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19.08.2012

15:50 Uhr

Fiskus in Not

Griechische Ladenbesitzer attackieren Steuerfahnder

In Griechenland müssen Gastronomen Mehrwertsteuer abführen. Einigen Tavernenbesitzern wollte das nicht einleuchten - kurzerhand attackierten sie Steuerfahnder nach einer Festnahme. Die Polizei musste Verstärkung rufen.

Polizeieinsatz 2010 in Athen (Symbolbild). dpa

Polizeieinsatz 2010 in Athen (Symbolbild).

AthenDie Steuerhinterziehung blüht in den Sommermonaten in den Touristenzenten Griechenlands. Und sie nimmt nach Berichten des griechischen Fernsehens immer „schamlosere“ Dimensionen an. Aus Wut auf Steuerfahnder haben aufgebrachte Einwohner der griechischen Insel Hydra in der Nacht zu Samstag eine Polizeistation belagert. Der Grund: Steuerfahnder hatten zuvor den Besitzer einer der bekanntesten Tavernen der vor Athen liegenden Insel festgenommen, weil er und seine Mutter keine Quittungen ausgaben. Die Steuerfahnder wurden auf dem Weg zur Polizeistation attackiert.

Die Regierung in Athen verurteile den Zwischenfall scharf. „Wir (die Regierung) sind entschlossen, dieses katastrophale und ungerechte Benehmen zu beenden“, erklärte der griechische Regierungssprecher, Simos Kedikoglou, am Sonntag im Fernsehen. Das Phänomen müsse „zerschlagen werden“, hieß es.

Die Demonstranten schleuderten Steine auf die Polizeistation und durchtrennten die Stromleitung der Polizeistation, berichtete das griechische Fernsehen weiter. Aufgebrachte Bürger verhinderten im Hafen von Hydra außerdem das Anlegen eines Bootes, mit dem der festgenommene Tavernenbesitzer nach Piräus zur Staatsanwaltschaft gebracht werden sollte.

Am Samstagnachmittag kamen Bereitschaftspolizisten aus der Hafenstadt Piräus auf die Insel, um die Steuerfahnder zu befreien, hieß es. Wie Augenzeugen der Nachrichtenagentur dpa sagten, warfen die Ladenbesitzer den Steuerfahndern vor, sie mit ihren Kontrollen „fertig machen zu wollen“. „Wir haben kaum noch Arbeit und die (die Steuerfahnder) nehmen uns noch fest“, sagte ein Barbesitzer.

Die griechische Presse kritisierte dieses Verhalten. In Zeiten der schweren Finanzkrise sei es eine „Frechheit“, dass einige Menschen sich zulasten der Gesellschaft bereicherten und eine Art Rebellion gegen den Staat starteten, hieß es im Fernsehen. Am Sonntag wurden die Kontrollen auf Hydra ohne weitere Zwischenfälle mit starker Polizeipräsenz fortgesetzt. Dabei wurden keine Unregelmäßigkeiten mehr festgestellt, berichtete das Staatsradio unter Berufung auf die Steuerfahndung. „Wir verurteilen die Gewalt“, sagte der Bürgermeister von Hydra, Angelos Kotronis, im Fernsehen. Das Gesetz müsse respektiert werden.

Bei Kontrollen der Steuerfahndungsbehörde wurden Anfang August mehr als 600 Restaurants, Bars und Tavernen sowie andere touristische Unternehmen kontrolliert. Dabei wurden 2010 steuerliche Unregelmäßigkeiten festgestellt. In den meisten Fällen gaben die Unternehmer keine Quittungen aus. Dabei kassierten sie zwar die Mehrwertsteuer, steckten sie aber in die eigene Tasche, sagte ein Mitarbeiter der Steuerfahndung der Nachrichtenagentur dpa.

Von

dpa

Kommentare (8)

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aphrodite

19.08.2012, 16:35 Uhr

Dem ist in der Tat nichts hinzuzufügen. Vielleicht doch, einwenig.
Dieses ganze "Feindbild-Verhalten" offenbart den spätinfantilen Kindergarten im maroden GREXIA, die Gehirnwäsche der letzten 40 Jahre oder länger, dass es einen Staatsfeind gibt, der hintergangen und nun offen bekämpft werden muss. Auf Knopfdruck sollte die ganze, geographische Hand zu Poseidon abtauchen und im knarrenden Schiff versenkt werden!

Rene

19.08.2012, 16:59 Uhr

1) Was soll man dazu noch sagen...

2) Das Gesetzt (Steuern zu zahlen) muß eingehalten werden. Ja, was denn sonst? Dass das berhaupt erwähnt werden muß, ist bezeichnend.

Ein_Sparsamer

19.08.2012, 17:00 Uhr

"Auf jeden Fall ist eine endlose Spirale und man wird diesem ewigen Spiel nicht dadurch Herr, daß man endlos Geld hineinpumpt. "
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Immer wieder wird in den Raum gestellt, "der Grieche" wäre gar nicht so, es wären nur die Eliten, die korrupt wären, man solle mit dem Griechenland Bashing aufhören.
Dieser Beitrag zeigt aber mehr als eindrücklich, daß das ganze Land vom Ärmsten bis zum Reichsten ein einziger Augiasstall ist: Hier ist allem Anschein nach wirklich JEDER korrupt, der eine in kleinem Maßstab, der andere in großem.
Das hat die Züge eines Entwicklungslandes, das auf der gleichen Stufe wie manches afrikanische Land steht, und weder in der EU noch in der Eurozone was zu suchen hat.
Diese Endlos-Spirale muß beendet werden, besser heute als morgen, noch besser gestern. Es darf nicht sein, daß dieses Land die ganze EU am Nasenring durch die Manege führt. Falsche Rücksichtnahmen sind angesichts der Mauscheleien, Betrügereien, systematischen Steuerhinterziehungen und Abzockereien nicht mehr angebracht.
Die Vetternwirtschaft in Griechenland ist so offensichtlich und so altbekannt, daß sie schon von Albert Uderzo und René Goscinny 1968 in "Astérix aux Jeux Olympiques" auf die Schippe genommen wurde. Was aber in diesem Comic noch liebevoll als Schrulle karikiert wurde (z.B. "erstklassiges Pferdegespann, alles Vettern..."), hat heute schlichtweg kriminelle Maßstäbe angenommen und ist keinesfalls zum Schmunzeln!

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