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25.02.2016

16:06 Uhr

Flüchtlinge in Nordnorwegen

Nördlich vom Nirgendwo

Sie wohnen in leerstehenden Touristen-Camps oder auf Norwegens einsamen Inseln. Einige Flüchtlinge sind nördlich des Polarkreises gestrandet. Das Leben in der Abgeschiedenheit ist hart. Nicht alle wollen bleiben.

Während sie darauf warten, dass ihre Asylanträge bearbeitet werden, gewöhnen sich Hunderte Menschen in Notunterkünften in Hammerfest und den Nachbarorten an die ungewohnten Verhältnisse im hohen Norden. dpa

Flüchtlinge in Norwegen

Während sie darauf warten, dass ihre Asylanträge bearbeitet werden, gewöhnen sich Hunderte Menschen in Notunterkünften in Hammerfest und den Nachbarorten an die ungewohnten Verhältnisse im hohen Norden.

HammerfestNachdem sie sich zwei lange Monate hinter dem Horizont versteckt hatte, geht die Sonne endlich wieder in Hammerfest auf. Sie wirft einen rosa Schimmer über die arktische Landschaft, die das nördlichste Flüchtlingslager der Welt umgibt.

Wenige Flüchtlinge haben damit gerechnet, 460 Kilometer nördlich des Polarkreises zu landen, als sie ihre Heimatländer verließen, um Gewalt, Armut oder Armeen zu entkommen. Manche wurden von norwegischen Behörden hierher verlegt, andere bahnten sich einen Fluchtweg durch Russland und gelangten über die norwegische Grenze nach Westeuropa. Mehr als 5000 Menschen, hauptsächlich aus Syrien und Afghanistan, nahmen vergangenes Jahr diese Route, bevor die Grenzen im November dicht gemacht wurden.

Verglichen mit der eine Million Menschen, die Europa 2015 über das Mittelmeer erreichten, sind das wenige. Dennoch mussten norwegische Behörden schnell Flüchtlingsunterkünfte in kleinen, meilenweit durch unberührte Wildnis getrennten Städten errichten.

Warum die EU in der Flüchtlingskrise nicht vorankommt

Dauerkrise

Jahrelang hat Europa Banken gerettet, das pleitebedrohte Griechenland gemaßregelt, Monat um Monat hohe Arbeitslosenzahlen registriert. Die Eurokrise hat viel Nerven und politische Anstrengung gekostet. Für eine erneute Kraftanstrengung ist der Zeitpunkt daher denkbar ungünstig.

Druck von Rechts

In Deutschland feiert die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) Umfrageerfolge. Die Pariser Regierung beunruhigen die guten Umfragewerte von Marine Le Pens Front National (FN). In Ungarn regiert der rechtskonservative Viktor Orban, in Warschau erlangten jüngst die Nationalkonservativen der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) die Macht. In Dänemark steht die liberale Minderheitsregierung unter dem Druck von Rechtspopulisten. Diese Kräfte erschweren eine europäische Lösung wie die angedachte Flüchtlingsumverteilung.

Hoffen auf die Türkei

Geld gegen Grenzschutz – das ist der Kern des Aktionsplans, den die EU und die Regierung in Ankara miteinander ausgehandelt haben. Die Türkei hofft auch auf Visa-Erleichterungen für ihre Bürger und neue Dynamik beim Thema EU-Beitritt. Doch bisher ist wenig geschehen. Nun müht sich Berlin um eine „Koalition der Willigen“, deren Mitgliedsstaaten der Türkei Flüchtlinge abnehmen sollen.

Uneinigkeit über die richtige Asylpolitik

Die Bundesregierung nimmt vorrangig syrische Bürgerkriegsflüchtlinge bislang großzügig auf. Doch mehrere Staaten Osteuropas, darunter Anrainer der „Balkanroute“, fühlen sich dieser Politik nicht verpflichtet.

Ungleiche Verteilung der Flüchtlinge

Nicht alle 28 EU-Staaten sind gleichermaßen Ziel von Migranten, nicht alle haben somit einen gleichermaßen großen Anreiz zur Zusammenarbeit. Die mit Abstand meisten Asylbewerber kamen im November laut EU-Statistikamt Eurostat nach Deutschland (59.615 Menschen), gefolgt von Schweden (36.585) und Österreich (11.930). Ungarn meldete bis zum September ebenfalls sehr viele Asylbewerber – danach ging die Kurve rapide nach unten. Grund sind die Grenzzäune zu Kroatien und Serbien, die die Regierung errichten ließ. Zuletzt stiegen die Zahlen nach Budapester Angaben trotz Zaun aber wieder an.

Von ihrem bescheidenen Zimmer aus bewundert Huda al-Haggar das Schneewunderland, eine Aussicht, die so anders ist, als die in ihrer Heimat Jemen, wo saudi-arabische Luftangriffe ihr Zuhause zerstörten. „Es ist wundervoll, wenn ich morgens aufwache und dieses Bild sehe, das Meer und die Berge“, sagt die junge Frau.

Die Holzbaracken, in denen sie und ihr fünfjähriger Sohn leben, gehörten Ölarbeitern, bis die europäische Flüchtlingskrise die abgelegenen Häfen des nördlichen Norwegens erreichte.

Während sie darauf warten, dass ihre Asylanträge bearbeitet werden, gewöhnen sich Hunderte Menschen in Notunterkünften in Hammerfest und den Nachbarorten an die ungewohnten Verhältnisse im hohen Norden.

An der Küste steigt die Temperatur selten über Minus zehn Grad, im Landesinneren wird es sogar noch kälter. Daran würden sie sich gewöhnen, sagen die Flüchtlinge. Zu schaffen mache ihnen die Dunkelheit. Er sei vor der Polarnacht gewarnt worden, sagt Rami Saad, ein 23-jähriger Syrer aus Damaskus. Aber er habe es nicht geglaubt, bis im November plötzlich keine Sonne mehr da war und seine biologische Uhr völlig durcheinandergeriet.

Auf der Insel Seiland, einem Naturreservat westlich von Hammerfest, wurde Stig Erland Hansen gefragt, ob er vorübergehend Flüchtlinge in einer abgelegenen Hütte beherbergen könnte, in der er im Sommer Abenteuertouristen unterbringt. „Erst dachte ich, das ist verrückt“, sagt Hansen. „Ist es möglich, Menschen im Dunkeln auf einer Insel unterzubringen?“

Es war nicht nur möglich, es war ein großer Erfolg, sagen Hansen und Pål Mannsverk, der Verwalter der Holzhäuser mit Blick auf einen unberührten Fjord. Nur mit dem Boot erreichbar, bekommt man bei der isolierten Lage den Eindruck, man sei am Ende der Welt - oder wie Mannsverk es ausdrückt: „nördlich von der Mitte von Nirgendwo“.

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