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07.10.2017

14:04 Uhr

Fisch und Zwangsarbeit

Wie Nordkorea trotz Sanktionen an Geld kommt

Nordkoreanische Zwangsarbeiter sind in vielen Ländern der Welt beschäftigt. Ein Brennpunkt ist China. Die dort produzierten Waren sind auch in Deutschland in den Handel gekommen – und stärken die Wirtschaft Nordkoreas.

Zehntausende Nordkoreaner haben sich erst im August auf dem Kim-Il-sung-Platz in Pjöngjang versammelt, um gegen die UN-Sanktionen zu demonstrieren. dpa

Nordkorea

Zehntausende Nordkoreaner haben sich erst im August auf dem Kim-Il-sung-Platz in Pjöngjang versammelt, um gegen die UN-Sanktionen zu demonstrieren.

HunchunWer Fisch und Meeresfrüchte kauft, finanziert damit unter Umständen unwissentlich Nordkorea und sein Atomwaffenprogramm. Zudem unterstützt er damit möglicherweise Zwangsarbeit, wie Recherchen der Nachrichtenagentur AP ergaben. Weil Nordkorea wegen internationaler Sanktionen eigentlich gar nichts mehr verkaufen darf, schickt das Land Tausende Arbeiter in die gesamte Welt unter anderem nach Hunchun, einer chinesischen Stadt im Dreiländereck mit Nordkorea und Russland. Dort fand AP unter anderem Verpackungen von Aldi.

Pjöngjang erwirtschaftet damit schätzungsweise zwischen 200 und 500 Millionen Dollar (170 und 425 Millionen Euro) pro Jahr. Das wäre ein erklecklicher Beitrag zum Atomwaffen- und Raketenprogramm des Landes, das nach südkoreanischen Schätzungen ein Volumen von mehr als einer Milliarde Dollar hat.

Dass nordkoreanische Arbeiter weltweit unter teils sklavenähnlichen Bedingungen eingesetzt werden, wurde verschiedentlich dokumentiert. Neu ist jedoch, dass die von ihnen hergestellten oder verarbeiteten Produkte trotz aller Sanktionen nach Deutschland, Kanada, in die USA und andere Länder der Europäischen Union gelangen.

Korea-Konflikt – die Positionen der Akteure

Generaldebatte in New York

Die alljährliche Generaldebatte der Vereinten Nationen bot Raum für einen ausgiebigen Schlagabtausch zum Atomkonflikt mit Nordkorea – die Bandbreite reichte von „total zerstören“ bis „noch Hoffnung auf Frieden“.

Südkorea

Nach den Worten von Präsident Moon Jae In strebt Südkorea ein friedliches Nebeneinander mit seinem Nachbar Nordkorea an. „Wir wünschen keinen Kollaps Nordkoreas.“ Südkorea strebe auch keine Wiedervereinigung mit dem kommunistisch regierten Staat durch „künstliche Mittel“ oder durch „Verschlucken“ an. Seoul und die Weltgemeinschaft unternähmen alles nur mögliche, um den Atomkonflikt mit Pjöngjang friedlich beizulegen. Zwischen beiden Ländern gilt seit Ende des Korea-Krieges (1950-1953) ein Waffenstillstand. Ein Friedensvertrag wurde bis zum heutigen Tag nicht geschlossen.

China

Auch China will Frieden auf der koreanischen Halbinsel, wie Außenminister Wang Yi sagte - und dafür gebe es „noch Hoffnung“. Er forderte Nordkorea allerdings auf, „nicht weiter in die eingeschlagene gefährliche Richtung zu gehen“. China setze sich weiter für eine entnuklearisierte koreanische Halbinsel ein und fordere alle Beteiligten auf, dazu konstruktiv beizutragen. Der einzige Weg zu diesem Ziel sei politischer Dialog.

