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10.09.2016

08:25 Uhr

Flüchtlinge in Griechenland

In Athen wächst die Panik

VonMarkus Bernath

Die Kapazitäten für Flüchtlinge auf den griechischen Inseln sind mehr als erschöpft. Nun sollen viele Menschen aufs Festland kommen. Entlastung ist nicht in Sicht – das Abkommen mit der Türkei funktioniert einfach nicht.

Für 3500 Menschen sind die Flüchtlingslager auf Lesbos ausgelegt. Doch am Wochenende wird die Zahl wohl auf rund 6000 steigen. AP

Flüchtlingsboot legt an

Für 3500 Menschen sind die Flüchtlingslager auf Lesbos ausgelegt. Doch am Wochenende wird die Zahl wohl auf rund 6000 steigen.

AthenEr ist der Bürgermeister der Insel, die nun Menschenrechts-Preise einheimst. Spyros Galinos, der Chef auf Lesbos, hat die Flüchtlingskrise eine Prüfung genannt, die das Beste aus ihren Bewohnern hervorgebracht habe. Jetzt aber schlägt der parteilose Bürgermeister Alarm. „Äußerst gefährlich“ seien die Bedingungen auf Lesbos geworden, so schrieb er diese Woche der Regierung in Athen. Gewalttätige Unruhen im völlig überfüllten Flüchtlingslager und die Ankunft von täglich neuen Flüchtlingen machen die Lage auf der Insel unhaltbar.

Für ihre Hilfsbereitschaft gegenüber den Hunderttausenden von Flüchtlingen, die auf der Insel im vergangenen Jahr anlandeten, sind die Bewohner von Lesbos für den Friedensnobelpreis nominiert worden. Eva Latsoudi, eine Psychologin und Aktivistin, die auf Lesbos lebt, wurde diese Woche bereits mit dem Nansen-Preis der Uno-Flüchtlingsbehörde ausgezeichnet, zusammen mit den freiwilligen Helfern vom griechischen Seerettungsteam HRT.

Diakonie Katastrophenhilfe: Lage für Flüchtlinge in Südosteuropa „schlecht“ bis „katastrophal“

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Helfer kritisieren die Lage in Flüchtlingslagern in Südosteuropa nach der Schließung der Balkanroute. Allein in Griechenland säßen 57.000 Menschen fest, die Bedingungen seien manchmal „katastrophal“.

Doch das Blatt auf der größten Flüchtlingsinsel in der Ägäis hat sich gewendet. Der Weg nach Athen und weiter nach Europa ist geschlossen, seit das Flüchtlingsabkommen zwischen der Türkei und der EU gilt. An die 6000 Menschen werden an diesem Wochenende wohl im Sammellager Moria und auf einem zweiten Areal zusammengepfercht sein. Für 3500 Schutzsuchende sind die Lager auf Lesbos eigentlich ausgelegt.

Als am vergangenen Wochenende in Moria wieder Schlägereien zwischen Afghanen und Syrern ausbrachen und 40 Männer in dem Durcheinander entkamen, musste die griechische Polizei die flüchtigen Flüchtlinge wieder einfangen. Sie hatten sich in den Olivenhainen rund um das Lager und in der Hauptstadt Mytilini verborgen.

Etappen der Flüchtlingskrise

25. August 2015

Deutschland setzt das Dublin-Verfahren für Syrer aus. Es sieht die Rückführung von Flüchtlingen dorthin vor, wo sie zuerst EU-Boden betraten.

31. August 2015

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nennt die Bewältigung des Flüchtlingszustroms eine „große nationale Aufgabe“ und beteuert: „Wir schaffen das.“

5. September 2015

Deutschland und Österreich entscheiden, Tausende Flüchtlinge und Migranten aufzunehmen, die in Ungarn gestrandet sind. Bei der Ankunft in Deutschland werden sie bejubelt. CSU-Chef Horst Seehofer fühlt sich übergangen und warnt vor Überforderung.

