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18.09.2014

15:56 Uhr

Flucht aus dem Gazastreifen

Gaza? Nur weg hier!

VonPierre Heumann

Der Krieg im Gazastreifen ist vorbei. Doch viele Menschen würden am liebsten auswandern – wenn sie nur könnten. Denn niemand glaubt, dass der Waffenstillstand eine bessere Zukunft bringt. Im Gegenteil.

Zurück zum Alltag: Palästinensische Schuljungen trinken in der Pause Fruchtsaft in den Trümmern ihrer zerbombten Schule in Gaza-Stadt. Wer einen Zweitpass hat, will ihn auch benutzten. ap

Zurück zum Alltag: Palästinensische Schuljungen trinken in der Pause Fruchtsaft in den Trümmern ihrer zerbombten Schule in Gaza-Stadt. Wer einen Zweitpass hat, will ihn auch benutzten.

Gaza-StadtEine junge Mutter mit türkisgrünem Kopftuch steuert mitten in Gaza-Stadt auf uns zu. Sie stellt sich als Leila vor, Ingenieurin, und kommt gleich zur Sache: „Ihr seid doch aus Europa? Könnt ihr mir sagen, wie ich ein Visum für euer Land erhalte? Ich will Gaza verlassen.“

Sie wolle nicht, dass ihre Söhne „ihr Blut für die Hamas verkaufen müssen“. Diese fordere von den Bewohnern, ihr Leben als Märtyrer zu opfern – dafür sei ihr das Leben zu lieb. In Gaza hänge das Überleben zudem von Almosen und Betteln ab.

Pierre Heumann

Pierre Heumann ist Israel-Korrespondent des Handelsblatts.

Wir als Reporter seien die falsche Adresse für ihre Emigrationswünsche, enttäuschen wir Leila. Da mischt sich ein Mann ins Gespräch ein. Auch er wolle weg aus Gaza, sagt er. Seinen Namen mag er nicht nennen, aus Angst vor Repressionen der Hamas-Polizisten. Der radikal-islamischen Organisation misstraue er, weil sie ihre Mitglieder auf Kosten andere bevorzuge, sagt er uns.

Beim Krieg vor fünf Jahren habe Israel sein Haus zerstört, ebenso das seines Nachbarn. Dieser sei aktives Mitglied der Hamas und habe bereits Hilfe bekommen, um das Haus instand zu setzen. Er aber unterstütze die Hamas nicht und habe deshalb bis heute kein Geld erhalten. Die Hamas, wolle er uns anhand dieses Beispiels erklären, kümmere sich nur um die eigenen Leute, obwohl sie als Regierungspartei doch für alle hätte sorgen müssen.

Zahlen und Fakten zum Gaza-Streifen

Größe und Bevölkerungsdichte

1,8 Millionen Menschen auf 360 Quadratkilometern

Junge Bevölkerung

43,2 Prozent der Bewohner in Gaza sind jünger als 15 Jahre (in Deutschland 14 Prozent, Quelle: statistisches Bundesamt). Nur 2,6 Prozent sind älter als 65 (in Deutschland 21 Prozent).

Arbeitslosigkeit

Laut IWF liegt die Arbeitslosigkeit im Gaza-Streifen bei 40 Prozent. Zum Vergleich: In Israel sind es 6,2 Prozent.

Legaler Übergang?

Es gibt nur einen legalen Übergang für Waren: den Grenzposten Kerem Shalom im Süden des Gaza-Streifens nach Israel.

 

Nahrungsmittelhilfe

Laut BBC erhalten 80 Prozent der Bevölkerung irgendeine Form von Nahrungsmittelhilfe, zum Beispiel durch die Uno.

Leitungswasser

Nur 5,5 Prozent des Leitungswassers genügen den Trinkwasserstandards der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Elektrizität

Es gibt nur ein Kraftwerk im Gaza-Streifen, es produziert Strom für circa ein Drittel der Bevölkerung. Mangels Kraftstoff fällt es jedoch regelmäßig aus. Bereits vor Kriegsbeginn hatten die Bewohner Gazas so nur circa acht Stunden Strom pro Tag. Seit den Angriffen auf das Kraftwerk am 29. Juli sind es, wenn überhaupt, noch zwei Stunden Strom pro Tag.

Abwasser

Durch die mangelnde Stromversorgung kann das Abwasser nicht ausreichend behandelt werden. Laut BBC werden daher pro Tag etwa 90 Millionen unbehandeltes Wasser ins Mittelmeer gepumpt.

Viele Palästinenser machen sich keine Illusionen, dass ihnen der Waffenstillstand eine bessere Zukunft bescheren wird. Selbst diejenigen, die es einst als seine patriotische Pflicht erachtet hatten, Mitbürgern zu helfen und trotz der Schwierigkeiten in Gaza auszuharren, sprechen jetzt offen von Emigration. Wer einen Zweitpass hat, will davon Gebrauch machen.

Aufgrund einer neuen Meinungsumfrage steht es um die Popularität der Hamas derzeit zwar gut. Fast 80 Prozent der befragten Palästinenser sind der Überzeugung, dass die Hamas den Krieg gewonnen habe. 54 Prozent halten den bewaffneten Kampf für das beste Mittel, um einen palästinensischen Staat zu gründen.

Kommentare (2)

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Herr Wolfgang Trantow

19.09.2014, 09:42 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Bernd Krause

19.09.2014, 15:52 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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