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18.12.2016

14:32 Uhr

Flüchtlinge

Warum Syrer ihre Kinder nach Deutschland schicken

Tausende Kinder und Jugendliche werden alleine von ihren Eltern aus Syrien nach Deutschland geschickt. Grund dafür sind meistens strategische Familienentscheidungen – und dass die Gesetze in Europa so sind, wie sie sind.

Nizip ist eines der Vorzeigelager für Flüchtlinge in der Türkei. Die Verhältnisse sind hier vergleichsweise gut, dennoch wollen die meisten einfach nur weiter nach Deutschland. Reuters

Flüchtlingslager Nizip

Nizip ist eines der Vorzeigelager für Flüchtlinge in der Türkei. Die Verhältnisse sind hier vergleichsweise gut, dennoch wollen die meisten einfach nur weiter nach Deutschland.

Nizip/DrochtersenGepflasterte, saubere Gassen, ein Schulgebäude in Fertigbauweise, Stacheldraht: Nizip I ist das Fünf-Sterne-Hotel unter den Flüchtlingslagern in der Türkei. Hier stehen robuste Wohncontainer, und nicht Zelte, in die bei Regen der Schlamm hinein schwappt. Auch wenn sich in dem kleinen Schulgebäude 50 Kinder in einem Raum drängeln – immerhin gibt es Unterricht. Wenn Delegationen aus Europa sehen wollen, wie die rund drei Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei leben, führt man sie gerne ins Lager Nizip I, das in der südöstlichen Provinz Gaziantep liegt.

An diesem Tag ist der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) zu Gast. Er plaudert mit syrischen Schülerinnen. Die Teenager lächeln, teils etwas schüchtern. Eine von ihnen jedoch schaut ernst. Sie presst die Lippen zusammen, kämpft mit den Tränen. Safa Abu Kaschif (14), lange Bluse, grau gesprenkeltes Kopftuch, nimmt allen Mut zusammen und drängt sich neben den Minister. Ein Wortschwall bricht aus ihr heraus: „Meine kleine Schwester Hala, in Deutschland, Stade, mit meinem Bruder, Hala weint immer, sie vermisst unsere Mutter, schon über ein Jahr, niemand hilft.“

Die Übersetzerin, die Müller begleitet, hat alle Mühe, die Gedanken des Mädchens zu sortieren und vorzutragen. Schließlich versteht der Minister, dass Safa nach Deutschland will, wo einige ihrer Geschwister als Flüchtlinge leben. Der Minister bittet einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Ankara, sich um den Fall zu kümmern. Dann zieht er weiter und hört einer Großmutter zu, die ihm von Krieg und Flucht erzählt.

Wieso fliehen junge Afghanen nach Europa – und wie radikal sind sie?

Der Attentäter besaß eine IS-Flagge. Ist der IS verbreitet in Afghanistan?

Den IS gibt es in Afghanistan erst seit Anfang 2015, und sein Wachstum ist auch wegen blutiger Rivalitäten mit den Taliben stark gebremst. Seine Kämpfer – angeblich derzeit rund 2500 – sind in nur ein bis zwei der 34 afghanischen Provinzen aktiv. US-Drohnen fliegen derzeit mehrmals wöchentlich Luftangriffe auf ihre Stellungen.

Wieso fliehen junge Afghanen aus ihrem Land?

Afghanistan ist immer noch eins der ärmsten Länder der Welt. Die Arbeitslosenrate wird auf etwa 40 Prozent geschätzt. Gleichzeitig verschlechtert sich die Sicherheitslage. Seit dem Ende der Nato-Kampfmission im Dezember 2014 fühlen sich die Taliban in vielen Provinzen ermutigt. 31 von 34 Provinzen waren nach Uno-Angaben in 2015 von Gewalt betroffen. Vor allem junge Menschen und solche mit Schulbildung sehen keine Zukunft in Afghanistan.

Sind unter den Flüchtlingen viele Extremisten?

