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17.05.2013

11:39 Uhr

Finanzkrise

Papst geißelt „Diktatur der Wirtschaft“

Bescheidenheit ist das Thema von Papst Franziskus. Er will sie in der Kirche durchsetzen - und verlangt sie vom globalen Finanzsystem. Mit harschen Worten geißelt der Mann aus Argentinien die Gier. Und fordert Umkehr.

Papst Franziskus I. im Vatikan. dpa

Papst Franziskus I. im Vatikan.

Als ehemaliger Kardinal von Buenos Aires weiß Papst Franziskus, wie eine Wirtschaftskrise im Alltag aussieht. "Sie hat Angst und Verzweiflung geschaffen, sie hat vielen die Lebensfreude genommen und Gewalt und Armut steigen lassen", sagte das neue Oberhaupt der katholischen Kirche jetzt bei einem Besuch von Botschaftern im Vatikan in seiner ersten Rede zum Thema Wirtschaft und Finanzen.

Franziskus hat in Argentinien vor Jahren eine Krise miterlebt, die ähnlich wie heute in einigen Ländern Südeuropas, die Menschen in die Verzweiflung trieb und Rentner, die finanziell am Ende waren, in den Selbstmord. Der Papst belässt es aber nicht bei einer Analyse, sondern verlangt eine Umkehr.

Er fordert, dass der Staat sich stärker in die Verteilung zwischen Arm und Reich einmischen soll - und ruft zur Reform der globalen Finanzmärkte und mehr staatliche Kontrolle auf. "Geld muss uns dienen, nicht über uns herrschen."

Die Ungleichgewichte in der Welt hätten ihre Ursache in jenen Ideologien, die die Autonomie der Märkte und der Spekulationen an die erste Stelle setzen und den Staaten ein Recht auf Kontrolle absprächen. "Wir haben neue Idole geschaffen", sagt Franziskus weiter. Was einst Anbetung des goldenen Kalbes gewesen sei, seien heute der Kult um das Geld und die Diktatur der Wirtschaft.

Dabei greift der Papst auf seine eigenen Erfahrungen in seinem Heimatland Argentinien zurück, wo er sich als Bischof der Slums verstanden hat. Franziskus hat sich nicht nur nach einem Heiligen benannt, der die Armut gepredigt hat. Er ist nicht nur der erste Papst, der von einem Kontinent außerhalb Europas kommt. Er hat, mehr als alle seine Vorgänger, direkte Erfahrung mit Menschen, die unter Armut leiden.

Und diese Erfahrung gibt ihm die Autorität und vielleicht auch den nötigen Zorn, mit den Mächtigen und Reichen dieser Erde ins Gericht zu gehen. Dass er davor keine Scheu hat, beweist er jetzt, kaum in Rom eingelebt, mit einer wahren Strafpredigt gegen die "unsichtbare Tyrannei" des Marktes.

Diese erste Rede zu Wirtschaft und Finanzen zeigt, dass viele den neuen Chef im Vatikan unterschätzt haben. Franziskus ist zwar ein Konservativer. Aber er ist Jesuit, und damit Mitglied eines Ordens, der sich der "Option für die Armen" verschrieben hat.

Und er kommt aus Lateinamerika, dem Kontinent, der die bekanntesten Theologen der Befreiung hervorgebracht hat, die die frohe Botschaft Jesu mit marxistischem Gedankengut verbanden: Sie kamen zu der Erkenntnis, dass die Menschen nicht auf die Wiederkunft des Messias warten dürfen, sondern selbst den Zustand der Welt verbessern müssen.

Kommentare (19)

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HofmannM

17.05.2013, 11:47 Uhr

Dann soll er mal bei den Immobilien der Kirche und der Vatikanbank anfangen! Für den Bürger der auf Wohlstand hofft, ist eine gut laufende Wirtschaft die Chance in diesen Wohlstand zu gelangen. Von Mangel,Bescheidenheit und Verzicht ist noch keiner satt und in Wohlstand gekommen. Den Armen zu erzählen, dass diese mit Ihren Mangel zufrieden sein sollen, grenzt schon an Menschenverachtung und Heuchlerei!

Prophet

17.05.2013, 12:24 Uhr

Der neue Papst hat völlig Recht. Es wird viel zu viel Mist unter skandalösen Bedingungen produziert und mit Gewalt unter das Volk gebracht. Es geht nur darum sich an dem aufgeschwatzten Konsum eine goldene Nase zu verdienen. Dazu passt auch, das gerade die ärmlicheren Länder laut Umfrage eine höhere Lebensqualität haben. Geld und Konsum sind also weniger entscheidend und Nahrung für alle sollte es doch geben. Es geht um den Erhalt der Lebensbedingungen auf diesem Planeten und nicht um Reichtum und Wohlstand in einem endlichen Menschenleben.

Heidi

17.05.2013, 12:30 Uhr

Der Vorwurf der Diktatur aus Richtung einer Instutition die demokratische und freiheitliche Grundwerte allenfalls in homöopathischen Dosen praktiziert ist ein guter Witz!

Tatsache ist jedenfalls: Es ist noch gar nicht so lange her da waren die meisten Katholiken de facto gezwungen sich im Rahmen der Vorgaben durch die kath. Kirche zu bewegen.
Bei der Wirtschaft ist das selbst heute so nicht der Fall. Wirtschaft macht mir Angebote die ich annehmen kann oder es auch bleiben lassen kann.
Wenn mich überhaupt Etwas zu irgendwas zwingt dann ist es der Staat mit seinen mir auf's Auge gedrückten Verpflichtungen deretwegen ich nicht anders kann als der Wirtschaft meine Arbeitskraft anzubieten.

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