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17.07.2016

18:34 Uhr

Fethullah Gülen

Der Erdogan-Erzfeind

VonGerd Höhler

Der türkische Präsident Erdogan hat den Drahtzieher des Militärputsches schnell ausgemacht: Sein Ex-Verbündeter Fethullah Gülen, der in den USA lebt. Plausibel erscheinen die Anschuldigungen auf den ersten Blick nicht.

Das Bild aus dem Jahre 2013 zeigt Fethüllah Gulen, den islamischen Prediger und Gründer der Gülen-Bewegung. Ihn macht Erdogan für den Putschversuch verantwortlich. dpa

Fethullah Gülen

Das Bild aus dem Jahre 2013 zeigt Fethüllah Gulen, den islamischen Prediger und Gründer der Gülen-Bewegung. Ihn macht Erdogan für den Putschversuch verantwortlich.

Glaubt man dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, wurde der Staatsstreich gegen ihn tausende Kilometer entfernt geplant – in Saylorsburg im US-Staat Pennsylvania. Dort lebt auf einem zehn Hektar großen Landsitz der islamische Prediger Fethullah Gülen – einst ein enger Verbündeter Erdogans, inzwischen sein Erzfeind.

Der heute 74-jährige Gülen ging 1999 in die USA, um sich einem in der Türkei drohenden Strafverfahren wegen islamistischer Umtriebe zu entziehen. Aus seinem Exil steuert der Prediger ein globales Netzwerk von Bildungseinrichtungen, Wohltätigkeitsorganisationen und Stiftungen. In seinen Predigten tritt der Geistliche für einen Dialog der Religionen und der Kulturen ein. In der Türkei hat er Millionen Anhänger.

Für Erdogan war er nach dem Wahlsieg seiner islamisch-konservativen AKP Anfang der 2000er Jahre ein wichtiger Mitstreiter, vor allem bei dem Bemühen, die kemalistischen Eliten in der öffentlichen Verwaltung, im Bildungssystem und in der Justiz durch gläubige Muslime zu ersetzen. So kamen „Gülenisten“ an wichtige Schaltstellen des Staatsapparates.

Seit Ende der 2000er Jahre gingen die beiden Männer zunehmend auf Distanz. Gülen kritisierte Erdogans Konfrontationskurs gegenüber Israel. Auch Erdogans Unterstützung für die radikal-islamische Hamas, die ägyptischen Moslembrüder und die Dschihadisten in Syrien stießen bei Gülen auf Missbilligung. 2013 kam es zum endgültigen Bruch: Erdogan beschuldigte Gülen, er habe die Massenproteste gegen die Regierung im Sommer 2013 organisiert, die Ende desselben Jahres aufgekommen Korruptionsvorwürfe gegen ihn lanciert und plane seinen Sturz.

Erdogans Erzfeind Gülen und dessen Bewegung in der Türkei

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan...

...hat die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch in der Türkei verantwortlich gemacht.

Gülen – der die Aktionen...

...verurteilte und jede Verantwortung dafür zurückwies - ist seit einem schweren Zerwürfnis im Jahr 2013 zu einem der Erzfeinde Erdogans geworden.

Hinter den meisten innerpolitischen Krisen...

...vermutet Erdogan seit längerem die mächtige Bewegung des im US-Bundesstaat Pennsylvania lebenden Predigers.

Erdogan...

...wirft seinem einstigen Verbündeten vor, Parallelstrukturen im Staat errichten zu wollen und seinen Sturz zu betreiben. Die Regierung geht massiv gegen mutmaßliche Gülen-Anhänger vor, die sie vor allem bei der Polizei und in der Justiz vermutet.

Die Gülen-Bewegung...

...wurde zu einer Terrororganisation erklärt, viele ihrer führende Köpfe stehen auf einer Liste der meistgesuchten Terroristen der Türkei. Die Türkei fordert Gülens Auslieferung.

Der heute 75-jährige Gülen...

...hat sich ursprünglich als einflussreicher islamischer Prediger einen Namen gemacht. Bis in die 1980er Jahre hinein wirkte er als Imam in verschiedenen türkischen Städten. Mit seinen Predigten und Büchern über den Islam, Bildungs- und Wissenschaftsfragen, soziale Gerechtigkeit und interreligiösen Dialog begeisterte Gülen viele Gläubige.

Gülens Bewegung...

...Hizmet („Dienst“) sieht einen ihrer Schwerpunkte in der Verbesserung von Bildungschancen.

Seit 1999...

...lebt der gesundheitlich angeschlagene Prediger in Pennsylvania. Er war nach einer Anklage wegen staatsgefährdender Umtriebe ausgewandert.

Tausende Anhänger Gülens ließ Erdogan seit Ende 2013 aus dem Staatsdienst und der Justiz entfernen, die Gülen-Bewegung wurde zur „Terrororganisation“ erklärt. Mehrere Gülen nahestehende Medienunternehmen, darunter die größte türkische Tageszeitung „Zaman“, und eine Bank wurden in den vergangenen Monaten unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt.

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