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25.11.2016

11:35 Uhr

Flüchtlinge

Der Winter wird lebensgefährlich

Tausende Flüchtlinge sind auf dem Balkan gestrandet. Sie können nicht in die EU einreisen, wollen aber auf keinen Fall umkehren. Häufig leben sie als Obdachlose unter unmenschlichen Bedingungen. Und nun kommt der Winter.

„Wir haben kein warmes Wasser, um zu baden. Wir leiden hier zu große Not.“ AFP; Files; Francois Guillot

An der Grenze

„Wir haben kein warmes Wasser, um zu baden. Wir leiden hier zu große Not.“

BelgradMohammed Jassin findet kaum Worte, um den Schrecken in seiner Unterkunft zu beschreiben. Der frühere Nachrichtenjournalist aus Afghanistan hat in einem verlassenen Lagerhaus im Zentrum von Belgrad Schutz gesucht. Dort wartet der 28-Jährige nun wie Hunderte andere auf eine Gelegenheit, über die Grenze in die benachbarten EU-Staaten Ungarn und Kroatien zu gelangen.

Rund 1.000 Flüchtlinge sind in dem mit Müll übersäten Gebäude untergekommen. Die verfallene Halle bietet jedoch kaum Schutz vor Regen und Kälte: In den großen Fenstern fehlt das Glas, das Dach leckt und sanitäre Anlagen gibt es nicht. „Wir haben keinen richtigen Platz zum Schlafen oder zum Essen“, sagt Jassin. „Wir haben kein warmes Wasser, um zu baden. Wir leiden hier zu große Not.“

Wieso fliehen junge Afghanen nach Europa – und wie radikal sind sie?

Der Attentäter besaß eine IS-Flagge. Ist der IS verbreitet in Afghanistan?

Den IS gibt es in Afghanistan erst seit Anfang 2015, und sein Wachstum ist auch wegen blutiger Rivalitäten mit den Taliben stark gebremst. Seine Kämpfer – angeblich derzeit rund 2500 – sind in nur ein bis zwei der 34 afghanischen Provinzen aktiv. US-Drohnen fliegen derzeit mehrmals wöchentlich Luftangriffe auf ihre Stellungen.

Wieso fliehen junge Afghanen aus ihrem Land?

Afghanistan ist immer noch eins der ärmsten Länder der Welt. Die Arbeitslosenrate wird auf etwa 40 Prozent geschätzt. Gleichzeitig verschlechtert sich die Sicherheitslage. Seit dem Ende der Nato-Kampfmission im Dezember 2014 fühlen sich die Taliban in vielen Provinzen ermutigt. 31 von 34 Provinzen waren nach Uno-Angaben in 2015 von Gewalt betroffen. Vor allem junge Menschen und solche mit Schulbildung sehen keine Zukunft in Afghanistan.

Sind unter den Flüchtlingen viele Extremisten?

Das ist schwer festzustellen. Viele der jungen Flüchtlinge gehören zur dünnen Mittelschicht. Sie haben Schul- und manchmal auch Universitätsbildung. Das Interesse der großen Mehrheit scheint nicht der Dschihad, sondern ein besseres Leben zu sein. Allerdings nimmt dem Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network zufolge die Radikalisierung auch an Afghanistans Universitäten zu.

Fliehen weniger Afghanen, seit die Balkanroute geschlossen ist?

Es sieht so aus – aber gestoppt ist die Fluchtbewegung damit nicht. Einer der vielen Menschenschmuggler in Kabul sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass er im vergangenen Jahr täglich bis zu 25 bis 30 „Kunden“ außer Landes geschafft habe. Nun seien es zehn bis zwölf.

Wie sind die Reaktionen in Afghanistan?

Afghanische Medien berichten am Dienstag über die Tat. In der Hauptstadt Kabul sind die Menschen schockiert. Von hier sind Tausende Flüchtlinge nach Europa aufgebrochen, viele Menschen haben nun Verwandte und Freunde in Deutschland. Sie hoffen, dass dass nicht alle Afghanen wegen der Tat eines Einzelnen verurteilt werden. Das müsse „ein Psycho“ gewesen sein, sagt ein Wirtschaftsstudent, Said Taufik Jakin, 26. Aber man müsse auch bedenken, was ihn möglicherweise zu seiner Tat getrieben habe: „Ich höre von meinen Freunden in Deutschland, dass afghanische Flüchtlinge dort eine Menge Probleme haben.“

Hilfsorganisationen warnen, auf dem Balkan und in Griechenland lebten Tausende Menschen wie Jassin, in ungeheizten Zelten oder überfüllten Lagern. Nun komme der Winter und die Lage werde sich noch weiter verschlimmern. „Kinder, ältere Menschen und geschwächte Menschen werden vielleicht in diesem Winter auf europäischem Boden sterben, wenn nicht gehandelt wird“, erklärt die Hilfsorganisation International Rescue Comittee (IRC) in dieser Woche.

Viele der obdachlosen Flüchtlinge machten sich auf den Weg in der Hoffnung, in Mitgliedsländer der Europäischen Union zu reisen. Nun sitzen sie entlang der früheren Balkanroute fest, die von der Türkei durch Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien führt. Die Länder entlang der Route schlossen ihre Grenzen im vergangenen März. Dennoch reisen immer noch Flüchtlinge illegal ein, meist mit Hilfe von Schleppern. Sie brauchen Wochen oder Monate, bis sie ihr Ziel in der EU erreicht haben.

In Serbien berichtet der Leiter des Zentrums für Asylhilfe, Rados Djurovic, bis zu 2.000 Flüchtlinge lebten in Parks und verlassenen Häusern. Mehrere Tausend weitere, zumeist Familien, seien in Flüchtlingslagern untergebracht. Die schwierigen Lebensbedingungen und die fehlende Hoffnung setzten den Menschen zu. Das führe auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.

„Schlechtes Wetter und schlechte Umstände haben sie psychologisch und körperlich geschwächt, sie sind gestresst und labil“, sagt Djurovic. „Die Menschen fühlen sich allein gelassen und zurückgesetzt, darum wachsen die Spannungen.“

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