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31.08.2012

10:04 Uhr

Flucht in die Freiheit

Ein syrischer Deserteur berichtet

Er hat Assad den Rücken gekehrt, sein Leben riskiert und das seiner Familie. Nach seiner Odyssee lebt der syrische Ex-General Mohammed al-Hassan nun in Jordanien. Er berichtet von der Flucht, von Angst und Ungewissheit.

Der Konflikt in Syrien geht weiter – und treibt immer mehr Einheimische in die Flucht. dapd

Der Konflikt in Syrien geht weiter – und treibt immer mehr Einheimische in die Flucht.

MafrakMohammed al-Hassan verzieht sein Gesicht, während er seinen Körper auf die Matratze am Boden sinken lässt. Eben erst ist der ehemalige syrische Brigadegeneral in seinem fensterlosen Raum in einem Versteck in Jordanien aufgewacht. Es war das erste Mal seit über einem Monat, dass Hassan ausschlafen konnte. Von seiner Flucht aus Syrien habe er sich noch nicht erholt, gibt er zu. Fünf Tage dauerte der lebensgefährliche Weg in die Freiheit - Hassan, der Deserteur, kletterte über Zäune, schlief in Höhlen, versteckte sich vor den Truppen von Machthaber Baschar al-Assad.

„Bevor wir loszogen, wurde mir gesagt, dass die meisten Offiziere drei Wochen bis zur Grenze brauchen, wenn sie überhaupt so weit kommen“, erzählt der 60-Jährige wenige Tage nach seiner Flucht in der jordanischen Grenzstadt Mafrak der Nachrichtenagentur dpa. „Ich bin noch immer erstaunt, dass nur ein Mal auf mich geschossen wurde.“

Hassan ist einer von Dutzenden hochrangigen syrischen Generälen, die den wachsenden Hürden einer Flucht getrotzt haben und zu den Rebellen übergelaufen sind, dabei ihr eigenes und das Leben ihrer Familien in Gefahr gebracht haben. Seit sich im August Syriens Ex-Ministerpräsident Riad Hidschab zur Opposition nach Jordanien absetzte, greift Damaskus härter durch. Fliehen ist fast unmöglich.

„Unsere Büros sind unsere Gefängnisse geworden“, sagt Hassan. Hochrangige Offiziere werden 24 Stunden überwacht, ihre Konten werden eingefroren, sie dürfen nicht in ihre Heimatstädte zurück. Selbst für einen Einkauf im Supermarkt benötigen sie die schriftliche Erlaubnis eines Vorgesetzten. Das Regime schickt gar falsche Boten, die potenzielle Überläufer mit Hilfsangeboten locken sollen. „Plötzlich fing jeder an, übers Desertieren zu sprechen und bot mir seine Hilfe bei der Flucht an. Alles hörte sich einfach zu gut an, um wahr zu sein“, sagt Hassan. „Letztlich stellte sich heraus, das war es auch.“

Regionale Player im Syrien-Konflikt

Israel

Ein Einsatz syrischer Massenvernichtungswaffen ist ein Alptraum für Israel, das dem Konflikt bisher eher als Beobachter beiwohnte. Jetzt warnt Jerusalem laut davor, dass Assads Chemie- und Flugabwehrwaffen in die Hände der Hisbollah oder Al-Kaidas fallen könnten. Positiv wäre für Israel, dass sein Erzfeind Iran mit Assad seinen wichtigsten Stützpfeiler in der Region verlieren würde. Mit Assad könnte Israel allerdings auch einen Nachbarn verlieren, der für weitgehende Ruhe an der gemeinsamen Grenze gesorgt hat.

Saudi Arabien und Katar

Die sunnitischen Herrscher vom Golf unterstützen in Syrien - wie schon zuvor in Libyen - die islamisch-konservativen Kräfte. Und versuchen, einen Verbündeten ihres Erzfeindes Iran zu schwächen. Daheim können sie sich so als Unterstützer der Revolution präsentieren, ohne Protesten Vorschub zu leisten. Damaskus will in Saudi-Arabien und Katar die Urheber des „Komplotts“ gegen sich identifiziert haben.

Türkei

Das Nato-Mitglied ist seit langem einer der schärfsten Kritiker des syrischen Regimes. Weiter verschärft wurde das Verhältnis Ende Juni durch den Abschuss eines türkischen Kampfflugzeuges vor der syrischen Küste. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sagte dem syrischen Volk daraufhin Unterstützung bis zur Befreiung von „Diktator“ Assad zu, bei weiteren Zwischenfällen werde sein Land mit Gewalt zurückschlagen. Ein Teil des Nachschubs der syrischen Rebellen wird durch die Türkei geschleust, die allerdings offiziell keine Waffen liefert.

Libanon

Das westliche Nachbarland Syriens ist zerrissen - eine gefährliche Lage. Die Sunniten im Libanon stehen mehrheitlich auf der Seite der syrischen Opposition, die zum Großteil ebenfalls aus Sunniten besteht. Über die Grenze werden auch Waffen geliefert. Die schiitische Hisbollah-Miliz hingegen, die in Beirut in der Regierung sitzt, ist mit dem Assad-Regime verbündet. Die Waffen, mit denen sie ihre Herrschaft sichert, kommen aus Damaskus. Seit einigen Wochen gibt es im Libanon Auseinandersetzungen zwischen pro- und anti-syrischen Gruppierungen, dabei gab es auch Tote.

Iran

Aus iranischer Sicht darf das syrische Regime keinesfalls fallen. Im Frühjahr erklärte Präsident Mahmud Ahmadinedschad, er kenne keine Grenzen bei seiner Unterstützung für Präsident Assad. Angeblich schickte Teheran Militärberater und Kämpfer. Ohne Assads Regime würde es für den Iran schwerer, die eigene anti-israelische Ideologie zu verbreiten. Auch die pro-iranischen Milizen, besonders die Hisbollah in Libanon, würden geschwächt. Zuletzt bestätigte der Iran Gespräche mit Regimegegnern in Syrien und brachte sich als Vermittler ins Gespräch.

Al-Kaida

Das Terrornetzwerk Al-Kaida versucht einmal mehr, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Die Terroristen wollen sich als Speerspitze der Revolution präsentieren und das anschließende Tohuwabohu für ihre Zwecke nutzen.

Doch nicht alle widerstehen der Verlockung. Zwei Kameraden nahmen nach Hassans Worten das Angebot eines vermeintlichen Offiziers der Freien Syrischen Armee an. Am nächsten Morgen hingen ihre verstümmelten Körper demnach vor den Kasernen - eine Warnung an diejenigen, die erwägen, dem Assad-Regime den Rücken zu kehren.

Hassan hatte Glück. Beim ersten, schicksalsträchtigen Schritt - der Kontaktaufnahme mit der Opposition - konnte er sich auf einen Verwandten verlassen, der sich bereits auf die Seite der Rebellen geschlagen hatte. Unter dem Vorwand, einen Verwandten im Krankenhaus zu besuchen, bekam Hassan schließlich die Erlaubnis, seine Kaserne zu verlassen. Er kehrte nicht mehr zurück. Seine Frau und die beiden Töchter schlichen sich eines Nachts zusammen mit Hunderten Zivilisten über die Grenze, gerieten unter Beschuss, überlebten aber.

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