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20.05.2016

21:50 Uhr

Flüchtlinge in Europa

Minderjährig, flüchtig, kriminell

Sie verkaufen Drogen in Rom, stehlen in Stockholms Supermärkten oder versuchen in Calais den Sprung nach Großbritannien: In Europa leben Tausende minderjährige Flüchtlinge auf der Straße – weil sie müssen.

Der 17-jährige Suleiman (rechts) aus Marokko war mehrere Male aus Aufnahmelagern verschwunden. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, nun fristet er sein Dasein auf den Straßen von Stockholm. Dort gehört der Jugendliche aus Casablanca zu Dutzenden marokkanischen Jungen, die in Supermärkten der schwedischen Hauptstadt Essen stehlen. Wie der 17-jährige Marawan aus Casablanca und der 17-jährige Yusuf  (Mitte). AP

Marawan, Yusuf, Suleiman

Der 17-jährige Suleiman (rechts) aus Marokko war mehrere Male aus Aufnahmelagern verschwunden. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, nun fristet er sein Dasein auf den Straßen von Stockholm. Dort gehört der Jugendliche aus Casablanca zu Dutzenden marokkanischen Jungen, die in Supermärkten der schwedischen Hauptstadt Essen stehlen. Wie der 17-jährige Marawan aus Casablanca und der 17-jährige Yusuf (Mitte).

RomWie die Erwachsenen kommen auch die minderjährigen Flüchtlinge in der Hoffnung auf Sicherheit und ein besseres Leben nach Europa. Doch viele verschwinden anschließend aus Erstaufnahmelagern oder anderen Einrichtungen – und schlagen sich auf Europas Straßen alleine durch. Europol schätzt ihre Zahl auf mindestens 10.000. Nicht wenige rutschen in die Kriminalität ab, werden bei illegalen Jobs ausgebeutet oder verkaufen ihren Körper gegen Kleidung und Bargeld, wie die Nachrichtenagentur AP in Gesprächen von Jugendlichen erfuhr.

Das Phänomen der Minderjährigen ohne Familie gibt es in ganz Europa. In den Menschenmengen der Großstädte gehen sie oft unter und führen ein Schattendasein auf den Straßen – doch ihre Anzahl wächst nach Beobachtung von Experten beständig. Diese unbegleiteten Minderjährigen fallen durch die Maschen eines europäischen Systems, das nach dem großen Flüchtlings- und Migrantenstrom von 2015 ohnehin am Rande des Kollapses steht. Und sie stellen eine der größten Herausforderungen der gegenwärtigen Flüchtlingskrise dar.

An deutschen Grenzen: Über 300 minderjährige Flüchtlinge 2016 abgewiesen

An deutschen Grenzen

Über 300 minderjährige Flüchtlinge 2016 abgewiesen

An Deutschlands Grenzen sind einem Zeitungsbericht zufolge seit Jahresbeginn mehr als 300 minderjährige Flüchtlinge zurückgewiesen worden. Grund der Einreiseverweigerung seien fehlende Einreisevoraussetzungen gewesen.

Das Problem ist zwar nicht neu, doch die schiere Anzahl von Migranten und Flüchtlingen, die 2015 in die EU kamen, hat es nun akut werden lassen. Fast 90.000 der Asylsuchenden waren nach Daten des EU-Statistikamtes Eurostat minderjährig – neunmal mehr als noch 2012.

Rund die Hälfte sei aus Asylbewerberheimen oder anderen Unterkünften innerhalb von zwei Tagen nach ihrer Ankunft verschwunden, so Missing Children Europe, ein Verband aus nichtstaatlichen Organisationen in 24 Ländern. Die Gründe dafür: Einigen dauert es zu lange, bis sie legalen Status haben, andere haben Angst, zurück in ihre Heimatländer oder gemäß dem Dublin-Verfahren in das erste EU-Land ihrer Ankunft geschickt zu werden. Dritte wiederum kommen bei Familienangehörigen unter oder wollen ihr Glück einfach auf eigene Faust versuchen.

Der 13-jährige Imran floh aus Afghanistan, nachdem sein Vater vor Jahren schon von den Taliban ermordet worden war und auch er immer öfter Drohungen erhielt, wie der Jugendliche der AP erzählt. Seine Mutter habe das Haus verkauft, um Schlepper zu bezahlen, die ihn zu seinem Onkel nach Großbritannien bringen sollten.

Asylsuchende in Deutschland

Asylanträge

Die beim Bamf eingegangenen Asylgesuche bilden die einzige gesicherte Zahl. Im Gesamtjahr 2015 waren das 476.649 und damit rund 273.800 oder 135 Prozent mehr als 2014. Die bisherige Rekordzahl liegt 23 Jahre zurück: Unter anderem als Folge der Balkan-Kriege gab es 1992 438.200 Asylanträge.
Hauptherkunftsländer der Antragsteller waren 2015 Syrien (162.510), Albanien (54.762), Kosovo (37.095), Afghanistan (31.902) und Irak (31.379). Nimmt man noch Serbien (26.945) und Mazedonien (14.131) hinzu, kamen rund 133.000 Asylanträge aus vier der sechs Westbalkan-Länder, die 2014 und 2015 zu sicheren Herkunftsländern erklärt wurden.

