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18.08.2015

16:38 Uhr

Flüchtlinge in Europa

Wie viel Geld bekommt ein Flüchtling in Europa?

VonMatthias Thibaut, Tanja Kuchenbecker, Hans-Peter Siebenhaar, Helmut Steuer, Maike Freund

Der Innenminister überprüft Leistungen für Flüchtlinge, CSU-Politiker wollen das Taschengeld kürzen. Sind 143 Euro wirklich zu viel? Und wie viel bekommen Asylbewerber im Rest Europas? Unsere Korrespondenten berichten.

Fast 21.000 Flüchtlinge sind in der vergangenen Woche von der türkischen Küste über das Meer nach Griechenland gekommen. AFP

Flüchtlinge auf Kos

Fast 21.000 Flüchtlinge sind in der vergangenen Woche von der türkischen Küste über das Meer nach Griechenland gekommen.

Es sind genau 143 Euro, die in Deutschland für Diskussionen sorgen: 143 Euro bekommt ein volljähriger Flüchtling pro Monat in bar – als Taschengeld. Doch Innenminister Thomas de Maiziere (CDU) und Bayerns Innenminister Thomas Herrmann (CSU) ist das zu viel. Sie plädieren für Sachleistungen statt Bargeld - und haben damit vor allem die hohe Zahl der Flüchtlinge aus den Balkanländern im Visier. „Die Höhe unserer Asylbewerberleistungen ist teilweise höher als ein Erwerbseinkommen in Albanien oder Kosovo“ , sagte der Minister in einem Interview. Innenminister Herrmann sprach wegen der Leistungen für „diese Gruppe“ von einer „Zumutung für die deutschen Steuerzahler”.

Die143 Euro erhalten Flüchtlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen. In der Regel sind es rund drei Monate, die die Menschen dort verbringen. Wer dort untergebracht ist, wird mit Verpflegung, Unterkunft und Kleidung versorgt - und eben den 143 Euro für persönliche Bedürfnisse.

Forderung von Joachim Herrmann: Darf der Staat Asylbewerbern das „Taschengeld“ kürzen?

Forderung von Joachim Herrmann

Darf der Staat Asylbewerbern das „Taschengeld“ kürzen?

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann will das Taschengeld für Asylsuchende vom Balkan drastisch kürzen. Mit der Forderung steht er nicht alleine da. Aber ist eine solche Maßnahme rechtlich überhaupt möglich?

Nach ihrer Zeit in der Ersteinrichtung bekommen Flüchtlinge etwas mehr: Bis zu 359 Euro, ähnlich hoch wie die Hartz-IV-Sätze. Die Kosten für die Unterkunft werden weiter übernommen, ein extra Taschengeld gibt es nicht mehr.

Zu Beginn des Jahres lag die Schätzung über die Anzahl der Asylbewerber, die dieses Jahr nach Deutschland kommen, bei 300.000. Doch wie das Handelsblatt erfuhr, könnte die Zahl weit darüber liegen: Mindestens 650.000, womöglich sogar 750.000 könnten es in diesem Jahr werden – weit mehr als im bisherigen Rekordjahr 1992 mit 438.000. Die meisten Flüchtlinge kommen bisher aus Syrien nach Deutschland. Danach folgen Serbien, Eritrea und Afghanistan.

Zahlen und Fakten zu Flüchtlingen

219.000 Menschen...

...flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

3500 Menschen...

...kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

170.100 Flüchtlinge...

...erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

66.700 Syrer...

...registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9800 aus Mali.

123.000 Syrer...

...beantragten im vergangenen Jahr in der EU Asyl (2013: 50.000).

202.700 Asylbewerber...

...wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

Um 143 Prozent...

...stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

Mit 8,4 Bewerbern...

... pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

600 000 bis eine Million Menschen...

...warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.

Griechenland ist eines der Länder, dass die Flüchtlingsströme nicht mehr bewältigen kann. Vor allem die Insel Kos gleicht einem einzigen Flüchtlingslager. Fast 21.000 Asylsuchende sind allein in der vergangenen Woche von der türkischen Küste über das Meer nach Griechenland gekommen. Insgesamt seien in der Zeit zwischen dem 8. und dem 14. August 20.843 Migranten gezählt worden, teilte das Uno-Hochkommissariat für Menschenrechte (UNHCR) mit. Im gesamten Jahr 2014 hatte die Zahl bei 43.500 gelegen.

