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04.11.2014

18:34 Uhr

Festung Calais

„Wir haben alle nur ein Ziel: England“

VonThomas Hanke

Frankreich will den Hafen Calais zum Hochsicherheitstrakt machen: Kein Flüchtling soll illegal die Grenze nach England passieren. Der Versuch darf schon jetzt als gescheitert gelten. Ein Besuch in den Flüchtlingslagern.

Geschätzte 5000 Flüchtlinge leben in fünf Lagern in der französischen Hafenstadt Calais.

Geschätzte 5000 Flüchtlinge leben in fünf Lagern in der französischen Hafenstadt Calais.

CalaisCalais wird zur Festung ausgebaut. Wieder einmal. Doch diesmal kommt der Feind nicht wie seit dem 13. Jahrhundert von Westen, aus England. Oder wie 1940 aus Deutschland. Heute kommt er von innen. Er steht bereits in Calais. 2300 Flüchtlinge, manche Einwohner sprechen sogar von 5000, leben in mindestens fünf Lagern unter freiem Himmel. „Wir haben nur ein Ziel: nach England zu gelangen“, sagt einer von ihnen, ein Sudanese, der sich Ibrahim nennt.

Briten und Franzosen haben ebenfalls nur ein Ziel: Sie wollen den Kanal dicht machen für Illegale. Weder durch den Channel Tunnel, der bei Calais beginnt, noch per Fähre soll die Einreise auf die britischen Inseln noch möglich sein. „Wir werden neue, höhere Zäune am Tunnel und im Hafen bauen, mehr Polizei einsetzen und die Technik verbessern,“ sagt ein Mitarbeiter der Präfektur. Das Ziel sei klar: „Kein Flüchtling darf mehr aus Calais nach England herauskommen, die Stadt muss zur Sackgasse werden.“ Am Montag kommt Innenminister Bernard Cazeneuve in die Hafenstadt, um die unerbittliche Entschlossenheit seiner Regierung zu demonstrieren.

„Die Stadt muss eine Sackgasse sein“ – der Anspruch könnte nach hinten losgehen. Historisch ist Calais schon oft zur Sackgasse für die Bürger selber geworden. In Kriegen mit England, durch die deutsche Besatzung und während der Befreiung durch die Alliierten 1944 wurde die Stadt mehrfach zum Trümmerfeld.

So kommen die Flüchtlinge nach Europa

Lampedusa

Lampedusa ist ein beliebtes Ziel für Flüchtlingsboote. Die italienische Mittelmeerinsel liegt nahe der nordafrikanischen Küste. Doch es gibt noch andere Routen über die Flüchtlinge nach Europa gelangen.

Quelle: Frontex Annual Risk Analysis 2013

Osteuropäische Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 407

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Ukraine: 330
Afghanistan: 52
Vietnam: 47

Balkan-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 5.634

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Afghanistan: 1.693
Syrien: 1.139
Kosovo: 979

Östliche Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 12.962

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Syrien: 8.241
Afghanistan: 2.488
Somalia: 760

Albanien-Griechenland Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 3.515

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Albanien: 3.466
Mazedonien: 14
Georgien: 13

Apulien und Kalabrien

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 7.751

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Syrien: 3.040
Nigeria: 684
Eritrea: 475

Zentrale Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 56.446

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Eritrea: 17.829

Unbekannt: 9.494
Syrien: 8.588

Westliche Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 3.331

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Mali: 783
Kamerun: 730
Guinea: 294

Westafrikanische Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 146

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Marokko: 30
Mali: 24
Guinea: 16

Im Jahr 2014 geht es um eine völlig andere Auseinandersetzung, aber wieder könnte sich das Vertrauen in die Wirksamkeit von Zäunen, Barrieren, Mauern als Trugschluss erweisen. Die Politik der Abschreckung von Flüchtlingen ist nicht neu. Erfolgreich war sie nicht. Sie hat vor zwölf Jahren begonnen mit Nicolas Sarkozy, der damals noch Innenminister war. Er schloss das Auffanglager für Migranten in Sangatte bei Calais. Was er sich denn davon erwarte, wenn er die Migranten einfach auf die Straße setze, fragte ihn eine Journalistin. „Madame, wenn es kein Lager mehr gibt, wird es auch keine Flüchtlinge mehr geben“, blaffte Sarko sie mit schneidender Logik an. Damals gab es rund 1000 Flüchtlinge. Heute sind es mindestens doppelt so viele.

„Im September waren es ungefähr 2300“, sagt der Sprecher der Präfektur des Département Pas-de-Calais. Diese Zahl dürfte eher zu niedrig liegen. Über die ganze Stadt und ihre Randgebiete verteilt sind Lager der Menschen, die vor allem aus Afrika kommen. Überall, wo ein paar Bäume und Büsche stehen, auch auf verlassenen Fabrikgeländen, sieht man improvisierte Zelte. Sie entziehen sich jeder Kontrolle. Es ist unmöglich, sich einen genauen Überblick darüber zu verschaffen, wer da ein und ausgeht. Auch die offiziellen Zahlen der Präfektur über blinde Passagiere, die im Hafen und am Tunneleingang aufgegriffen wurden, legen den Schluss nahe, dass sich mehr Fluchtkandidaten in Calais aufhalten könnten. 19.967 Personen hat die Polizei seit Anfang 2014 erwischt in Autos und Lastwagen, 2.962 illegale Mitfahrer waren es allein im September. Entweder der „Durchsatz“ an Flüchtlingen ist höher als angenommen, oder es halten sich mehr Menschen in Calais auf, als die Behörden angeben.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

04.11.2014, 19:16 Uhr

Daß nun grad die Franzosen die Flüchtlinge gen England bei sich behalten möchten, ist zwar angesichts der chaotischen Lage sowie der unfähigen Bevölkerung im eigenen Land verständlich.

Helfen wird es nicht, denn kaum einer der Flüchtlinge will in irgendeinem Euro-Land bleiben, wo überall absehbar der Untergang droht.

So klug sind die Herrschaften denn schon, daß sie wissen, in England geht es schon jetzt wegen der eigenen Währung sowie der harten Austerity-Politik aufwärts.
Dort kann man arbeiten und leben - in der Rest-EU jedoch nicht.

Frau Ute Umlauf

04.11.2014, 19:58 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Markus Bullowski

05.11.2014, 07:58 Uhr

Man müsste die Leute aufgreifen und nach Afrika zurückbringen, nur das hilft. Solange man - einmal angekommen - bleiben darf, hilft alle Abschreckung nix. Das ist wie ein Honigtopf hinter Mauern.

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