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07.10.2016

06:19 Uhr

Flüchtlinge in Serbien

In der Sackgasse

VonHans-Peter Siebenhaar

Stiefeltritte, Hundebisse, Pfefferspray: In Ungarn erwartet Flüchtlinge eine miese Behandlung. Doch es zieht Tausende auf dem Weg nach Westeuropa dorthin. Aber Serbien verhindert den Marsch. Die Migranten stecken fest.

Die Belgrader Regierung toleriert auch illegale Camps. Eines befindet sich im serbischen Grenzort Horgos, unmittelbar am ungarischen Grenzzaun. AFP; Files; Francois Guillot

Das Lager Horgos

Die Belgrader Regierung toleriert auch illegale Camps. Eines befindet sich im serbischen Grenzort Horgos, unmittelbar am ungarischen Grenzzaun.

Budapest/BelgradFlüchtlinge in Serbien marschieren in Richtung Ungarn, als wäre es das Gelobte Land. Allerdings hat der Nachbarstaat, der zum Schengen-Raum gehört, seine Grenze mit einem messerscharfen, drei Meter hohen Zaun gesichert. Mit ihrem Protestmarsch demonstrieren die Flüchtlinge gegen dieses Hindernis, das ihnen den Weg nach Norden versperrt. Doch bis zur Grenze kommen sie erst gar nicht.

Bereits rund 40 Kilometer nördlich der serbischen Hauptstadt Belgrad werden die Flüchtlinge von der Polizei gestoppt. Die hat damit eine erneute Welle der Gewalt an der Grenze zum Nachbarland verhindert. Doch die Situation der Menschen wird immer dramatischer.

Mittlerweile sind die Flüchtlinge des Protestzuges wieder nach Belgrad zurückgekehrt. Doch der Unmut unter den auf der Balkan-Route stecken gebliebenen Flüchtlingen wächst. Durch den Kälteeinbruch in der Region verschlechtern sich auch die Bedingungen in den provisorischen Lagern. Nach Behördenangaben halten sich derzeit rund 7000 Migranten vor allem aus arabischen Kriegsgebieten noch in Serbien auf. Für sie gibt es kaum noch ein Weiterkommen auf ihrer langen Reise nach Westeuropa.

Positionen der Länder in der Flüchtlingskrise

Österreich

Die Zeit der Willkommenskultur ist vorbei. Verschärfungen der Asylgesetze sind geplant. Eine Verordnung zur Zurückweisung von Asylbewerbern direkt an der Grenze könnte kommen, sollte eine Obergrenze von 37.500 Flüchtlingen in diesem Jahr überschritten werden. Bis Ende August waren über 26.400 Menschen zum Asylverfahren zugelassen.

Deutschland

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat nach den Wochen der Öffnung vor einem Jahr längst einen Kurswechsel vollzogen. Verschärfte Asylgesetze, leichtere Abschiebungen, vor allem aber das Abkommen der EU mit der Türkei sollen den Flüchtlingszuzug bremsen. Nur das Wort „Obergrenze“, das die CSU von ihr fordert, wird sie nicht formulieren. Auf europäischer Ebene weiß Merkel, dass die feste Quote zur Verteilung von Flüchtlingen gescheitert ist. Schwerpunkt ist jetzt die Sicherung der Außengrenzen.

Griechenland

Seit Inkrafttreten des Flüchtlingspakts der EU mit der Türkei kommen nur noch wenige Flüchtlinge illegal von der Türkei nach Griechenland. Doch die Angst, dass der Pakt nicht standhält und der Zustrom wieder anschwillt, ist groß. Außerdem kritisiert die linke Regierung in Athen, dass die anderen EU-Länder trotz der vereinbarten Umsiedlung von rund 30 000 Flüchtlingen bisher nur wenige Tausend Menschen übernommen haben.

Ungarn

Der rechts-konservative Ministerpräsident Viktor Orban praktiziert schon seit dem Herbst 2015 eine Politik der Abschottung. An Ungarns Grenzen zu Serbien und Kroatien stehen stacheldrahtbewehrte Zäune. Budapest lehnt auch EU-Quoten zur faireren Verteilung von Asylbewerbern ab. Am 2. Oktober will Orban diese Ablehnungshaltung durch eine Volksabstimmung bestätigen lassen.

Rumänien

Das Land vertritt eine ähnliche Position wie Ungarn, nur in gemäßigterem Ton. Eine Verteilung der Flüchtlinge per Quote lehnt es ab, obwohl es bisher kaum betroffen war.

Slowenien

Die Regierung hat wiederholt vor einem neuen Ansturm gewarnt und will auf keinen Fall erneut Migranten nach Österreich durchschleusen. Das Land hat bereits einen Zaun zu Kroatien.