23. September 2015

Die EU-Staats- und Regierungschefs beschließen, die Hilfen zu erhöhen und 160.000 Flüchtlinge auf die Mitgliedsländer zu verteilen. Eine große Entlastung für Deutschland bleibt aus.

24. September 2015

Der Bund stockt die Hilfe für Flüchtlinge an Länder und Gemeinden massiv auf.

15. Oktober 2015

Der Bundestag beschließt ein neues Asylrecht. Albanien, Kosovo und Montenegro werden zu sicheren Herkunftsländern. Asylbewerber sollen möglichst nur Sachleistungen erhalten.

5. November 2015

Die Koalition verständigt sich auf besondere Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge mit geringen Bleibechancen. Zudem wird eine zweijährige Aussetzung des Familiennachzugs bei Flüchtlingen mit niedrigerem Schutzstatus beschlossen.

20. November 2015

Auf dem CSU-Parteitag in München lehnt Merkel die CSU-Forderung nach einer Obergrenze für die Zuwanderung strikt ab.

9. März 2016

Nach Slowenien, Kroatien und Serbien schließt auch Mazedonien seine Grenze für Flüchtlinge und andere Migranten. Damit ist die Balkanroute faktisch dicht, über die 2015 mehr als eine Million Menschen nach Deutschland und Österreich gekommen waren.

18. März 2016

Die EU und die Türkei einigen sich darauf, Migranten, die illegal in Griechenland ankommen, in die Türkei zurückzuschicken. Im Gegenzug soll für jeden zurückgenommenen Syrer ein anderer Syrer legal und direkt von der Türkei aus in die EU kommen.

4. April 2016

Die Rückführung von Flüchtlingen und anderen Migranten von Griechenland in die Türkei sowie die Umsiedlung von Syrern aus der Türkei in die EU beginnt.

4. Mai 2016

Die EU-Kommission will Flüchtlinge gerechter verteilen. Wie viele ein Land aufnehmen muss, soll von Größe und Wirtschaftskraft abhängen. EU-Staaten, die bei dem System nicht mitmachen, sollen 250.000 Euro pro Flüchtling zahlen.

12. Mai 2016

Die EU verlängert die Erlaubnis für vorübergehende Grenzkontrollen im eigentlich passkontrollfreien Schengen-Raum.

13. Mai 2016

Der Bundestag erklärt Tunesien, Algerien und Marokko zu sicheren Herkunftsländern. Die notwendige Zustimmung des Bundesrates bleibt zunächst aus.

22. Juni 2016

Die EU einigt sich im Grundsatz auf eine gestärkte gemeinsame Grenzschutzagentur und Küstenwache. Die bestehende EU-Grenzschutzagentur Frontex soll in der neuen Behörde aufgehen.

13. Juli 2016

Die EU-Kommission will schärfer gegen Asylmissbrauch vorgehen. Wer nicht mit den Behörden des Aufnahmestaates zusammenarbeitet, müsse mit einer Ablehnung rechnen.

„Wir beobachten die Zahlen, wir sind wachsam, aber nicht panisch“, so versucht Athanassis Koutsis vom Krisenstab der Regierung in Athen zu beruhigen. Panik herrscht aber sehr wohl, seit der deutsche Innenminister Thomas de Maizière die Rücksendung von Flüchtlingen nach Griechenland ab nächstem Jahr gemäß den Regeln des Dublin-Abkommens in Aussicht stellte. In Athen werden Montag bis Freitag täglich die neuen Zahlen aus den Lagern veröffentlicht.

100 bis 200 Flüchtlinge landen mittlerweile wieder jeden Morgen auf den griechischen Inseln vor der türkischen Küste. Es ist der übliche Schnitt seit dem Putsch in der Türkei und der politischen Instabilität, die den Schleppern wieder Mut macht oder aber die türkische Küstenwache nachlässiger. Knapp 13.000 Flüchtlinge sitzen nun auf den Inseln von Lesbos im Norden bis Rhodos im Süden fest – Platz wäre offiziell für 7450.

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