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16.01.2016

10:25 Uhr

Flüchtlinge auf der Balkanroute

Wenn umkehren keine Option ist

Der Flüchtlingsstrom auf der Balkanroute reißt nicht ab – trotz Kälte und strengerer Grenzkontrollen. Seit Jahresbeginn kamen in Italien und Griechenland fast viermal so viele Menschen an wie zuvor im gesamten Januar.

Ein Vater trägt seinen Sohn an der mazedonischen Grenze zu Serbien. ap

Weiter, immer weiter

Ein Vater trägt seinen Sohn an der mazedonischen Grenze zu Serbien.

SidSamim Nawabi will nicht umkehren - trotz Gefahren, Kälte und der großen Ungewissheit über den Empfang. Denn der Traum von einem Leben in Deutschland gibt ihm etwas, das sein Heimatland nicht mehr bieten konnte: Hoffnung. Vor etwa einem Monat verließ der 24-jährige Computerexperte mit seiner Familie Afghanistan und schloss sich der größten Flüchtlingsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg nach Europa an - mit mehr als einer Million Menschen im vergangenen Jahr.

„Wir haben die Hoffnung verloren, wissen Sie“, sagt Nawabi. „Es fällt sehr schwer zu leben, wenn man keine Zukunft sieht.“ Nach der Reise durch den Iran, die Türkei, Griechenland und Mazedonien erreichte er zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern in dieser Woche Serbien. Die Familie verbrachte einen Tag nahe der Grenzstadt Sid, bis sie einen Zug ins EU-Mitgliedsland Kroatien besteigen konnte. Von dort wollen sie weiter nach Deutschland.

Was treibt Flüchtlinge nach Europa?

Syrien

Die Syrer stellen die größte Gruppe; 2014 kamen nach Angaben der Grenzschutzagentur Frontex 66 700. Millionen Syrer sind auf der Flucht vor einem extrem brutal ausgetragenen Religions- und Bürgerkrieg; viele sind Flüchtlinge im eigenen Land oder gingen in die Türkei und den Libanon.

Eritrea

Das Land am Horn von Afrika gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Präsident Isaias Afwerki regiert seit 1993 mit eiserner Faust. Oppositionelle werden ermordet oder inhaftiert. Viele junge Menschen fliehen vor dem Militärdienst. Laut Frontex nahmen 2014 rund 34 300 Menschen aus Eritrea das Risiko einer Überfahrt auf sich.

Afghanistan

Nach vielen Jahren Bürgerkriegs liegen Infrastruktur und Wirtschaft des Vielvölkerstaats am Boden. Industrie gibt es kaum. Dafür floriert der Drogenhandel und die Taliban sind unbesiegt. Viele Afghanen sehen daher keine Zukunft in ihrer Heimat.

Mali

Die 16 Millionen Einwohner des armen Wüstenstaates kämpfen um das tägliche Überleben. Nach einem Militärputsch hatten Islamisten 2012 den Norden erobert und waren erst von einer internationalen Truppe zurückgeworfen worden. Die Sicherheitslage bleibt prekär und die Korruption hemmt die Entwicklung.

Nigeria

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat in Teilen des Nordostens einen Gottesstaat ausgerufen. Ihre Angriffe kosteten Tausende das Leben. 1,5 Millionen Menschen flohen vor der Miliz in andere Landesteile oder ins Ausland. Mehr als die Hälfte der Einwohner des potenziell reichen Landes lebt in extremer Armut.

Noch immer machen sich täglich Tausende auf den Weg, obwohl der Winter und verschärfte Kontrollen an den Grenzen die Zahl in den vergangenen Wochen sinken ließ. Zudem machen Gerüchte die Runde, Europa könnte nach den Pariser Terroranschlägen und den Kölner Übergriffen auf Frauen seine Tore für Flüchtlinge schließen. Nach Zahlen der Internationalen Organisation für Migration kamen seit Jahresbeginn in Italien und Griechenland bereits mehr als 23.000 Menschen an. Zum Vergleich: In den beiden Jahren zuvor waren es im gesamten Januar jeweils etwa 6000 Zuwanderer.

In einem Flüchtlingslager in Sid freuten sich Dutzende Menschen in dieser Woche nach wochenlanger Kälte und Schnee an milderen Temperaturen. In der Sonne spielten Kinder auf der schlammigen Straße mit Seifenblasen. „Jetzt sind wir glücklich, jetzt habe ich Hoffnung, etwas Neues anzufangen in meinem Leben“, sagt Nawabi.

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