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14.07.2015

11:21 Uhr

Finanzminister beraten Brückenfinanzierung

Wie Athen schnell an 12 Milliarden kommen kann

Um die Finanznot in Athen zu lindern, schlägt Finanzminister Schäuble vor, Schuldscheine einzuführen. So könnte der Staat seine Rechnungen bezahlen – bis weitere Milliarden fließen. Doch es gibt noch weitere Optionen.

Warum der Deal noch nicht in trockenen Tüchern ist

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Es ist ein Signal des guten Willens: Griechenland hat am Dienstag seine Schulden bei japanischen Investoren beglichen. Wie die japanische Großbank Mizuho mitteilte, überwies Athen 20 Milliarden Yen (144 Millionen Euro). Die sogenannten Samurai-Bonds hatte die griechische Regierung vor genau zwei Jahrzehnten an private japanische Investoren ausgegeben.

Dagegen wartet der Internationale Währungsfonds (IWF) weiter auf Rückzahlungen aus Athen. Eine für Montag fällige Rate von 456 Millionen Euro ging ebenfalls nicht ein, womit die beim IWF überfällige Summe auf gut zwei Milliarden Euro anstieg. Und bereits am kommenden Montag wird eine Rückzahlung in Höhe von 3,5 Milliarden Euro bei der Europäischen Zentralbank (EZB) fällig.

Das griechische Schuldendrama von A bis M

A wie Austerität

Das Schlagwort der Krise. Umschreibt die Sparpolitik, um Haushaltsexzessen Einhalt zu gebieten. Weiteres Kürzen stürze die Menschen ins Elend und würge die Konjunktur ab, klagt Tsipras und steht damit nicht allein. Haushaltsdisziplin sei wichtig, um die Krise überwinden können, sagen Befürworter. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werfen Kritiker vor, für einen übertriebenen Sparkurs in Europa einzutreten.

B wie Bargeld

Äußerst knapp in Griechenland. Seit Ende Juni dürfen die Griechen an Bankautomaten nur noch täglich bis zu 60 Euro abheben. Weil viele aus Angst vor der Staatspleite ihre Konten leerräumten, droht den Banken das Geld auszugehen.

D wie Draghi

Mario Draghi, mächtiger Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), die über die Stabilität des Euro wacht. Draghi spielt eine Schlüsselrolle im Griechenland-Drama. Wenn die EZB den Geldhahn zudreht, weil es zu keiner Lösung kommt, stehen die Banken vor dem Aus; Griechenland dürfte dann endgültig zahlungsunfähig sein.

E wie Eurogruppe

Die Versammlung der Finanzminister aus den 19 Euroländern stieg in der Finanz- und Wirtschaftskrise zum weltweit beachteten Entscheidungsgremium auf. Sie hebt oder senkt den Daumen über Milliarden-Hilfsprogramme für die Euro-Krisenländer.

F wie Finanzmärkte

Verlieren Anleger das Vertrauen, dass Schulden überhaupt noch zurückgezahlt werden, dann können sich Staaten nur noch zu extrem hohen Zinsen finanzieren. Das wird sehr teuer. Diese Geldquelle bleibt Griechenland schon seit langem versagt.

G wie Grexit

Kunstwort bestehend aus „Greece“ (Griechenland) und dem englischen Wort „exit“ (Ausstieg). Der Ausstieg aus dem Euro - gewollt oder durch versehentliches Hinausschlittern - wurde zuletzt im Griechenland-Fall angesichts der drohenden Staatspleite von vielen nicht mehr ausgeschlossen.

I wie IWF

Der Internationale Währungsfonds mit Christine Lagarde als mächtiger Chefin ist einer der gewichtigen Kreditgeber Athens. Lagarde drängt die Eurogruppe, einer Umschuldung zuzustimmen.

J wie Jugendarbeitslosigkeit

Besonders dramatisch sind die Zukunftsaussichten der jungen Leute. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent in Griechenland haben die meisten kaum Hoffnungen, einen Job zu finden.

L wie Lissabon-Vertrag

Der Lissabon-Vertrag verbietet im Artikel 125, dass ein EU-Staat einen anderen Staat „herauskaufen“ kann („No-Bailout-Klausel“). Darauf berufen sich auch Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

M wie Merkel

Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.

Die Euro-Finanzminister diskutieren derzeit verschiedene Modelle, wie auf diese finanzielle Notlage reagiert werden kann. Mit der Brückenfinanzierung von rund zwölf Milliarden Euro soll Griechenland die Möglichkeit gegeben werden, seinen akuten Finanzbedarf zu decken und seine Banken zu stützen. Voraussichtlich am Mittwoch entscheiden die Euro-Finanzminister in einer Telefonkonferenz über die Brückenfinanzierung.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat in dieser Runde laut Handelsblatt-Informationen den Einsatz von Schuldscheinen ins Spiel gebracht. So könnte die griechische Regierung in die Lage versetzt werden, noch Löhne und Renten und Rechnungen zu zahlen. Solche sogenannten IOU (Engl.: „I owe you“ = „Ich schulde Ihnen“) gelten dann als Ersatz für harte Euro.

Das griechische Schuldendrama von N bis Z

N wie Notkredite

Seit Monaten hält die EZB Griechenlands Banken mit Notkrediten über Wasser. Sie belaufen sich inzwischen auf fast 90 Milliarden Euro.

O wie Ochi

Nein auf Griechisch. 61,31 Prozent der abstimmenden Griechen lehnten bei einem Referendum die Sparvorgaben der Geldgeber ab. Tsipras hatte für dieses Nein geworben.

