Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.08.2015

16:15 Uhr

Flüchtlinge in Frankreich

Im Schlamm von Calais

VonRuth Berschens

„Dschungel“ nennt der Volksmund den Slum für Flüchtlinge am Eurotunnel. In seine Nähe haben sich zwei Spitzenpolitiker aus Paris und Brüssel getraut – und eine humanitäre Katastrophe zu Gesicht bekommen. Ein Ortstermin.

Adam ist einer der Flüchtlinge, die sich im „Dschungel“ von Calais aufhalten. Der 26-Jährige ist aus dem Sudan nach Frankreich geflohen. AFP

Auf der Flucht

Adam ist einer der Flüchtlinge, die sich im „Dschungel“ von Calais aufhalten. Der 26-Jährige ist aus dem Sudan nach Frankreich geflohen.

CalaisEr überwand mehrere Stacheldrahtzäune, einen Wassergraben und bewaffnete Kontrollposten, er marschierte fast 50 Kilometer lang durch totale Dunkelheit, ständig in der Gefahr, von einem vorbeirasenden Zug erfasst zu werden. Dann hatte der 40-jährige Sudanese sein Ziel erreicht: die englische Seite des Tunnels unter dem Ärmelkanal, wo er schließlich von Wachmännern aufgegriffen wurde. Die Geschichte spielte sich in diesem August ab und erregte in Frankreich großes Aufsehen. Dass es ein Flüchtling zu Fuß durch den ganzen Tunnel schafft, das hatte es vorher noch nicht gegeben.

Die Migranten versuchen alles, wirklich alles, um ins gelobte Land Großbritannien zu kommen. Sie springen auf anfahrende Züge auf, sie verstecken sich im Kofferraum von mitleidigen Touristen oder sie lassen sich von Menschenhändlern in LKW durch den Tunnel schmuggeln.

Für die Gesellschaft Eurotunnel eine Herausforderung: Allein im Juli und August sind die auf dem Unternehmensgelände stationierten Sicherheitskräfte rund 2500 Mal ausgerückt, um verunglückte Flüchtlinge retten und aufgeschnittene Zäune zu reparieren. Dabei haben sie schon grausige Funde gemacht. Ein Afrikaner ertrank auf dem sumpfigen Areal in einem der viele Tümpel. Ein anderer verbrannte, als er auf dem Dach eines Waggons einer 20.000 Volt-Hochspannungsleitung zu nahe kam.

Insgesamt zehn tote Flüchtlinge gab es dieses Jahr schon in Calais. Doch das schreckt die anderen nicht ab. 3500 warten am Rande der nordfranzösischen Stadt – und sie versuchen es jede Nacht wieder. Wenn sie es nicht schaffen, steht ihnen wieder ein schwieriger Tag bevor in einem Slum, der sich am Rande der Stadt kilometerweit hinzieht.

Gerade ist ein schwerer Gewitterregen auf Calais niedergegangen. Die wackeligen Zelte und Plastikplanen versinken in einem Meer von Schlamm. „Dschungel“ heißt das Camp im Volksmund und es trägt diesen Namen zu Recht. Es gibt hier nichts: keine Toilette, keine Dusche, keine Küche.

Die Interessen der EU-Staaten in der Flüchtlingsfrage

Was wollen die betroffenen Länder?

In Italien, Malta und Griechenland kommen die meisten Bootsflüchtlinge an. Diese Mittelmeeranrainer fühlen sich von den europäischen Partnern im Stich gelassen und fordern mehr EU-Geld und mehr Patrouillen im Mittelmeer. Außerdem verlangen sie, dass Flüchtlinge auf alle EU-Staaten verteilt werden - dass es also eine gerechte und faire Lastenteilung auf Basis von Quoten gibt. Dafür müsste die „Dublin-Verordnung“ geändert werden. Sie legt fest, dass dasjenige EU-Land für Asylanträge zuständig ist, über das der Flüchtling erstmals in die EU eingereist ist. Das heißt: Migranten müssen im Ankunftsland Asyl beantragen und dort auch bleiben. Die Auffanglager auf Sizilien, aber auch in Griechenland sind mittlerweile völlig überfüllt.

Welche Interessen haben die Nordstaaten?

