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04.09.2015

10:50 Uhr

Flüchtlinge in Ungarn

Auf dem Abstellgleis

Rund 500 Flüchtlinge weigern sich den Zug zu verlassen, der sie in den Westen bringen sollte. Sie wollen sich partout nicht in Ungarn registrieren lassen und drängen auf die Weiterreise nach Deutschland – um jeden Preis.

Behörden überfordert

Flüchtlingsdrama in Ungarn spitzt sich zu

Behörden überfordert: Flüchtlingsdrama in Ungarn spitzt sich zu

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BudapestSie haben ihre Botschaft auf die Zugwand gesprüht: „No camp“ steht dort. Kein Lager. Die Flüchtlinge, die im Budapester Ostbahnhof in den Zug gestiegen und Richtung österreichische Grenze gefahren sind, stecken fest. Nahe der Stadt Bicske. Dort sollen sie sich in einem der fünf Flüchtlingszentren des Landes registrieren lassen. Die geltende Dublin-Verordnung besagt, dass Flüchtlinge dort ihr Asylverfahren durchlaufen, wo sie zuerst europäischen Boden betreten.

Doch Ungarn ist wirtschaftlich angeschlagen. Deshalb wollen die rund 500 Flüchtlinge nicht ins Camp, sie wollen weiterreisen nach Deutschland. So weigern sie sich beharrlich, den Zug zu verlassen. Der Chef der Grenzpolizei, Laszlo Balazs, sagte, am Donnerstag seien lediglich 16 Flüchtlinge freiwillig in das Zentrum gegangen.

Er weigert sich, den Zug zu verlassen. ap

Hungerstreik

Er weigert sich, den Zug zu verlassen.

Die Flüchtlinge waren am Donnerstag in Budapest abgefahren, nachdem die Polizei die Eingänge des Bahnhofs freigegeben hatte. Unerwartet stoppte die Polizei diesen Zug unterwegs in Bicske, 37 Kilometer westlich von Budapest. Sie forderte die Reisenden auf, auszusteigen. 20 Busse standen für ihren Transport in das Flüchtlingslager von Bicske bereit. Auch Dolmetscher waren da.

Doch die Flüchtlinge bleiben hart. Die Polizei brachte Nahrungsmittel und Wasser zu den Waggons, einige der Migranten verweigerten jedoch die Annahme. „No food, no water, until Germany“ hat einer der Flüchtlinge auf einen Zettel geschrieben. Mit dem Hungerstreik will er die Reise nach Deutschland erzwingen.

„Wir wissen nicht, was vorgeht“, sagt der 60 Jahre alte frühere irakische Offizier Ahmed Mahmud. „Die Polizei hat uns gesagt, entweder lassen wir uns die Fingerabdrücke abnehmen oder wir müssen ins Gefängnis.“ Man habe sich die Fingerabdrücke abnehmen lassen, aber trotzdem gehe es nicht weiter, erklärte der Mann, der beide Beine verloren hat und zu seiner Tochter nach Belgien reisen will.

Zahlen und Fakten zu Flüchtlingen

219.000 Menschen...

...flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

3500 Menschen...

...kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

170.100 Flüchtlinge...

...erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

66.700 Syrer...

...registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9800 aus Mali.

123.000 Syrer...

...beantragten im vergangenen Jahr in der EU Asyl (2013: 50.000).

202.700 Asylbewerber...

...wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

Um 143 Prozent...

...stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

Mit 8,4 Bewerbern...

... pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

600 000 bis eine Million Menschen...

...warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban hatte die Bundesregierung am Donnerstag für die chaotischen Zustände in seinem Land verantwortlich gemacht. Orban sagte, der starke Zustrom an Flüchtlingen sei kein EU-, sondern ein deutsches Problem, weil alle Flüchtlinge nach Deutschland wollten.

