Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.05.2015

10:56 Uhr

Flucht der Jesiden vor dem IS

„Wir Überlebenden sind tot wie die Ermordeten“

VonMartin Gehlen

Untergang eines Volkes als Taktik des IS: Um ihre Gebiete zu halten, verhindert die Terrormiliz, dass die 400.000 geflohenen Jesiden überhaupt zurückkehren wollen. Tausende Frauen machen sie deshalb zu Sex-Sklavinnen.

Wasira Hamu, die sich mit ihren drei kleinen Kindern vor der IS retten konnte, lebt im Jesidendorf Baadre in einem Rohbau. Sechs ihrer Brüder wurden von den Dschihadisten gekidnappt. Von Vater, Mutter und einer Schwester fehlt ebenfalls jede Spur Katharina Eglau

Flucht vor dem IS

Wasira Hamu, die sich mit ihren drei kleinen Kindern vor der IS retten konnte, lebt im Jesidendorf Baadre in einem Rohbau. Sechs ihrer Brüder wurden von den Dschihadisten gekidnappt. Von Vater, Mutter und einer Schwester fehlt ebenfalls jede Spur

DohukLange schweigt Baba Gawis. Seine Stirn ist tief gefurcht, der Mund unter dem dichten, schwarzen Bart fast unsichtbar. Auf dem Kopf trägt der hoch gewachsene Mann einen beigen Turban, der aus einem Wollband gewickelt ist und ihn als jesidischen Geistlichen ausweist. „Wir Überlebenden sind genauso tot wie die Ermordeten“, murmelt er plötzlich unvermittelt. „So ein Leben brauchen wir nicht. Dann ist es besser, gleich mit zu sterben.“

Dabei ist es eigentlich die Aufgabe eines religiösen Oberhauptes, seine Mitgläubigen in der Not aufzurichten und zu trösten. Doch Baba Gawis, Wächter des jesidischen Heiligtums in Lalisch, hat keine Kraft mehr. Er fühlt sich nach den Massakern des Islamischen Staates (IS) wie jemand, der bei lebendigem Leibe den historischen Untergang seines Volkes und seiner Jahrhunderte alten Religion mitansehen muss.

Machtkampf im Irak: Auf der Flucht vor dem Völkermord

Machtkampf im Irak

Auf der Flucht vor dem Völkermord

In den vergangenen zwei Wochen sind etwa 200.000 Jesiden aus dem Irak geflohen. Die Terrorgruppe IS droht ihnen mit dem Tod. Die Uno befürchtet einen Völkermord. Wer sind die Jesiden?

Besucher empfängt der fromme Mann in einem winzigen Zimmer mit Steinfototapete, abgewetztem Ecksofa und zugigem Fenster. „Wo gibt es im Leben noch Platz für uns?“, sinniert er, bevor er seine Nerven mit einer hastig gerauchten Slim-Zigarette beruhigt. 73 Mal in ihrer Geschichte seien die Jesiden verfolgt und massakriert worden, rechnet er vor.

Doch so ein Inferno wie Daesh, wie hier alle abfällig die Terrormiliz des „Islamischen Kalifats“ titulieren, habe sich niemand vorstellen können. 2000 bis 3000 Männer wurden auf der Stelle erschossen, mehr als 5000 Frauen und Kinder aus ihren Dörfern nach Mosul verschleppt und als Sex-Sklavinnen missbraucht – ein Kriegsverbrechen, das der Minderheit ihren Überlebenswillen und ihr moralisches Rückgrat brechen soll.

Seit jenem Schicksalstag, dem 3. August 2014, als die IS-Kämpfer zum ersten Mal mit ihren Jeeps in die jesidischen Dörfer der Sindschar-Ebene einfielen, ist Baba Gawis rund um die Uhr für seine verzweifelten Besucher da. Lalisch, was etwa 60 Kilometer von Dohuk entfernt liegt, ist ihr Heiligtum und Pilgerzentrum. Vor der Apokalypse kamen jedes Jahr Zehntausende die schmale Straße hinauf, die sich durch das für den kurdischen Nordirak typische Karstgebirge schlängelt.

