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23.04.2015

15:51 Uhr

Flüchtlinge im Mittelmeer

„Die Angst geht mit an Bord“

Hunderte machen sich jede Nacht von den Stränden Libyens auf den Seeweg nach Europa. Die Überfahrt auf heillos überfüllten Schiffen ist gefährlich. Doch wer ankommt, will es nicht bereuen, das Risiko eingegangen zu sein.

20 Seemeilen nördlich der libyschen Küste: Ein überfülltes Flüchtlingsboot. Mindestens 3419 Flüchtlinge starben Angaben der Vereinten Nationen zufolge 2014 bei dem Versuch, das Mittelmeer in Richtung Europa zu überqueren. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Das Mittelmeer wird damit zum Massengrab. ap

Gefahr im Verzug

20 Seemeilen nördlich der libyschen Küste: Ein überfülltes Flüchtlingsboot. Mindestens 3419 Flüchtlinge starben Angaben der Vereinten Nationen zufolge 2014 bei dem Versuch, das Mittelmeer in Richtung Europa zu überqueren. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Das Mittelmeer wird damit zum Massengrab.

TripolisFast schon gehören sie zum Stadtbild von Tripolis: Fremde, vor allem Afrikaner, aber auch viele Syrer, die auf offenen Plätzen, in Parks und an der Uferpromenade herumstehen. Sie sind auf der Suche nach Gelegenheitsjobs - als Bauarbeiter, Gärtner, Putzmänner. Sie heuern für alles an, womit ein wenig Geld zu verdienen ist.

Haitham, ein 28-jähriger Syrer, hatte es besser. Er hatte einen Job als Reporter bei einem Fernsehsender in Tripolis. Doch in Libyen gewann das Chaos Oberhand. Die gewählte Regierung floh in den Osten des Landes. Haithams Sender stellte den Betrieb ein. In seine Heimatstadt Aleppo konnte er nicht mehr zurück: sie ist einer der blutigsten Schauplätze im syrischen Bürgerkrieg. Haitham wollte nur weg, weg nach Europa.

„Für die Überfahrt über das Mittelmeer musste ich einen sogenannten Broker finden, der mir einen Platz an Bord eines Flüchtlingsschiffes vermitteln würde“, erzählt Haitham, der heute als Asylant in Deutschland lebt. „Wir vereinbarten den Preis. Ich bezahlte 600 Euro, 500 Euro für das Schiff, 100 Euro „Provision“ für den Broker.“ Weitere 100 Euro kamen noch für die zeitweise Unterbringung im Einschiffungsgebiet hinzu.

Tod im Mittelmeer: Flüchtlingstragödien

EU im Kreuzfeuer der Kritik

Nach den jüngsten Flüchtlingstragödien im Mittelmeer mit hunderten Toten steht die EU im Kreuzfeuer der Kritik. Hilfsorganisationen werfen ihr Untätigkeit angesichts der dramatischen Lage vor. Die EU-Außenminister setzten bei ihrem Treffen in Luxemburg nun ein Krisengespräch an.

Wie viele Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr nach Europa? (1)

Wegen gewaltsamer Konflikte wie in Syrien, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen machen sich immer mehr Menschen auf den Weg nach Europa, wo sie sich Schutz und Hilfe erhoffen. Nach Angaben der EU-Grenzbehörde Frontex gab es 2014 rund 278.000 illegale Grenzübertritte – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.

Wie viele Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr nach Europa? (2)

170.000 Menschen kamen dabei von Libyen aus über das Mittelmeer. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR starben im vergangenen Jahr 3500 Menschen bei dem Versuch, über den Seeweg nach Europa zu gelangen.

Wie viele Flüchtlinge werden dieses Jahr erwartet?

Frontex-Chef Fabrice Leggeri rechnet mit einer neuen Rekordzahl von Flüchtlingen, vor allem aus Libyen. „Unsere Quellen berichten uns, dass zwischen 500.000 und einer Million Migranten bereit sind, Libyen zu verlassen“, sagte Leggeri Anfang März.

Woran entzündet sich die Kritik an der EU?

Amnesty International beschuldigt die EU, das Leben tausender Flüchtlinge zu gefährden, weil sie Ende 2014 die italienische Seenotrettungsoperation „Mare Nostrum“ auslaufen ließ, die sich bis vor die Küste Libyens erstreckte. Auch Organisationen wie Pro Asyl kritisieren, dass der EU-Nachfolgeeinsatz „Triton“ unter Leitung von Frontex primär der Grenzsicherung dient und nur die Gewässer 30 Seemeilen (55,6 Kilometer) vor der italienischen Küste überwacht.