Am Freitag warnte Orban erneut vor den Folgen eines wachsenden Flüchtlingszustroms nach Europa. „Und ganz plötzlich sind wir eine Minderheit auf unserem eigenen Kontinent“, sagte Orban in einem Rundfunkinterview. Europa müsse beim Schutz seiner Grenzen Härte demonstrieren. „Derzeit sprechen wir über Hunderttausende Flüchtlinge, aber nächstes Jahr werden wir schon über Millionen sprechen, und es wird kein Ende geben.“

Ungarn werde sich an die Umsetzung der EU-Regeln halten, ergänzte Orban mit Blick auf mehrere Tausend Flüchtlinge, die derzeit in Ungarn auf eine Weiterreise nach Österreich und Deutschland hoffen. Wenn Deutschland Visa für die Flüchtlinge ausstelle, dürften sie auch ausreisen. Allerdings wollten sich viele der Flüchtlinge nicht in Ungarn registrieren lassen und dürften daher nicht weiterreisen.

Das ungarische Parlament will am Freitag über eine größere Militärpräsenz und schärfere Kontrollen an der Grenze zu Serbien abstimmen. Damit würden Schlepper, aber auch Migranten abgeschreckt werden, sagte Ministerpräsident Orban. Er will sich vom Parlament die Entsendung von 3500 Soldaten an die Grenze zu Serbien absegnen lassen. Auch eine Reihe anderer Maßnahmen wie Fingerabdrücke, Fotos und Screening aller Menschen, die nach Ungarn einreisen, sollen die Parlamentarier gutheißen.

Die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, ermahnte die ungarische Regierung, Flüchtlinge nicht wieder tatenlos Richtung Deutschland durchreisen zu lassen. „Wir erwarten, dass Ungarn die Flüchtlinge im eigenen Land registriert und entsprechend der europäischen Standards behandelt. Dabei können wir durchaus auch Hilfe leisten“, sagte die SPD-Politikerin der „Nordwest-Zeitung“. Das eigentliche Problem sei, dass die Bedingungen für Flüchtlinge in manchen EU-Staaten so schlimm seien, dass die Migranten alles versuchen, um dort wegzukommen.

Kommentare (226)

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Herr Stephan Ka

04.09.2015, 10:58 Uhr

Es wird immer interessanter. Jetzt erpressen sich die
Flüchtlinge schon durch Hungerstreik ihre Weiterreise
ins "gelobte Deutschland", man kann sich also auf die
"kulturelle Bereicherung" durch diesen Personenkreis
heute schon freuen...
Es reicht nicht mehr, das sie erstmal im sicheren Europa
angekommen sind, nein, es muß sofort das Schlaraffenland
Deutschland sein, mit allen Mitteln!

Herr Roland Kober

04.09.2015, 11:09 Uhr

Zug weiterfahren lassen ... nach Polen oder in die baltischen Länder!
Sollen auch etwas von diesen "hochgebildeten Arbeitskräften" abbekommen.
Leider wollen alle ins Schlaraffenland Deutschland und dann sofort ihre ganze Clans nachholen nach hierher zwecks Familienzusammenführung.
Wie lange noch, und wir Deutsche sind Fremde im eigenen Land, und anstatt Kirchenglocken krakeelt dann der Muezzin mehrmals täglich vom Minarett.
Soweit ich weiß, sind alle EU Länder sichere Länder, und die Flüchtlinge sollen dort bleiben, wo sie zum ersten Mal erfaßt werden, EU Boden betreten.
Die ganze Sache wird unserer Regierung eher früher als später um die Ohren fliegen, denn der Zuzug ist KEINE Bereicherung unserer deutschen Kultur, sondern wird diese vernichten.

Herr Rainer Feiden

04.09.2015, 11:09 Uhr

@Herr Stephan Ka
Tja, die Menschen werden wohl mitbekommen haben, dass die USA nunmehr auch offiziell erklärt haben, mit dem europäichen Flüchtlingschaos nichts am Hut ahben zu wollen:
http://www.welt.de/politik/deutschland/article145529161/USA-wuenschen-EU-in-der-Fluechtlingskrise-alles-Gute.html

Eine internationale Antwort auf die Völkerwanderungswellen ist damit unwahrscheinlich geworden.
Damit wird es eng für Merkel und für Deutschland, denn die osteuropäischen EU-Länder vertreten die gleiche Meinung. Ein echter Stresstest deutet sich da an, sowohl für die Bundeskanzlerin, als auch für die EU.

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