Radikale Islamisten: Kampf im Namen Gottes

„Gotteskrieg“

In vielen muslimisch geprägten Staaten bestimmen radikalislamische Gruppierungen unterschiedlicher Ausprägung oft im Verbund mit dem jahrelang dominierenden Terrornetzwerk al-Qaida zunehmend das politische Geschehen. Instabile und korrupte Regierungen werden der Lage vielerorts nicht mehr Herr, während die selbst ernannten Gotteskrieger sich ausbreiten und Vermögen anhäufen.
Quelle: afp

Syrien

Der Staat wurde seit dem Beginn des Aufstands gegen Staatschef Bashar al-Assad im März 2011 mehr und mehr zum Tummelplatz radikaler Islamisten. Im daraus entstandenen Bürgerkrieg sind mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verbundene Kämpfer ebenso aktiv wie die libanesische Hizbollah-Miliz und die Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien (Isis). Wer an welcher Stelle gegen wen kämpft, ist vielfach kaum zu durchschauen.

Irak

In dem Land, das vielen Beobachtern nach langjährigem US-Engagement zuletzt als leidlich stabil galt, zeigte sich in den vergangenen Tagen, über welche enormen Mittel Isis verfügt. Innerhalb weniger Tage eroberten die Dschihadisten weite Gebiete im Norden des Landes und rückten auf die Hauptstadt Bagdad vor. Inzwischen wurden sie zwar gestoppt. Isis könnte aber angesichts eines geschätzten Milliardenvermögens noch lange durchhalten.

Libyen

Seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Frühjahr 2011 kommt in dem Land vor allem der Osten nicht zur Ruhe. Radikalislamische Gruppen wie die Ansar-al-Scharia-Miliz kämpfen dort gegen Regierungstruppen - und seit einiger Zeit auch gegen Einheiten des abtrünnigen Generals Chalifa Haftar, der die Islamisten auf eigene Faust bekämpft.

Ägypten

In dem Land haben sowohl die Hamas als auch die Hizbollah Verbündete. Zudem greifen auf der Sinai-Halbinsel und in Großstädten Dschihadisten immer wieder Sicherheitskräfte an. An den neuen Staats- und Ex-Armeechef Abdel Fattah al-Sisi, der die Muslimbruderschaft seines Vorgängers Mohammed Mursi verbieten ließ, richtet sich die Erwartung, dass nun vorerst wieder Ruhe einkehrt.

Nigeria

Im mehrheitlich muslimischen Norden des Landes kämpft die Gruppe Boko Haram für einen islamistischen Staat. Bei zahllosen Anschlägen auf Polizei, Armee und Behörden, aber auch auf Kirchen und Schulen wurden seit dem Jahr 2009 tausende Menschen getötet. Für internationale Empörung sorgte zuletzt vor allem die Entführung von fast 300 Schülerinnen durch Boko Haram im April.

Somalia

In dem Bürgerkriegsland führt die Shebab-Miliz seit Jahren einen blutigen Kampf gegen die Regierung. Eine funktionierende Staatsgewalt im gesamten Land gibt es nicht. Auch im benachbarten Kenia, dessen Armee sich am Kampf gegen die Shebab beteiligt, häufen sich Anschläge der Islamisten. Sie bekannten sich etwa zu einem Angriff auf ein Einkaufszentrum in der Hauptstadt Nairobi mit 67 Toten im September und erst am Montag zu dem Angriff auf den Küstenort Mpeketoni mit 49 Todesopfern.

Pakistan

Vor allem in der unwegsamen Bergregion im Nordwesten des Landes an der Grenze zu Afghanistan sorgt die Gruppe Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) für Angst und Schrecken. Zuletzt griffen TTP-Kämpfer den Flughafen in der südlichen Metropole Karachi an und töteten 38 Menschen. Die Armee startete daraufhin eine Großoffensive gegen Stellungen von Taliban- und Al-Kaida-Kämpfern.

Afghanistan

Seit der Entmachtung der dort herrschenden Taliban im Herbst 2001 sind in dem Land ausländische Soldaten unter Nato-Führung stationiert. Regelmäßig verüben die Islamisten dennoch blutige Anschläge mit vielen Toten. Der internationale Kampfeinsatz läuft zum Jahresende aus, danach soll es Unterstützungsmissionen geben. Viele Beobachter zweifeln allerdings an langfristiger Stabilität für das Land.

Allgemein

In der Region sorgen vor allem die Palästinenserorganisation Hamas und die Hizbollah für Unruhe, die allerdings nicht als klassische Terrororganisationen zu betrachten sind, sondern als politische Gruppen mit handfesten territorialen Interessen. Die Hamas wurde in als von internationalen Beobachtern recht freien Wahlen im Gaza-Streifen stärkste Kraft, wurde aber international nicht anerkannt. In der jüngsten Bildung einer Einheitsregierung sieht Israel einen neuen Schlag für die Friedensgespräche. Die vom Libanon aus agierende schiitische und mutmaßlich vom Iran finanzierte Hizbollah bedroht dort das multireligiöse politische System.

