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20.05.2015

14:05 Uhr

Festnahme nach Anschlag auf Bardo-Museum

Attentäter kam im Flüchtlingsboot nach Italien

Zwei Monate nach dem Anschlag auf Tunesiens berühmtestes Museum mit 22 Toten hat die Polizei offenbar den dritten Attentäter verhaftet. E inen Monat vor der Tat war er nach Italien gekommen – in einem Flüchtlingsboot.

Im März stürmten mehrere Angreifer das berühmte Bardo Museum in Tunesien. 22 Menschen wurden tödlich verletzt. ap

Anschlag auf Bardo

Im März stürmten mehrere Angreifer das berühmte Bardo Museum in Tunesien. 22 Menschen wurden tödlich verletzt.

RomZwei Monate nach dem Terroranschlag auf das Bardo-Museum in Tunesien ist ein mutmaßlich Beteiligter in Italien gefasst worden. Der 22-jährige Marokkaner sei am Dienstagabend in Gaggiano nahe Mailand in der Wohnung seiner Mutter verhaftet worden, berichtete die Staatsanwaltschaft Mailand am Mittwoch. Ihm werde zur Last gelegt, den Anschlag vom 18. März mit 22 Toten mitorganisiert und verübt zu haben, sagte Ermittler Bruno Megale.

Der Verdächtige kam einen Monat vor der Tat in einem Flüchtlingsboot in das südeuropäische Land. Die Behörden hätten seine Ausweisung angeordnet, teilte die italienische Polizei am Mittwoch mit. Unklar sei, ob und wann der 22-jährige Marokkaner nach dem Ausweisungsbeschluss vom 17. Februar Italien verlassen hat. Anti-Terror-Ermittler Bruno Megale sagte lediglich, der Marokkaner sei am 17. Februar in Porto Empedocle identifiziert und seine Ausweisung angeordnet worden. Gegner der Aufnahme von Bootsflüchtlingen in Italien haben immer wieder erklärt, dass in den Flüchtlingsbooten auch Terroristen ins Land.

Die Islamisten-Szene in Deutschland

Terrorgefahr in Deutschland

Nach Einschätzung der Bundesregierung verändert das Pariser Attentat nicht die Bedrohungslage in Deutschland. Die Terrorgefahr gilt nach wie vor als „abstrakt hoch“. Hinweise auf konkrete Anschlagspläne haben die deutschen Sicherheitsbehörden nicht. Sie betonen aber immer wieder, dass es keinen absoluten Schutz vor Terror geben könne - vor allem vor möglichen Angriffen fanatischer Einzeltäter. Bislang gab es nur einen islamistischen Anschlag auf deutschem Boden: Im März 2011 tötete ein Kosovo-Albaner am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten. Mehrere andere Attentate wurden bislang verhindert oder schlugen fehl.

Islamistische Szene in Deutschland

Der Verfassungsschutz rechnet mehr als 43 000 Menschen zur islamistischen Szene. Diese ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen - vor allem durch den starken Zulauf bei der Gruppe der Salafisten, einer besonders konservativen Strömung innerhalb des Islam. Rund 7000 Leute werden inzwischen der Salafisten-Szene zugerechnet. 2011 waren es noch etwa halb so viel. Besonders stark sind die Salafisten in Nordrhein-Westfalen vernetzt.

Dschihadisten

Mehr als 550 radikale Islamisten aus Deutschland sind bislang in das Kampfgebiet nach Syrien und in den Irak ausgereist. Die Zahl geht seit langem kontinuierlich nach oben. Viele haben sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen. Etwa 180 der Ausgereisten sind inzwischen wieder in Deutschland. Aber nur von einem kleinen Teil davon - etwa 30 Personen - ist bekannt, dass sie aktiv am bewaffneten Konflikt beteiligt waren. Rund 60 Islamisten aus Deutschland sind laut Verfassungsschutz in Syrien und dem Irak gestorben. Mindestens zehn sprengten sich bei Selbstmordanschlägen in die Luft. Dies sind aber nur die bekannten Fälle.

Gefährliche Islamisten

Die Sicherheitsbehörden stufen viele Islamisten als gefährlich ein. Etwa 1000 Menschen in Deutschland werden dem „islamistisch-terroristischen“ Spektrum zugeordnet. Darunter sind 260 sogenannte Gefährder, also Menschen, denen die Polizei zutraut, dass sie einen Terrorakt begehen könnten. Die Zahl ist so hoch wie nie zuvor. Zum Teil sind auch Rückkehrer aus Dschihad-Gebieten darunter. Diese machen den Sicherheitsbehörden große Sorgen, weil sie oft radikalisiert zurückkommen - und zum Teil kampferprobt.

Überwachung von Islamisten

Im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum in Berlin tauschen Polizei und Nachrichtendienste Informationen über auffällige Islamisten aus. Mit dabei sind 40 Behörden aus Bund und Ländern. Sie setzen sich mindestens einmal am Tag zusammen. Islamistische „Gefährder“ und kampferprobte Syrien-Rückkehrer haben Polizei und Geheimdienste besonders im Blick. Eine Komplettüberwachung ist aber kaum möglich. Um einen gefährlichen Islamisten rund um die Uhr zu observieren, sind mehrere Teams von Beamten nötig. Je nach Gefährlichkeit gibt es daher abgestufte Varianten der Beobachtung. Dass dies nur begrenzten Schutz liefern kann, zeigt auch der Fall Paris: Die beiden gesuchten Tatverdächtigen waren nach Angaben von Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve überwacht worden. Auf einen bevorstehenden Terrorakt habe es allerdings keinerlei Hinweise gegeben.