R wie Rettungsschirm

Zwei Hilfsprogramme hat Griechenland bereits erhalten. Insgesamt sind es rund 215 Milliarden Euro an Hilfskrediten, davon ein Großteil aus Deutschland. Nun hat Athen Hilfen aus dem dauerhaften Rettungsschirm ESM beantragt.

S wie Schuldenschnitt

Wenn ein Staat so enorm hohe Schulden aufgehäuft hat, dass er sie nicht zurückzahlen kann, könnte er versuchen, seine Gläubiger zu einem teilweisen Verzicht ihres Geldes zu bewegen. Im Finanzjargon heißt der Schuldenschnitt „haircut“.

T wie Tsipras

Der charismatische Regierungschef und Chef der linken Syriza-Partei erwies sich für die Europartner als unberechenbar. Seit Alexis Tsipras mit der rechtspopulistischen Partei Anel in Athen regiert, gibt er sich mal kämpferisch, mal kompromissbereit. Zuletzt ließ er die Verhandlungen über ein Hilfsprogramm mit der EU scheitern und rief die Griechen zum Nein gegen weitere Sparauflagen auf, nun will er weiteres Geld.

U wie Ultimatum

Wenn in dieser Woche keine Einigung erreicht wird, dann wollen die Europartner keine Hilfen mehr gewähren.

V wie Varoufakis

Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis blieb bis zuletzt ein rotes Tuch für die Gläubiger. Der linke Politstar, mit Lederjacke und offenem Hemd im Stil eines Rockers, brüskierte die Europartner mit frechen Sprüchen vom Spardiktat. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Ich werde die Abscheu der Gläubiger mit Stolz tragen.“

W wie Währung

Der Euro ist die europäische Gemeinschaftswährung, um die sich alles dreht. Er startete offiziell 1999, zunächst nur auf dem Papier, 2002 dann auch als Bargeld und wurde nach dem US-Dollar zur zweitwichtigsten Reservewährung der Welt. Auch als die Griechenland-Krise eskalierte, blieb der Euro zuletzt stabil.

Z wie Zahlen

Mit geschönten Zahlen erschwindelte sich Griechenland 2001 den Eintritt in die Eurozone, die Schuldenquote war schon damals viel zu hoch. Heute liegt sie bei astronomischen 180 Prozent; erlaubt sind laut Euro-Stabilitätskriterien nur 60 Prozent.

So ein Schuldschein – auf Papier oder als elektronisches Dokument – ist das Versprechen eines Schuldners auf Zahlung. Der Staat könnte solche Scheine ausgeben, um die Löhne seiner Beamten und Angestellten zu begleichen, die Renten zu überweisen und Lieferungen zu zahlen: eine Art Staatsanleihe, aber ohne Zinsen. So könnte die Regierung die Zeit überbrücken, die es dauert, bis sie die Reformen angestoßen hat und die Milliarden eines dritten Hilfspakets fließen.

Um überhaupt noch Geschäfte zu machen, würden Händler und Dienstleister die Schuldscheine als Zahlungsmittel akzeptieren, erläutert der französische Finanzwissenschaftler Eric Dor. Wegen des Risikos wären die Schuldscheine allerdings weniger Wert als Euro.

Kommentare (53)

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Account gelöscht!

14.07.2015, 11:04 Uhr

Dr. Schäuble ist unser bestes Pferd im Stall. Er ist der Eckpfeiler in Merkels Kabinett. Der Fels in der Brandung, Mister Zuverlässig und der kompetenteste Politiker in Berlin. Ein Freund Europas, und ein Freund des Euro. Dem Mann macht niemand ein X für ein U vor.

Schade, dass außer ihm und Dr. Merkel sonst in Berlin nur größtenteils Pfeifen rumlaufen. Aber wer will schon bei den Almosen die man als Politiker bekommt diesen Job machen. Da muss man wohl auch Idealist sein (oder lukrative nebenberufliche Einkunftsmöglichkeiten haben).

Als Investmentbanker, Profikicker, Formel 1-Rennfahrer, Tennis- oder Golf-Profi etc. steht man(n) morgens für so einen Hungerlohn jedenfalls gar nicht erst auf.

Herr C. Falk

14.07.2015, 11:05 Uhr

Schuldscheine wären ein erster Schritt hin zu einem Grexit, falls aus welchen Gründen auch immer, das was in Brüssel ausgehandelt wurde keinen Bestand haben sollte.

Insofern liegen die Vorschläge von Schäuble in der Logik des Ablaufs der nächsten Tage und Wochen, den niemand präzise vorhersagen kann.

Herr Marc Otto

14.07.2015, 11:06 Uhr

Die Ost-EU Länder beten täglich zu Gott, dass es ihnen auch mal so geht, wie den "armen" Griechen. Aber blöd gelaufen, denn sie müssen selbst dafür arbeiten, was sie "essen" wollen. Und zum Dank machen wir dann noch blöde Witze über die Polen.

Ich habe großen Respekt vor den Ost-EU Ländern, die hart arbeiten und die oft extrem harte Umstrukturierungen akzeptieren müssen, nur um endlich auch in wirtschaftlich gute Strukturen zu kommen. Und so kenne ich meine Kollegen aus diesen Ländern, die oft 2 Jobs haben und die trotzdem nicht so viel Geld haben, wie die „armen“ Griechen.

Trotzdem sind sie stolz auf das, was sie erreicht haben und sie wissen, dass es nach oben geht.

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