Was tut die EU bisher?

Angesichts weiter steigender Flüchtlingszahlen hat die EU im Februar die „Triton“-Mission bis Jahresende verlängert. Im März zog die EU-Kommission den Termin für ihre neue Flüchtlingsstrategie von Juni auf Mitte Mai vor. Sie setzt neben verstärkter Grenzsicherung und besseren Möglichkeiten für legale Einwanderung auch auf die Zusammenarbeit mit Transit- und Herkunftsländern bei der Bekämpfung der Fluchtursachen und beim Vorgehen gegen Schlepper.

Könnten Aufnahmezentren in Afrika eine Lösung bieten?

In der EU wird seit Monaten kontrovers über die Frage diskutiert, ob Aufnahmezentren für Flüchtlinge direkt in Afrika eingerichtet werden sollen. Dort könnten Flüchtlinge einen Asylantrag stellen, ohne sich auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zu machen. Bei einer Ablehnung könnten sie Anreize – etwa Geldzahlungen – bekommen, um in ihre Heimat zurückzukehren. Kritiker halten die Pläne jedoch nicht für praktikabel und verweisen auch auf fehlende Garantien für rechtsstaatliche Verfahren in den in Frage kommenden Ländern.

Warum kommen die meisten Flüchtlinge über Libyen? (1)

Von der libyschen Küste bis zur vorgelagerten italienischen Insel Lampedusa sind es nur rund 300 Kilometer. Zudem fehlt es in Libyen an einer Regierung, die willens oder in der Lage wäre, den Schleppern das Handwerk zu legen.

Warum kommen die meisten Flüchtlinge über Libyen? (2)

Im Sommer vergangenen Jahres eroberten islamistische Milizen die Hauptstadt Tripolis. Die international anerkannte Regierung floh nach Tobruk im Osten des Landes. Die chaotische Lage hat sich nochmals verschärft, seitdem sich auch die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Libyen ausbreitet.

Was planen die EU-Außenminister im Falle Libyens?

Die EU will die Stabilisierung des Landes unterstützen, auch wegen des Flüchtlingsproblems. Diskutiert wird auch ein ziviler oder auch begrenzter militärischer Einsatz. Mögliche Einsatzgebiete sind die Überwachung einer vereinbarten Waffenruhe, eine Marinemission vor der Küste Libyens oder Hilfe bei der Grenzkontrolle. Voraussetzung ist aber, dass sich die Konfliktparteien auf eine Regierung der nationalen Einheit einigen. Entsprechende Gespräche unter UN-Vermittlung führen aber seit Wochen nicht zum Erfolg.

Eines Tages im vergangenen Juli ging es mit dem Bus und anderen Migranten in die Küstenstadt Suwara 90 Kilometer westlich von Tripolis. Dort dauerte es aber fast noch eine Woche, bis Haitham seine Fahrt fortsetzen konnte. Er und die anderen Flüchtlinge wurden zum Strand geführt, wo Schlauchboote auf sie warteten und zu einem Fischereischiff auf dem Meer brachten.

Rund 300 Menschen waren auf dem Kahn zusammengepfercht, erinnert sich Haitham, vielleicht drei Mal so viel, wie draufgepasst hätten. „Die Angst geht mit an Bord“, sagt er. „Und sie bleibt, bis der Trip zu Ende ist.“ Katastrophen wie die vom vergangenen Wochenende ereigneten sich auch vorher schon immer wieder. Wer so ein Schiff besteigt, hat die Horror-Bilder vor dem geistigen Auge: das Kentern auf hoher See, das Sterben in den Fluten.

Die Überfahrt dauerte etwa zwölf Stunden. In der Nähe der italienischen Küste zog der Kapitän mit allen Scheinwerfern und Lampen des Kahns die Aufmerksamkeit der Küstenwache auf sich. Ist ein Boot einmal so weit gekommen, werden die Flüchtlinge von Bord geholt und an Land gebracht. Der Horror-Trip ist dann vorbei.

Im Rückblick meint Haitham, dass sich das enorme Risiko für ihn gelohnt hat: „Es ist grausam, es ist total verrückt, aber es ist der einzige Weg zu überleben.“ In seinem Fall mag es stimmen: die gefährliche Passage übers Mittelmeer hat er überlebt.

Von

dpa

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