Serbien

Kritischer wird die Lage in Serbien, wo geschätzte 5000 Migranten festsitzen. Trotz gemeinsamer Militär- und Polizeipatrouillen kommen immer neue Flüchtlinge.

Mazedonien

In Mazedonien spielt nach fast zweijähriger tiefer politischer Krise und den bevorstehenden vorzeitigen Parlamentswahlen im Dezember das Flüchtlingsthema keine große Rolle. Der Grenzzaun zu Griechenland hält größere Menschenmengen ab.

Kroatien

Bisher hat sich Kroatien ausschließlich als Transitland verstanden, deshalb steht die Problematik nicht auf der Tagesordnung.

Albanien

Sehr wenig von der Krise betroffen ist auch Albanien. Deshalb ist die Situation der Flüchtlinge kaum ein Thema.

Bulgarien

Die Aufnahmezentren sind laut Regierungsangaben voll. Bulgarien versteht sich als Transitland und will es auch bleiben. Seit Jahresbeginn wurden gut 13.000 Flüchtlinge registriert, über die Hälfte ist weiter gezogen.

Ungarn gewährt täglich nur 30 Migranten an jeweils zwei Grenzübergängen die Einreise. Einer davon ist Röszke, eine gute Autostunde südlich der ungarischen Hauptstadt Budapest. Insider vermuten, dass das am vergangenen Sonntag gescheiterte Referendum des ungarischen Premiers Viktor Orbán gegen den EU-Verteilungsplan für Flüchtlinge die Hoffnungen genährt hat, das Land der Magyaren könnte seine Grenze für die Weiterreise nach Mittel- und Nordeuropa öffnen.

Flüchtlinge: „Es werden jegliche humanitäre Standards gebrochen“

Flüchtlinge

„Es werden jegliche humanitäre Standards gebrochen“

Markus Koth, Koordinator für Südosteuropa der Diakonie Katastrophenhilfe in Athen, über die humanitär schwierige Situation der Flüchtlinge auf ihren Weg in die EU.

Nach Angaben von Hilfsorganisationen gibt es insgesamt zehn Lager in Serbien. Die Belgrader Regierung toleriert auch illegale Camps. Eines befindet sich im serbischen Grenzort Horgos, unmittelbar am ungarischen Grenzzaun. Die armseligen Zelte der Migranten sind auf der Autobahn zwischen Budapest und Belgrad schon aus der Ferne zu erkennen.

Hilfsorganisationen in Serbien erwarten einen Anstieg der Flüchtlingszahlen in dem Balkan-Land. „Bis zum Jahresende werden es 9000 Flüchtlinge in Serbien sein“, sagt eine Serbin aus Belgrad, die in der Migrantenhilfe arbeitet. Davon würde knapp über die Hälfte illegal aus Mazedonien einreisen, der Rest käme aus dem EU-Land Bulgarien.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat unterdessen erneut die Schließung der Balkan-Route von Griechenland über Mazedonien, Serbien und Kroatien nach Ungarn kritisiert, die von der österreichischen Regierung initiiert wurde. Diese habe „in den Wochen, bevor das EU-Türkei-Abkommen in Kraft trat, zwar dazu geführt, dass weniger Flüchtlinge in Deutschland ankamen – aber dafür 45.000 in Griechenland“, sagt die CDU-Chefin der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Kommentare (4)

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Herr Tom Schmidt

07.10.2016, 10:44 Uhr

Diese Art der Hofberichterstattung für Frau Merkel ist langsam unerträglich. Zwar werden die Fakten hier richtig zitiert, aber man fragt sich schon, wie eine Regierungschefin, deren eigene Position beinhaltet, dass Schengen und Dublin gelten, die Schliessung der Balkanroute kritisieren kann.

Liebe Journalisten, da darf man dann auch mal eine Regierungschefin fragen ob sie eigentlich noch all ihre Sinne beisammen hat. Die Länder entlang des Balkans setzen nur das Recht um, dass auch Frau Merkel fordert...

Herr Tom Schmidt

07.10.2016, 10:45 Uhr

Noch was: wieso stecken die Migranten fest? In der Sackgasse gibt es immer noch die Möglichkeit des Umdrehens...

Herr Wolfgang Salewski

07.10.2016, 10:49 Uhr

Warum lässt Frau BK Merkel die Flüchtlinge nicht direkt per Flugzeug oder Schiff nach Deutschland bringen? Die Registrierung, schriftliche Bestätigung von Aufenthaltsrecht und Aussicht auf deutsche Staatsbürgerschaft samt lebenslänglicher Alimentierung könnten während des Transfer zügig erledigt werden.

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