Zu dem Anschlag in Tunesien hatte sich die Terrormiliz Islamischer Staat bekannt. Unter den 22 Opfern befanden sich 17 ausländische Touristen, darunter vier Italiener. Danach fahndete die Behörden nach einem dritten Tatverdächtigen, der auf dem Video einer Überwachungskamera des Museums zu sehen gewesen war. Der Gefasste könnte nun dieser Mann sein. Die beiden anderen mutmaßlichen Täter waren von Sicherheitskräften erschossen worden.

Der gefasste Tatverdächtige war der italienischen Polizei bisher nicht aufgefallen. Die Polizei konnte den Mann jetzt identifizieren, weil seine Mutter kurz nach der Attacke in Bardo gemeldet hatte, dass sein Reisepass verloren gegangen sei.

Der tunesische Haftbefehl gegen den Marokkaner lautet unter anderem auf vorsätzlichen Mord, Verschwörung gegen die innere Sicherheit des Landes und Zugehörigkeit zu einer Terrororganisation, wie Megale auf einer Pressekonferenz weiter mitteilte.

Die Angreifer hatten am 18. März zunächst auf Besucher geschossen, die vor dem Gebäude in der Hauptstadt Tunis aus Reisebussen ausstiegen. Anschließend drangen sie offenbar ungehindert in das Museum ein und töteten dort weitere Menschen, bevor zwei von ihnen in einer Schießerei mit der Polizei selbst starben.

Glossar – der politische Islam

Einen einheitlichen Islam...

… gibt es nicht. Die Religion hat etwa 1,6 Milliarden Anhänger weltweit. Doch die regional unterschiedlichen Spielarten des Glaubens variieren stark. Die meisten Muslime leben beispielsweise nicht etwa in einem Land auf der arabischen Halbinsel, sondern in Indonesien. Dort sind mit knapp 13 Prozent aller Muslime der Welt so viele Gläubige beheimatet wie in keinem anderen Staat.

Die Verwendung...

… von Begriffen wie Islamismus, politischem Islam, Fundamentalismus, radikalem Islam und Dschihadismus erfolgt in der Debatte oft nicht trennscharf. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden sie oftmals synonym und wenig trennscharf verwendet. Meist sollen mit „Islamismus“ solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen.

Islamismus...

… bzw. Islamisten stehen für für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.

Problematisch ist,...

… dass gerade späteren Strömungen die Absicht eigen ist, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Oft geht das einher mit einer Ablehnung der Trennung von Religion, was ein Spannungsverhältnis schafft zu den Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Friedliche Islamisten...

… sehen die Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihres Ziels – der Errichtung eines islamischen Staats - nicht als ihr vorrangiges politisches Instrument.

Als Mittel des Widerstands...

… haben sich islamistische Strömungen allerdings in vielen Staaten entwickelt. Grobe Faustregel: Je stärker sie unterdrückt wurden, desto eher neigten sie zur Radikalisierung und einer Fokussierung auf den bewaffneten Kampf. So etwa in Syrien und in Ägypten.

Terrorismus...

… ist daher eines von mehreren Mitteln und Handlungsstilen, die Islamisten benutzen. Andere Beispiele sind Parteipolitik und Sozialarbeit.

Der Dschihad...

… bedeutet wörtlich „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“ für Gott, nicht Gotteskrieg. Man muss unterscheiden zwischen dem „großen Dschihad“ als Kampf gegen sich selbst, also umgangssprachlich gesagt Überwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“ und dem „kleinen Dschihad“, dem Kampf im militärischen Sinne. Die Übersetzung von Dschihadisten als „Gotteskrieger“ verzerrt den Begriff daher, weil es einen einseitigen Fokus auf den bewaffneten Kampf legt.

Die tunesischen Behörden nahmen in den Wochen nach dem Anschlag mehrere Menschen fest. Doch das Innenministerium erklärte, der Drahtzieher der Attacke sei noch auf der Flucht. Es wird geschätzt, dass rund 3000 Tunesier in Syrien und dem Irak an der Seite des IS kämpfen. Die beiden getöteten Attentäter waren zuvor in einem Militärcamp in Libyen ausgebildet worden.

Das Bardo ist das größte Museum des Landes und ist vor allem für seine Sammlung römischer Mosaike bekannt. Es beherbergt 8000 Kunstwerke und zieht jedes Jahr viele ausländische Touristen an.

Von

ap

Kommentare (5)

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Herr Klaus Emerott

20.05.2015, 14:45 Uhr

Da wird er nicht der einzige islamistische Terrorist sein, der sich zur Fachkraft für Seetouristik hat umschulen lassen.

Herr Jordache Gehrli

20.05.2015, 14:54 Uhr

...diese Vermutung habe ich auch. Wie viele "Asylanten" sollen noch mal gleich dieses Jahr zu uns kommen: 500.000?? Wenn davon nur 2 % Terroristen sind, haben wir alsbald 10.000 Kollegen im Land, die nur darauf warten uns die Kehle durchzuschneiden....na denn

Herr Jürgen Dannenberg

20.05.2015, 15:00 Uhr

Ich könnte mich schlapp lachen.

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