Jetzt ist die kleine Anlage mit ihren drei gerippten Spitztürmen praktisch menschenleer. Nur eine Handvoll junger Männer kümmert sich um die 366 Olivenölkerzen auf dem Gelände, die das ganze Jahre rund um die Uhr als ewige Lichter brennen. Mehr als die Hälfte der 800.000 irakischen Jesiden hat alles verloren.

Allein in der Region um die Stadt Dohuk, wo normalerweise 1,3 Millionen Menschen wohnen, sind 750.000 Flüchtlinge gestrandet, darunter auch 250.000 Syrer und zehntausende irakische Christen. Überall in den Ortschaften und entlang der Straßen sieht man Zeltlager oder provisorische Hütten, erkennbar an den blauen Plastikplanen gegen den Regen.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Ragin Allraun

12.05.2015, 08:57 Uhr

Ich kann es nicht mehr hören dieses Gejammer. Vor zwei Monaten bin ich durch die Innenstadt gegangen, einige tausend Jesiden weisen mit Transparenten und lautem Gegröle auf ihre armen Mitmenschen hin und wollen viel mehr bundesdeutsches Engagement in Form von Waffen und Waffenfinanzierung, als auch Bundeswehreinsatz.

Anstatt selber hier zu Lande, die Koffer zu packen und SELBST gegen den IS in den Krieg zu ziehen um das Vaterland zu verteidigen. Lieber nötigen sie andere, völlig Fremde IHREN ureigensten Job zu erledigen.

ERBÄRMLICH.

Herr Joly Joker

12.05.2015, 09:28 Uhr

Was hier geschieht, ist seit Jahrtausenden gängige Praxis des Homo Sapiens. Wir müssen nur die Augen öffnen und sehen. Die Römer haben die Sabinerinnen geraubt-und deren Männer erschlagen. Das zieht sich durch alle Kulturen und Zeiten - und auch die Verpflichtung auf Menschenrechte hat dieses Treiben nicht unterdrücken können. Wo der Rechtsstaat schwach ist, wo Kultur und Zivilisation zusammen mit der sozialen Kontrolle fehlen, wird der Mensch, vor allem der Mann zur Bestie. Aber unsere Gutmenschen meinen ja immer noch , dass diese Bestien wieder zu Lämmer werden. Ich habe da meine Zweifel. Sogar bei uns haben die friedensbewegten Grünen alles getan, um unsere Jungs in Exjugoslawien Krieg spielen zu lassen. Und heute pampern wir den türkischen Präsidenten, der mit IS sympathisiert und lassen ihn sogar bei uns einreisen damit er seine follower so richtig auf die islamistische Herrenrassenschiene bringen kann. Jesiden sind eine extrem rückständige Gemeinschaft, deren Wertvorstellung immer noch am unverletzten Hymen der Töchter und am Besitzdenken der Ehemänner bzgl. der Unberührbarkeit der Ehefrau hängt. Die Ehre des Mannes hängt von der Reinheit der weiblichen Familienmitglieder ab. Und die Jesidinnen haben diese Forderung voll verinnerlicht. Wenn sogar die jesidischen Priester die eigene Ausrottung des jesidischen Volkes für erstrebenswert halten, dann sollte man solch ein Volk sich selbst überlassen. Wer solche Schicksalsschläge nicht überleben will, dem steht es frei seinem Leben ein Ende zu bereiten. Wirsollten daraus erneut die Lehre ziehen, dass die IS killer nicht mehr in der EU sich nach ihrer Rückkehr frei bewegen dürfen. Lebenslänglicher Knast und keine Resozialisierung. Dafür aber eine Zyankalikapsel zur Beschleunigung ihrer Reise ins Paradis zu den 1400 Jahre alten Jungfrauen

Herr Henry Wuttke

12.05.2015, 11:15 Uhr

Herr Ragin Allraun, so sehe ich das auch.
In allen Ländern wo Mord, Todschlag und Unterdrückung herrscht muss das eigene Volk eine Armee aufstellen, die diese Verbrecher vernichtet. Natürlich sollte die art „Volksarmee“ waffentechnisch exzellent aufgerüstet sein. Fähige Offiziere fehlen auch noch. Die Führung in den betroffenen Ländern ist eine einzige Katastrophe. Diesbezüglich müssen die Offiziere in verschiedenen Ländern, auch in Deutschland, strategisch ausgebildet werden. Ziel ist es den Terror, besonders in der arabischen und afrikanischen Welt, zu vernichten.

Mit Gebeten und schönen Worten wird dort nie Frieden einkehren. Ein verbrecherischer Glaube ist mit Worten nicht auszutreiben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×