USA

US-Präsident Donald Trump brandmarkte das isolierte Regime und drohte ihm mit völliger Zerstörung. „Wenn (die USA) gezwungen sind, sich selbst oder ihre Verbündeten zu verteidigen, dann haben wir keine Wahl, als Nordkorea total zu zerstören.“ Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un bezeichnete er als „Raketenmann auf einer Selbstmordmission“. Das Atomprogramm des Landes stelle eine Gefahr für die ganze Welt dar. „Keine Nation der Welt hat ein Interesse daran, dabei zuzusehen, wie diese Bande von Kriminellen sich mit Raketen und Nuklearwaffen ausrüstet“, erklärte Trump.

Japan

Wie die USA sieht auch Japan „alle Optionen auf dem Tisch“. Der Konflikt sei eine „ernste Bedrohung ohne Beispiel“, sagte Ministerpräsident Shinzo Abe. Nordkorea sei derzeit dabei, „mit einem süffisanten Lächeln“ alle Abrüstungsbemühungen der vergangenen Jahre vom Tisch zu wischen. „Es ist eine Krise mit einer komplett neuen Dimension.“ Nordkorea müsse dazu gebracht werden, sein Nuklear- und Raketenprogramm komplett und überprüfbar aufzugeben. „Was gebraucht wird, ist nicht Dialog, sondern Druck.“

Nordkorea

„Ich werde den geisteskranken, dementen US-Greis gewiss und auf jeden Fall mit Feuer bändigen“, zitierte die nordkoreanische Staatsagentur KCNA Machthaber Kim Jong Un. Außenminister Ri bezeichnete die Ansprache von Trump als „Hundegebell“ und sagte, Trumps Berater täten ihm leid. „Wenn er wirklich dachte, er könne uns mit dem Geräusch von Hundegebell Angst einjagen, ist das der Traum eines Hundes“, sagte Ri laut CNN. Die Wendung „Traum eines Hundes“ bedeutet auf Koreanisch etwas Absurdes, das wenig Sinn ergibt.

Ein Brennpunkt ist China. Dort sind Heerscharen von nordkoreanischen Arbeitern beschäftigt. Sie dürfen die umzäunten Wohngelände nicht ohne Erlaubnis verlassen, müssen paarweise oder in Gruppen von ihren Unterkünften zu den Fabriken gehen - unter Aufsicht nordkoreanischer Aufpasser. Von ihrem Lohn bekommen sie nur einen Bruchteil - bis zu 70 Prozent fließen an die Regierung von Machthaber Kim Jong Un. Neben der Verarbeitung von Fisch und Meeresfrüchten produzieren die Nordkoreaner in chinesischen Fabriken Holzparkett und nähen Kleidung.

Etwa 3000 Nordkoreaner arbeiten in Hunchun. In einer Fabrik, die ein AP-Reporter besuchte, arbeiteten die Menschen, während aus den Lautsprechern nordkoreanische Polit-Parolen dröhnten. Eine Frau, die der Reporter ansprach, bestätigte, dass sie und einige ihrer Kollegen aus Pjöngjang kämen. Dann näherte sich ein Aufpasser und befahl ihr, zu schweigen.

Der Manager des Unternehmens bestritt, dass man nordkoreanische Arbeiter angeworben habe und wollte sich nicht weiter äußern. Andere chinesische Unternehmen in Hunchun reagierten überhaupt nicht auf Anfragen.

Lieferdokumente belegen, dass mehr als 100 Container mit Fisch und Meeresfrüchten - darunter Eismeerkrabben, Lachsfilet und Tintenfischringe - aus chinesischen Fabriken mit nordkoreanischen Arbeitern in die USA und nach Kanada geliefert wurden. Meist wird der Fisch in neutralen Packungen geliefert. Aber einige Lieferungen aus China waren bereits in den Packungen großer Supermarktketten verpackt, darunter Walmart oder Sea Queen, die Seafood-Marke des Discounters Aldi.

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