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27.05.2011

10:54 Uhr

Festnahme von Serben-General

Mladic muss Unterstützer gehabt haben

15 Jahre war er abgetaucht: Nach seiner Festnahme schwächelt der Serben-General, wohl auch um seine Vernehmung zu behindern. Seine Medikamente konnte er sich vorher nicht allein besorgen - jemand muss ihm geholfen haben.

Maldic nicht vernehmungsfähig - Anwalt

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BelgradDer mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladic wird am Freitagmittag wieder vor dem Untersuchungsrichter erscheinen. Das kündigte der Sprecher der serbischen Staatsanwaltschaft, Bruno Vekaric, im Staatsfernsehen RTS in Belgrad an. Seine Auslieferung an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag werde „spätestens in sieben Tagen“ über die Bühne gehen. Die Vernehmung des 68-Jährigen war gestern Abend abgebrochen worden, weil sich der Ex-Militärchef der bosnischen Serben als schwacher, kranker Mann präsentierte, der sich kaum mitteilen kann.

Mladic besaß bei seiner Festnahme am Donnerstag „eine ganze Tüte voller Medikamente“. Das berichtete die Zeitung „Blic“ am Freitag in Belgrad unter Berufung auf die Ermittlungsbehörden. Diese Arzneimittel habe er nicht ohne Hilfe eine Arztes beschaffen können.
Nach dem medizinischen Check Mladics durch die Amtsärzte schreiben diese nun vor, welche Arzneien der 69-Jährige nehmen soll.

Laut serbischer Regierung war Mladic bereits bei seiner Festnahme zu schwach, um sich zu wehren, obwohl er es gekonnt hätte: Mladic war bei seiner Festnahme bewaffnet. Der mutmaßliche Kriegsverbrecher habe zwei geladene Gewehre bei sich gehabt, aber keinen Widerstand geleistet, sagte der für die Verfolgung von Kriegsverbrechern zuständige Minister Rasim Ljajic am Donnerstag. Mladic habe zudem blass ausgesehen, so als ob er lange nicht an der frischen Luft gewesen wäre.

Liste der Anklagepunkte gegen Ratko Mladic

Völkermord

Das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wirft Ratko Mladic unter anderem Völkermord und Beihilfe zum Völkermord vor. Der frühere General der bosnischen Serben gilt als Verantwortlicher des Massakers in der Uno-Schutzzone Srebrenica, wo im Juli 1995 etwa 8.000 muslimische Männer und Jungen von bosnisch-serbischen Truppen getötet wurden.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Des weiteren ist Mladic in sieben Fällen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Das Gericht beschuldigt den Bosnier der Verfolgung aus politischen, rassistischen und religiösen Gründen. Zudem wird ihm Menschenvernichtung, Mord, Deportation und gewaltsame Vertreibung vorgeworfen. Die Anklagepunkte beziehen sich auf Verbrechen in Srebrenica und Sarajevo sowie in 27 anderen bosnischen Städten und Dörfern.

Verstöße gegen Vereinbarungen und Konventionen

Darüber hinaus werden Mladic sechs Verstöße gegen Vereinbarungen und Konventionen für Kriegsfälle, darunter Mord, Grausamkeit, Angriffe und Terror gegen Zivilisten sowie Geiselnahme vorgeworfen. Von letzterem Verbrechen waren laut Anklage auch Beobachter der Vereinten Nationen sowie internationale Militärbeobachter betroffen.

Vekaric widersprach Augenzeugen, die Mladic als demenzkranken alten Mann mit eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit dargestellt hatten. Die angebliche Gebrechlichkeit des 69-Jährigen sei nur ein Teil seiner Verteidigungstaktik, behauptete der Behördensprecher. Er habe Mladic als Mann erlebt, der seine Lage sehr wohl einschätzen und am Verfahren teilnehmen könne.

Bei seiner Verhaftung ist der Ex-General offenbar von den Einsatzkräften im Schlaf überrascht worden. Mladic sei am Donnerstagmorgen „aus dem Bett heraus verhaftet“ worden, berichteten die Zeitungen am Freitag in Belgrad. Seine angeblich umfangreiche Leibwache, die ihn bei einer Festnahme hätte erschießen sollen, sei weit und breit nicht in Sicht gewesen. Auch seien keine modernen Kommunikationsmittel wie Handy oder Laptop gefunden worden.  

Der wegen tausendfachen Mordes als Kriegsverbrecher gesuchte Mladic wurde am Donnerstag vom serbischen Geheimdienst auf einem Bauernhof im Norden Serbiens gefasst, schrieb die Tageszeitung "Blic". Er war am Polizeiangaben vom Donnerstag zufolge im Dorf Lazarevo nahe der Stadt Zrenjanin im Bauerhaus eines Verwandten untergetaucht.

Bei dem Haus seines Onkels Branislav Mladic im Dorf Lazarevo - eine Autostunde nordwestlich von Belgrad - handele es sich um „ein typisches Bauernhaus“, hieß es in den Presseberichten weiter. Das Gebäude sei in der Vergangenheit von den Sicherheitskräften mehrmals ohne Ergebnis durchsucht worden, Mladic sei erst vor zwei Wochen hier eingetroffen. Zuvor habe er sich in der Umgebung von Belgrad versteckt gehalten. Schon früher hatten die Verfolger herausgefunden, dass Mladic seine Verstecke in schneller Folge änderte.

Vor Gericht soll er sich zur Anklage des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag äußern. Dann soll über seine Auslieferung entschieden werden. Der frühere General sah dem Minister zufolge eingefallen und deutlich älter aus. "Kaum jemand konnte ihn erkennen." Mladic hatte falsche Ausweisdokumente bei sich, die ihn als Milorad Komadic ausgaben. Aus Polizeikreisen hieß es, er habe Gesundheitsprobleme: eine zum Teil gelähmte Hand, Nierenprobleme und hohen Blutdruck.

Mladic ist auf aktuellen Fotos nicht wiederzuerkennen. Die Medien veröffentlichten am Freitag in Belgrad Porträts des 69-Jährigen, auf denen er abgemagert und mit ausgefallenem Haar erscheint. Er zeige zudem starke Demenzerscheinungen, berichteten die Zeitungen. Sein rechter Arm sei nach einem Schlaganfall steif geblieben. Auf den letzten existierenden Fotos, die zehn Jahre alt waren, ist Mladic noch als lebensstrotzender fülliger Mann zu sehen.

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