Nordeuropäische Staaten wie Deutschland oder Schweden sind die Zielländer vieler Flüchtlinge, die sich dort ein Leben in Sicherheit und Wohlstand erhoffen. Nach Angaben der Europäischen Statistikbehörde Eurostat suchte 2014 jeder dritte der 626 000 Asylbewerber in der EU Asyl in Deutschland - das war der Spitzenplatz. Im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße bewarben sich die meisten Asylsuchenden in Schweden. Beide Länder verzeichneten bei den Asylanträgen Zuwächse von 50 bis 60 Prozent. Deutschland und Schweden werfen Italien vor, es mit der Einhaltung der Dublin-Regeln nicht allzu genau zu nehmen und Flüchtlinge ohne Registrierung in andere Staaten weiterreisen zu lassen, wo sie dann Asyl beantragen.

Wie steht Osteuropa zu dem Flüchtlingsproblem?

„Den osteuropäischen Ländern ist die ganze Sache sowieso egal“, kritisiert ein EU-Diplomat. Denn sie seien keine begehrten Zielländer. Nur wenige Migranten, die häufig aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa kämen, wollten etwa in Lettland oder Kroatien leben. 2014 standen in der Statistik der Asylbewerber in der EU die baltischen Staaten, Kroatien und die Slowakei ganz am Ende und nahmen die wenigsten Menschen auf. „Die Osteuropäer wollen vor allem eines: Dass sie nicht zahlen müssen“, meint der Diplomat.

Wie könnte die Verteilung von Bootsflüchtlingen ablaufen?

Über Quoten. Kriterien dafür könnten die Einwohnerzahl und die Wirtschaftskraft eines Landes sein. Das hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bereits im vergangenen Oktober vorgeschlagen. Diese andere Lastenteilung in der EU würde Italien, aber ebenso Deutschland helfen.

Wer ist gegen eine geregelte Verteilung von Bootsflüchtlingen?

Nach Angaben von EU-Diplomaten bislang Großbritannien, Tschechien und die baltischen Staaten. Auch Portugal und Spanien äußerten sich eher zurückhaltend zu solchen Plänen. Als unklar gilt die Position von Ländern wie Polen, Rumänien und Slowenien. „Wir sind der Ansicht, dass eine solche Entscheidung über das Zeigen von Solidarität in der Kompetenz der einzelnen EU-Staaten bleiben sollte“, sagte der tschechische Ministerpräsident Bohuslav Sobotka.

Was will die EU in ihrer Flüchtlingspolitik ändern?

Die Seenotrettung soll besser werden. Die Mittel für die EU-Mission „Triton“ im Mittelmeer sollen auf knapp sechs Millionen Euro verdoppelt werden. Die Staaten wollen zudem den Aktionsradius der EU-Grenzschutzagentur Frontex erweitern und konsequenter gegen kriminelle Schleuser vorgehen. Es gibt auch die Idee, Auffanglager für Flüchtlinge in Nordafrika einzurichten, etwa unter dem Dach der Vereinten Nationen. Dort könnte entschieden werden, wer legal nach Europa kommen darf und wer in seine Heimat zurückkehren muss. Pläne zur Zerstörung von Menschenschmuggler-Schiffen sollen am Donnerstag eines der Topthemen beim EU-Sondergipfel zu den Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer werden.

Wenn es regnet, suchen die Menschen unter einer Brücke Schutz, doch dort finden nur rund 200 von ihnen Platz. „Was wir hier sehen, ist ein Befehl zu handeln“, sagt Frankreichs Premierminister. Manuel Valls ist an diesem Montag morgen aus Paris angereist. er will ein Zeichen setzen. Diese „untragbaren Zustände“ dürfe ein zivilisiertes Land wie Frankreich nicht länger hinnehmen.

In den „Dschungel“ traut sich Premierminister, wie immer elegant im schwarzen Designer-Anzug und blütenweißem Hemd, an diesem Morgen allerdings nicht. Er besichtigt stattdessen die einzige Einrichtung, die der französische Staat den Flüchtlingen von Calais bislang anbietet: Das Centre Jules Ferry verteilt täglich 2400 Mittagessen. Es gibt hier 30 Toiletten und 115 Schlafplätze für Frauen und Kinder. Jules Ferry öffnet nur von 12 bis 20 Uhr. Danach bleibt tausenden Menschen aus dem Sudan, Eritrea und Syrien nur eins: Der Weg zurück in den „Dschungel“.

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Thomas Melber

31.08.2015, 16:28 Uhr

Das ist doch seit Jahren bekannt. Warum hat Frankreich das Camp nicht schon längst geräumt?

Frau Michael Engel

31.08.2015, 16:38 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Frank Frei

31.08.2015, 16:57 Uhr

Wo sind denn die Französischen Gutmenschen?

Als sozialistisches Land sollte doch Frankreich auch jede Menge von der Sorte haben...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×