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12.11.2015

17:46 Uhr

Flüchtlinge in Lebensgefahr

Friedhof Ägäis

Ayvacik ist die westlichste Region Asiens – und damit Ausgangspunkt für etliche Flüchtlinge, die von der Türkei aus in die EU fliehen. Schleuserbanden bieten Überfahrten nach Lesbos an. Doch die Route ist tödlich.

Schleuser weisen Flüchtlinge am Strand von Ayvacik in ein Schlauchboot für die Überfahrt nach Lesbos. dpa

Gefährliche Überfahrt

Schleuser weisen Flüchtlinge am Strand von Ayvacik in ein Schlauchboot für die Überfahrt nach Lesbos.

AyvacikDas Wetter ist günstig, am Strand von Ayvacik legt an diesem Tag im November alle Viertelstunde ein Flüchtlingsboot ab. Ziel ist die griechische Insel Lesbos, deren Berge in rund zehn Kilometern Entfernung aus dem Meer ragen. Schleuser und Flüchtlinge hieven gemeinsam ein Schlauchboot nach dem anderen ins Wasser der türkischen Ägäis. Ein Wagen der Polizei fährt an Land vorbei, ein Boot der türkischen Küstenwache patrouilliert im Meer. Niemand greift ein. Die Flüchtlingsboote verschwinden in der Abenddämmerung.

Nicht alle der meist völlig überladenen Boote erreichen ihr Ziel. An diesem Mittwoch meldet die Nachrichtenagentur Anadolu wieder, dass eines davon vor Ayvacik gesunken ist. 14 Flüchtlinge sind ertrunken, darunter sieben Kinder.

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Zwischen den kurvigen Straßen von der Klippe zum Strand von Ayvacik sind immer wieder Männer zu sehen, die meist in Zweiergruppen von Autos oder Aussichtsplattformen aus das Geschehen beobachten. Glaubt man Anwohnern, gehören sie zu den Schleuserbanden. Sie sollen den Flüchtlingen die Wege zu den Abfahrtsstellen weisen – und allzu neugierige Fremde vertreiben.

Die Türkei ist das wichtigste Transitland für Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa, von denen etliche die Route von Ayvacik nach Lesbos wählen. Die EU dringt darauf, dass die Türkei den Flüchtlingsstrom eindämmt. Davon ist in Ayvacik wenig zu spüren. Der Name Ayvacik steht sowohl für die türkische Kleinstadt, die weiter im Inland liegt, als auch für den gleichnamigen Landkreis, der zur Provinz Canakkale gehört und sich bis zur Ägäis-Küste erstreckt. Hier ist das westlichste Ende Asiens.

Was die EU in der Flüchtlingskrise unternimmt

Afrika-Fonds

Im Oktober hat die EU-Kommission einen Nothilfe-Fonds von 1,8 Milliarden Euro für Afrika aus dem EU-Budget eingerichtet. Noch einmal die gleiche Summe sollen die EU-Staaten beisteuern - allerdings fehlen noch 1,75 Milliarden Euro. Der Fonds soll dazu dienen, Fluchtursachen wie etwa die Armut zu bekämpfen. Schwerpunkt sind die Sahelzone, die Tschadsee-Region, das Horn von Afrika und Nordafrika. Von dort oder über diese Staaten machen sich zahlreiche Migranten auf den Weg in Richtung Europa.

Syrien-Fonds

Ende September hat die EU-Kommission einen Syrien-Treuhandfonds vorgeschlagen. Er soll mit mindestens einer Milliarde Euro gefüllt werden, die Hälfte davon aus dem EU-Budget. Die andere Hälfte sollen die EU-Staaten geben, doch auch hier fehlen noch 460 Millionen Euro. Ziel des Fonds ist es, Nachbarländer Syriens wie die Türkei, Jordanien oder den Libanon zu unterstützen.

Welternährungsprogramm

Für die Finanzierung dieses Programms soll es eine weitere Milliarde Euro geben, es fehlt aber ebenfalls noch an Geld.

Türkei

Die EU arbeitet an einem Aktionsplan für die Türkei. So wollen die EU-Staaten Flüchtlinge ohne Bleiberecht dorthin zurückschicken können und im Gegenzug die geplante Visa-Liberalisierung für Türken schneller umsetzen. Die EU will der Türkei mit bis zu einer Milliarde Euro für die Flüchtlingshilfe unter die Arme greifen, Ankara fordert aber mehr. Dies wird Thema beim informellen Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs am Donnerstagnachmittag in Malta sein.

Umverteilung

Innerhalb Europas sollen 160 000 eingereiste Migranten mit guten Aussichten auf Asyl aus Italien und Griechenland umverteilt werden. Dies bleibt aber umstritten und kommt nur schleppend voran. Auch zwei Monate nach dem Beschluss sind gerade mal 135 Migranten in andere Länder gebracht worden. Ein dauerhaft gültiges Verfahren soll später beraten werden, bislang gibt es dafür keine Mehrheit unter den Staaten.

Abschiebung

Die EU-Staaten wollen abgelehnte Asylbewerber und Armutsmigranten künftig schneller abschieben - auch nach Afrika. Derzeit kehren nur 40 Prozent der abgelehnten Bewerber tatsächlich zurück. Im Entwurf für den „Valletta-Aktionsplan“ versprechen die EU-Staaten den afrikanischen Behörden mehr Unterstützung, um Menschen aufzunehmen und in die Gesellschaft zu integrieren.

Registrierungszentren

In Italien und Griechenland entstehen gerade Flüchtlingszentren zur Registrierung der Migranten („Hotspots“). Von dort werden Flüchtlinge ohne Bleiberecht auf die Länder verteilt oder auch zurückgeschickt. Der Aufbau geht langsam voran. Deshalb erwägen die EU-Staaten seit neuestem, sogenannte Bearbeitungszentren in den Balkanländern einzurichten, die Asylbewerber registrieren und deren Antrag bearbeiten sollen.

Anwohner warnen davor, sich in diesen Tagen an die Küste zu begeben. Sie sagen, dass bewaffnete Schleuserbanden das dortige Gebiet kontrollieren und unter sich aufgeteilt haben. Der Anwalt Yildirim Öney erzählt, wegen der Banden sei der Tourismus an der Küste zum Erliegen gekommen. Die Ernte der Oliven, die ein Markenzeichen der Region sind, sei so gut wie unmöglich. Öney selbst besucht sein Olivenfeld in Strandnähe seit einiger Zeit aus Angst nicht mehr: „Die Schleuser sind bewaffnet und warnen Anwohner, dort aufzutauchen.“

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