt an den Feind wandten. „Vor dem Krieg waren deutsche Unternehmen wie die berühmte Firma Carl Zeiss in Jena wichtige Exporteure hochwertiger optischer Erzeugnisse“, schreibt der US-Historiker Adam Hochschild in seinem Buch „Der große Krieg“. Daran erinnerte sich britische Munitionsministerium und schickte einen Gesandten in die neutrale Schweiz.

Die Antwort des deutschen Kriegsministeriums fiel positiv aus. Das Abkommen sah vor, dass Deutschland je 8000 bis 10.000 Feldstecher zweier Typen an die Briten liefern würde. Von den einfacheren Ferngläsern für Unteroffiziere konnte Deutschland sofort 15.000 liefern und 5000 weitere in einem Monat.

Nun stellt sich die Frage, warum verkauft die Armee dem Feind Geräte und beraubt sich so freiwillig eines sehr wichtigen Vorteils in der Schlacht? Weil die Rohstoffknappheit vor allem in einem Bereich derart eklatant war, dass sich der Deal offenbar lohnte: Die Deutschen brauchten dringend Gummi. Die Lkw fuhren damals mit Stahlreifen – so eklatant war der Mangel.

Also lieferten die Deutschen im August 1915 rund 32.000 Feldstecher an die Briten. Wie hoch die Menge Gummi ist, die man dafür in der Schweiz bekam, ist nicht bekannt. Die deutschen Soldaten an der Front wunderten sich wenige Tage später auf jeden Fall kräftig über die neue Ausrüstung ihrer Kontrahenten.

 

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