Im hochverschuldeten Griechenland bekommen die Flüchtlinge kein Geld. Doch wie sieht es in anderen Ländern der EU aus? Unserer Korrespondenten berichten.

Kommentare (54)

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Herr Werner Wilhelm

18.08.2015, 17:02 Uhr

Die Frage ist nicht, ob das Taschengeld zu hoch ist, sondern wie die Kosten der Flüchtlingsaufnahme finanziert werden.

Haben wir mit weiteren Rentenkürzungen zu rechnen? Fällt die Sanierung der Infrastruktur damit ein weiteres Mal aus? Wo wird die Mittelschicht sonst zur Kasse gebeten?

Wenn man diese Fragen nicht beantwortet, braucht man "Intoleranz, Fremdenhass und Rassismus" nicht zu bemühen.

Frau Annette Bollmohr

18.08.2015, 17:10 Uhr

Wenn mal wieder alles nach dem Motto „Der Teufel sch….. immer auf den gleichen Haufen“ läuft und man deswegen sowieso schon bis zum Anschlag genervt ist („aggro“ trifft den Sachverhalt wohl besser):

In solchen Situationen ahnt der arme Mensch, der einem gerade irgendwo im Weg steht (vermutlich, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein) gar nichts davon, welchen Unmut er da gerade durch seine bloße Existenz hervorruft.
Und wenn der auch noch zufällig das Pech haben sollte, einen an irgendjemanden zu erinnern, mit dem man nicht so tolle Erfahrungen gemacht hat, dann Gnade ihm Gott…

Wenn man das alles erstmal realisiert hat, ist man auch schon wieder um ein paar Grad „abgekühlt“.

Allerdings: Wer stattdessen seinen geballten Frust auf – drücken wir es mal vorsichtig aus – eher unfreundliche Weise an ihn „weiterreicht“, indem er ihn z.B. kräftig anniest, dürfte sich einer entsprechenden Reaktion gewiss sein (ist doch wohl klar, oder?).

Also, Leute: Reißt Euch alle mal ein bisschen zusammen. BITTE.

Davon habt Ihr selbst am allermeisten (und der Rest der Gesellschaft sowieso).

Was das alles mit dem Thema „Flüchtlinge“ zu tun hat:

Die hätten ja eigentlich weitaus mehr (und dazu gewichtigere) Gründe, „genervt“ zu sein.

Dass sich dieser Umstand nicht nur NICHT in regelrechten Gewaltorgien entlädt, sondern stattdessen bei den Flüchtlingen oft sogar ein beeindruckendes Ausmaß an Hilfsbereitschaft und Solidarität untereinander feststellbar ist, dürfte dem Umstand zu verdanken sein, dass sie alle ein gemeinsames festes Ziel haben (nämlich dem Tod oder auch "nur" unerträglichen, weil menschenunwürdigen Lebensumständen zu entkommen), auf das sie – fürs Erste jedenfalls - ihre ganze Kraft und Aufmerksamkeit konzentrieren, und von dem sie sie nicht durch "banale" Nebensächlichkeiten ablenken lassen.

(Fortsetzung folgt)

Frau Annette Bollmohr

18.08.2015, 17:15 Uhr

Fortsetzung:

Da für die allermeisten Flüchtlinge selbst die Sicherung der existentiellen Bedürfnisse ohnehin absolute Priorität hat, zudem aufgrund des derzeitigen, unablässig weiter anschwellenden Zustroms von immer mehr Flüchtlingen auch von Seiten der "Helfer" die Lage extrem angespannt ist, ist es - bei aller Flexibilität - schon aus Kapazitätsgründen unerlässlich, die richtigen Prioritäten zu setzen (= vernünftige Unterkunft und gutes Essen).

Wenn das Schiff - bildlich gesprochen - gerade dabei ist zu sinken, ist NICHT die passende Zeit für Grundsatzdebatten oder politische Spielchen.

Es muss außerdem im Interesse aller unbedingt sichergestellt werden, dass erstens ein etwaiger Zustrom von Flüchtlingen, die aufgrund falscher Anreize flüchten (insbesondere Bargeldzahlungen!) sicher ausgeschlossen werden kann.

Und zweitens sollte schon aus praktischen Gründen in der ersten(!) Zeit die vorläufige Versorgung über Sachleistungen erfolgen, da diese Vorgehensweise nun mal für die "Helfer" um einiges leichter zu handhaben sein dürfte.  

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