Easy-Zahlen

Eingereist sind 2015 weitaus mehr Flüchtlinge und Asylbewerber. Das zeigt die Datenbasis zur Erstverteilung von Asylsuchenden (Easy), in der Schutzsuchende registriert werden, um nach einem festgelegten Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer verteilt zu werden. Dort wurden laut Innenministerium 2015 rund 1,092 Millionen Zugänge registriert. Darunter waren rund 428.500 Syrer (rund 40 Prozent). Während die Neuzugänge bis November jeden Monat deutlich stiegen, gingen sie im Dezember zurück auf 127.300 nach 206.100 im Vormonat.
Die Easy-Zahl übersteigt die Asylanträge, weil viele Asylsuchende schon vor dem Asylantrag von den Ländern an die Kommunen weitergeleitet werden, da die Kapazitäten der Erstaufnahmeeinrichtungen erschöpft sind. Der formale Asylantrag kann sich daher um Wochen verzögern. Eine unbekannte Zahl der bei Easy Registrierten nutzt Deutschland auch nur als Durchgangsstation etwa auf der Reise nach Skandinavien.

Entschiedene Asylanträge

Das Bundesamt für Migration entscheidet zwar über mehr Anträge als im vorigen Jahr. Doch mit dem raschen Zustrom der Flüchtlinge hält es nicht Schritt. Laut Bilanz für 2015 wurden 282.726 Entscheidungen getroffen, mehr als doppelt so viele wie 2014. Davon erhielten 48,5 Prozent den Flüchtlingsstatus laut Genfer Konvention zuerkannt und dürfen damit in Deutschland bleiben. Davon wiederum wurden 2029 (0,7 Prozent aller Entscheidungen) als Asylberechtigte nach Artikel 16a des Grundgesetzes anerkannt. Von den entschiedenen syrischen Anträgen wurden 95,8 Prozent als Flüchtlinge anerkannt. Für Albaner, Kosovaren und Serben lag die Quote bei null Prozent.

Nicht entschiedene Anträge

Die Zahl der noch nicht entschiedenen Anträge stieg bis Ende 2015 auf 364.664. Hinzu kommt eine nicht bezifferbare Zahl von Flüchtlingen, die bereits registriert sind, deren Asylantrag aber noch nicht erfasst wurde. Der Antragsrückstau ist eines der größten Probleme. Das Bamf hat daher für 2016 4000 weitere Stellen bewilligt bekommen, wodurch die Mitarbeiterzahl auf etwa 7300 steigt. Bamf-Chef Frank-Jürgen Weise, der auch Chef der Bundesagentur für Arbeit ist, zeigte sich am Dienstag zuversichtlich, dass die 4000 neuen Beschäftigten „im besten Fall bis Mitte des Jahres qualifiziert im Einsatz“ seien.

Verfahrensdauer

Als ersten Erfolg werten das Bamf und das Innenministerium, dass sich die Verfahrensdauer für Syrer verkürzt hat. Sie stieg nach Angaben des Innenministeriums von 3,5 Monaten (Januar 2015) zunächst auf 4,3 Monate (Juni), sank bis Dezember aber auf 2,5 Monate. Für Antragssteller, die seit Jahresbeginn 2016 eingereist sind, könnte es wieder länger dauern: Für sie gilt wieder die Einzelfallprüfung mit persönlicher Anhörung durch den sogenannten Entscheider.

Doch Imran, dessen Traum ein Medizinstudium wäre, hängt nach einer Flucht durch acht Länder und meist zu Fuß in Frankreich im berüchtigten Lager von Calais – dem Dschungel – fest. Dort versucht er nun fast jede Nacht, auf Lastwagen aufzuspringen, die durch den Eurotunnel nach Großbritannien fahren. „Wenn meine Mutter wüsste, dass ich im 'Dschungel' gelandet bin, wäre sie sehr traurig....Ich will ihr das nicht sagen.“

EU-Beamte betonen, sie hätten Mechanismen entwickelt, um diese Minderjährigen schneller mit ärztlicher Hilfe zu versorgen oder sie schneller bei Verwandten unterzubringen. „Europäische Rechtssprechung zollt den Rechten und Bedürfnissen unbegleiteter Minderjähriger, die Asyl suchen, besondere Aufmerksamkeit“, sagt EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos der AP. „Diese Regelwerke auch umzusetzen, ist unsere Priorität.“

Die Suche nach jugendliche Migranten, die aus Unterkünften in Europa verschwinden, gestaltet sich schwierig. Meist fehlen Kontaktpersonen, die der Polizei dies melden könnten. Und wird ein Fall bekannt, hat die Polizei meist nicht genügend Informationen wie Fotos, Fingerabdrücke oder persönliche Daten, um den verschwundenen Jugendlichen aufzuspüren.

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