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02.09.2014

14:49 Uhr

Finanzsanktionen gegen Russland

Angst vor dem Dominoeffekt

VonDietmar Neuerer

ExklusivAngesichts der Ukraine-Eskalation erwägt die EU, Finanzsanktionen gegen Russland zu verhängen. Eine solche Maßnahme wäre nicht ohne Risiko. DIW-Chef Fratzscher sieht Gefahren für die europäischen Finanzmärkte.

Harte Finanzsanktionen würden den russischen Finanzmarkt zwar treffen, aber womöglich auch auf anderen Märkten Turbulenzen auslösen. Reuters

Harte Finanzsanktionen würden den russischen Finanzmarkt zwar treffen, aber womöglich auch auf anderen Märkten Turbulenzen auslösen.

BerlinDer Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, hat vor einem Dominoeffekt gewarnt, sollte die EU tatsächlich Finanzsanktionen gegen Russland verhängen. „Finanzsanktionen haben den Nachteil dass sie weder gezielt, noch temporär noch voll glaubwürdig sein können. Finanzsanktionen werden immer die gesamte Volkswirtschaft betreffen“, sagte Fratzscher Handelsblatt Online. „Wenn es zu einer Panik kommt, dann ist es schwer Finanzstabilität wiederherzustellen und eine Übertragung auf europäische Märkte zu verhindern.“ Auch gerade deshalb seien „entschiedene und tief greifende Finanzsanktionen nicht voll glaubwürdig“.

Fratzscher erinnerte an Erfahrungen aus der Vergangenheit, die man „nicht ignorieren“ solle. Russlands Finanzkrise 1998 habe auch die westlichen Finanzmärkte „deutlich getroffen“, sagte der DIW-Chef. So sei der Zusammenbruch des Hedgefonds LTCM aufgrund der Russlandkrise 1998 mit hohen Kosten für die USA verbunden gewesen. Damals musste die US-Notenbank die Zinsen senken.

Ausgelöst wurde die Russlandkrise durch die Freigabe des Rubelkurses am 17. August 1998. Russland erklärte sich am 19. August für zahlungsunfähig. Die Krise führte zu einem zeitweisen Stopp der Kreditvergabe und des Zahlungsverkehrs. Bereits im Jahr 1999 setzte eine Erholung in Russland ein und im Jahr 2000 wuchs die Wirtschaft dort bereits wieder um 10 Prozent.

Was ist „Neurussland“?

Neuer Streit um ein historisches Gebiet

In der Ostukraine haben prorussische Separatisten im Mai ihre „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk zu „Neurussland“ vereinigt. Auch Russlands Präsident Putin verwendete mehrfach diese Bezeichnung. Sie hat einen historischen Ursprung.

Feldzüge gegen Türken

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde ein Militärbezirk nördlich des Schwarzen Meeres so genannt. Neurussland reichte damals von Bessarabien (heute die Republik Moldau) bis zum Asowschen Meer. Zentrum war Krementschuk, etwa 300 Kilometer südöstlich von Kiew. Zur Zeit der Feldzüge gegen die Türken und das Krim-Khanat sollte die Ansiedlung russischer und ukrainischer Bauern sowie ausländischer Siedler das Grenzgebiet stabilisieren.

Auflösung nach Eroberung der Krim

1764 bildete Zarin Katharina die Große das „Neurussische Gouvernement“. Nach der Eroberung der Krim verlor Neurussland seine strategische Bedeutung und wurde rund 20 Jahre nach der Gründung wieder aufgelöst. Zar Paul I. bildete 1796 erneut ein kurzlebiges Verwaltungsgebiet Neurussland um den Hauptort Noworossisk, dem heutigen Dnjepropetrowsk.

Deutsche Siedler

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde ein russisches „Generalgouvernement Neurussland-Bessarabien“ geschaffen. Von 1818 bis etwa 1880 wurden wieder ausländische Siedler angeworben. Auch aus deutschsprachigen Gebieten kamen viele Menschen in die Steppen Neurusslands. Die Dörfer dieser „Schwarzmeerdeutschen“ existierten bis zu den Deportationen in der Stalin-Zeit.

Die EU-Kommission bereitet derzeit Optionen für eine Verschärfung der Strafmaßnahmen gegen Russland vor. Am heutigen Montag soll die Brüsseler Behörde einen Vorschlag an die Mitgliedstaaten schicken. In einer Woche will man dann darüber beraten - entweder im Rat der EU-Außenminister oder im Kreis der ständigen EU-Botschafter.

Dem Vernehmen nach soll die Kommission weitere konkrete Sanktionsschritte in den vier Bereichen vorbereiten, in denen bereits Strafen verhängt wurden. Dazu gehören der Finanzsektor, Technologie-Lieferungen für den Ölsektor und ein Verbot neuer Waffengeschäfte mit Russland. Zudem sollen Einreiseverbote und Kontosperren gegen die Anführer der prorussischen Separatisten in der Donezk-Region vorbereitet werden.

Kommentare (1)

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Herr Hans Kammerer

02.09.2014, 11:01 Uhr

Falls sich jemand fragt, wo die ganzen Putin-Versteher auf allen Kanälen plötzlich herkommen:

http://www.sueddeutsche.de/politik/propaganda-aus-russland-putins-trolle-1.1997470

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/prorussische-kommentare-im-internet-wo-die-meinung-gemacht-wird-12998800.html

In Geheimdienstkreisen ist längst bekannt, dass gesteuert aus Russland viele Tausend Blogger auf der ganzen Welt ein Gehalt für das Verfassen Russlandfreundlicher Kommentare in den Kommentarfunktionen der verschiedensten Nachrichtenseiten erhalten und das Netzt regelmäßig damit überschwemmen. So soll das öffentliche Meinungsbild verzerrt werden indem man der übrigen Leserschaft das Gefühl gibt mit seiner Meinung alleine zu sein bzw. vorzugaukeln, die überwältigende Mehrheit hätte eine andere Meinung. Dabei wird fast ausschließlich russische Propaganda auf Deutsch wiedergegeben.

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