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03.06.2016

20:45 Uhr

Flüchtlinge in Griechenland

Europas verdrängtes Problem

VonLeonidas Exuzidis

Das Elendslager Idomeni ist Geschichte. Doch das Flüchtlingsdrama in Griechenland geht weiter. Denn es bilden sich neue Lager, in dem die Menschen ausharren. Europa bleibt überfordert – und abhängiger denn je.

Als das Elendslager Idomeni in Griechenland vor Wochenfrist geräumt wurde, hatten Optimisten bereits das Gefühl, Europa habe in der Flüchtlingskrise einen Schritt nach vorn gemacht. Doch der Schrein trügt. dpa

Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze

Als das Elendslager Idomeni in Griechenland vor Wochenfrist geräumt wurde, hatten Optimisten bereits das Gefühl, Europa habe in der Flüchtlingskrise einen Schritt nach vorn gemacht. Doch der Schrein trügt.

Beschaulich, ruhig und idyllisch - Idomeni ist inzwischen wieder das, was es vorher mal war: ein unscheinbares Dorf. Die rund 150 Einwohner gehen wie gewohnt ihren Pflichten nach, Bauern kümmern sich um ihre Felder. Dass hier, an der griechisch-mazedonischen Grenze, bis vor wenigen Tagen knapp 8.000 Flüchtlinge im Matsch ausharrten und auf eine Weiterreise pochten, lässt sich jetzt nur noch erahnen.

Am Montag rollte gar der erste Zug seit dem 21. März über die Grenze in Richtung Mitteleuropa, nachdem die Schienen aus Protest wochenlang blockiert worden waren. Die Flüchtlingszelte und das zurückgelassene Hab und Gut wurden von gelben Bulldozern abgeräumt und anschließend entsorgt.

Was treibt Flüchtlinge nach Europa?

Syrien

Die Syrer stellen die größte Gruppe; 2014 kamen nach Angaben der Grenzschutzagentur Frontex 66 700. Millionen Syrer sind auf der Flucht vor einem extrem brutal ausgetragenen Religions- und Bürgerkrieg; viele sind Flüchtlinge im eigenen Land oder gingen in die Türkei und den Libanon.

Eritrea

Das Land am Horn von Afrika gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Präsident Isaias Afwerki regiert seit 1993 mit eiserner Faust. Oppositionelle werden ermordet oder inhaftiert. Viele junge Menschen fliehen vor dem Militärdienst. Laut Frontex nahmen 2014 rund 34 300 Menschen aus Eritrea das Risiko einer Überfahrt auf sich.

Afghanistan

Nach vielen Jahren Bürgerkriegs liegen Infrastruktur und Wirtschaft des Vielvölkerstaats am Boden. Industrie gibt es kaum. Dafür floriert der Drogenhandel und die Taliban sind unbesiegt. Viele Afghanen sehen daher keine Zukunft in ihrer Heimat.

Mali

Die 16 Millionen Einwohner des armen Wüstenstaates kämpfen um das tägliche Überleben. Nach einem Militärputsch hatten Islamisten 2012 den Norden erobert und waren erst von einer internationalen Truppe zurückgeworfen worden. Die Sicherheitslage bleibt prekär und die Korruption hemmt die Entwicklung.

Nigeria

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat in Teilen des Nordostens einen Gottesstaat ausgerufen. Ihre Angriffe kosteten Tausende das Leben. 1,5 Millionen Menschen flohen vor der Miliz in andere Landesteile oder ins Ausland. Mehr als die Hälfte der Einwohner des potenziell reichen Landes lebt in extremer Armut.

Als das Elendslager vor Wochenfrist geräumt wurde, hatten Optimisten bereits das Gefühl, Europa habe in der Flüchtlingskrise einen Schritt nach vorn gemacht. Immerhin lief die Räumung an der seit Monaten geschlossenen Grenze weitgehend friedlich ab – keine Selbstverständlichkeit bei den regelmäßigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Migranten in den vergangenen Wochen.

Die dort ausharrenden Menschen wurden in Bussen in die umliegenden Einrichtungen gebracht, einige winkten Reportern und Einheimischen zum Abschied noch einmal lächelnd zu. Alles sehr friedlich. Doch der Schein trügt: Der Norden Griechenlands bleibt ein Symbol für Europas Überforderung.

In den hastig erbauten und mangelhaft ausgestatteten Einrichtungen Umland lebt nur rund die Hälfte der 8.000 Flüchtlinge von Idomeni. Die andere Hälfte zog auf eigene Faust weiter: in Richtung der Hafenstadt Thessaloniki oder in die umliegenden Dörfer in Grenznähe. Ein Überblick:

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