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02.03.2016

21:28 Uhr

Flüchtlinge in Griechenland

Kälte, Angst, Verzweiflung

Rund 10.000 Flüchtlinge kampieren an der griechisch-mazedonischen Grenze. Die Zustände sind katastrophal: Es fehlt schon jetzt an Zelten und Essen. Und doch kommen jeden Tag noch mehr Flüchtlinge an.

Flüchtlingsfrauen bereiten Gemüse zum Kochen vor. Wegen der vielen Menschen gibt es meistens aber nur Sandwiches. AFP; Files; Francois Guillot

Essensnot

Flüchtlingsfrauen bereiten Gemüse zum Kochen vor. Wegen der vielen Menschen gibt es meistens aber nur Sandwiches.

IdomeniEin Sandwich, noch ein Sandwich, eine Suppe, eine Orange. Viel hat Kadr Jussef in letzter Zeit nicht gegessen. Sorgen macht sich der 25-jährige Iraker aber nur um seine kleine Tochter, die sechs Monate alte Irene. Zwar verteilt eine Hilfsorganisation im Flüchtlingslager Babynahrung. „Aber ob das ausreicht?“, fragt sich Kadr. Zusammen mit tausenden anderen Flüchtlingen sitzt der Vater am griechisch-mazedonischen Grenzübergang Idomeni fest.

Seit Österreich und mehrere Balkanländer ihre Grenzen für die Flüchtlinge weitgehend dichtgemacht haben, harren die Menschen auf der griechischen Seite der Grenze zu Mazedonien aus. In Idomeni drängen sich nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen inzwischen mehr als 9000 Flüchtlinge, darunter viele Familien mit Babys und kleinen Kindern. Die Hilfsorganisation Save the Children geht davon aus, dass in den Zelten mindestens 2500 Kinder hausen.

„Wir wachen jeden Morgen auf und fragen uns, wie wir es heute schaffen werden“, sagt Jean-Nicolas Dangelser von Ärzte ohne Grenzen, der für die Essensausgabe im Zeltlager zuständig ist. Denn in Idomeni kommen weiterhin jeden Tag mehr Flüchtlinge an, als Mazedonien einreisen lässt. Die Grenze öffnet sich nur für wenige von ihnen und immer nur stundenweise: In der Nacht zum Mittwoch duften rund 170 Flüchtlinge über die Grenze.

Die 16-jährige Sahraa Alschibli, die mit ihrer Familie aus dem Irak geflohen ist und seit zehn Tagen in Idomeni festhängt, hatte eigentlich gehofft, bald weiterreisen zu können – immerhin hat sie die Registriernummer 196. Doch als sich das Grenztor öffnete, hat sie geschlafen. „Wir wussten von nichts“, klagt Sahraa, die mit ihren Eltern und Geschwistern nach Schweden will.

Warum die EU in der Flüchtlingskrise nicht vorankommt

Dauerkrise

Jahrelang hat Europa Banken gerettet, das pleitebedrohte Griechenland gemaßregelt, Monat um Monat hohe Arbeitslosenzahlen registriert. Die Eurokrise hat viel Nerven und politische Anstrengung gekostet. Für eine erneute Kraftanstrengung ist der Zeitpunkt daher denkbar ungünstig.

Druck von Rechts

In Deutschland feiert die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) Umfrageerfolge. Die Pariser Regierung beunruhigen die guten Umfragewerte von Marine Le Pens Front National (FN). In Ungarn regiert der rechtskonservative Viktor Orban, in Warschau erlangten jüngst die Nationalkonservativen der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) die Macht. In Dänemark steht die liberale Minderheitsregierung unter dem Druck von Rechtspopulisten. Diese Kräfte erschweren eine europäische Lösung wie die angedachte Flüchtlingsumverteilung.

Hoffen auf die Türkei

Geld gegen Grenzschutz – das ist der Kern des Aktionsplans, den die EU und die Regierung in Ankara miteinander ausgehandelt haben. Die Türkei hofft auch auf Visa-Erleichterungen für ihre Bürger und neue Dynamik beim Thema EU-Beitritt. Doch bisher ist wenig geschehen. Nun müht sich Berlin um eine „Koalition der Willigen“, deren Mitgliedsstaaten der Türkei Flüchtlinge abnehmen sollen.

Uneinigkeit über die richtige Asylpolitik

Die Bundesregierung nimmt vorrangig syrische Bürgerkriegsflüchtlinge bislang großzügig auf. Doch mehrere Staaten Osteuropas, darunter Anrainer der „Balkanroute“, fühlen sich dieser Politik nicht verpflichtet.

Ungleiche Verteilung der Flüchtlinge

Nicht alle 28 EU-Staaten sind gleichermaßen Ziel von Migranten, nicht alle haben somit einen gleichermaßen großen Anreiz zur Zusammenarbeit. Die mit Abstand meisten Asylbewerber kamen im November laut EU-Statistikamt Eurostat nach Deutschland (59.615 Menschen), gefolgt von Schweden (36.585) und Österreich (11.930). Ungarn meldete bis zum September ebenfalls sehr viele Asylbewerber – danach ging die Kurve rapide nach unten. Grund sind die Grenzzäune zu Kroatien und Serbien, die die Regierung errichten ließ. Zuletzt stiegen die Zahlen nach Budapester Angaben trotz Zaun aber wieder an.

Die Helfer von Ärzte ohne Grenzen verteilen in Idomeni mittlerweile 30.000 Essensportionen am Tag. Weil es nur 6500 warme Mahlzeiten gibt, können oft nur Sandwiches ausgegeben werden, wie Dangelser berichtet. Mehr warmes Essen kann die Hilfsorganisation momentan nicht auftreiben, zumindest nicht zu einem akzeptablen Preis. Die Warteschlange ist Tag und Nacht mehrere hundert Meter lang.

Griechische Medien berichteten am Mittwoch, verzweifelte Migranten hätten in der Nacht an den Türen der rund 100 Einwohner des Dorfes von Idomeni geklopft und um Lebensmittel und Milch für ihre Kinder gebeten. Im Februar sind nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) insgesamt mehr als 55 000 Migranten in Griechenland angekommen.

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