Das ist schwer festzustellen. Viele der jungen Flüchtlinge gehören zur dünnen Mittelschicht. Sie haben Schul- und manchmal auch Universitätsbildung. Das Interesse der großen Mehrheit scheint nicht der Dschihad, sondern ein besseres Leben zu sein. Allerdings nimmt dem Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network zufolge die Radikalisierung auch an Afghanistans Universitäten zu.

Fliehen weniger Afghanen, seit die Balkanroute geschlossen ist?

Es sieht so aus – aber gestoppt ist die Fluchtbewegung damit nicht. Einer der vielen Menschenschmuggler in Kabul sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass er im vergangenen Jahr täglich bis zu 25 bis 30 „Kunden“ außer Landes geschafft habe. Nun seien es zehn bis zwölf.

Wie sind die Reaktionen in Afghanistan?

Afghanische Medien berichten am Dienstag über die Tat. In der Hauptstadt Kabul sind die Menschen schockiert. Von hier sind Tausende Flüchtlinge nach Europa aufgebrochen, viele Menschen haben nun Verwandte und Freunde in Deutschland. Sie hoffen, dass dass nicht alle Afghanen wegen der Tat eines Einzelnen verurteilt werden. Das müsse „ein Psycho“ gewesen sein, sagt ein Wirtschaftsstudent, Said Taufik Jakin, 26. Aber man müsse auch bedenken, was ihn möglicherweise zu seiner Tat getrieben habe: „Ich höre von meinen Freunden in Deutschland, dass afghanische Flüchtlinge dort eine Menge Probleme haben.“

Safa läuft zu dem Container, der seit vier Jahren ihr Zuhause ist. Aufgeregt berichtet sie dem Vater von ihrem Treffen mit dem Mann aus Deutschland. Chalid Abu Kaschif (52) ruft seinen Sohn Hussein an. Der 21-Jährige wohnt rund 3500 Kilometer entfernt: Der Name der norddeutschen Gemeinde Drochtersen, in der Hussein seit einigen Monaten lebt, ist für den Vater unaussprechlich. Doch er weiß, der Ort liegt in der Nähe einer Stadt, die Stade heißt.

Husseins Asylantrag ist positiv entschieden worden. Im vergangenen Februar hat er eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre erhalten. Damit holte er seine Frau Nadia (20) zu sich, die sich mit ihrem Baby ins griechische Flüchtlingslager Nea Kavala durchgeschlagen hatte. Das Kind der zwei, Chalid, ist nach dem Großvater benannt, so will es die Tradition. Als er seinen Vater das erste Mal sah, war der Junge schon fast ein Jahr alt.

In der Wohnung, die die Eltern in Drochtersen bezogen haben, läuft der Junge aufgeregt hin und her. Mit einem Teppich, zwei Sofas, zwei Sesseln, einem Tisch und einer Schrankwand ist das Wohnzimmer der Abu Kaschifs zweckmäßig, ordentlich, aber auch unpersönlich eingerichtet. Die Wände sind kahl. Hier leben Menschen, die noch nicht richtig angekommen sind. Die Abu Kaschifs kämpfen mit der neuen Sprache, kümmern sich um Chalid und Hala (8). Arbeiten geht noch niemand.

„Hala und ich sprechen jeden Tag mit der Familie in der Türkei“, sagt Hussein. Oft sind die Nachrichten schlecht. Im vergangenen Jahr starb der Großvater in Syrien, als sein Haus, das im Rebellengebiet lag, bei einem Luftangriff zerstört wurde. Ein russisches Flugzeug soll die Rakete abgefeuert haben. Einen Tag vor unserem Besuch erfuhr Nadia vom gewaltsamen Tod eines Cousins. Aus Syrien kämen nie gute Nachrichten, sagt Hussein: „Das ganze Leben ist Tod.“

Hussein hat früh gelernt, Verantwortung zu tragen. Der Vater hatte sich bei der Arbeit als Bauarbeiter im Libanon den Rücken ruiniert. Deshalb musste sein einziger Sohn in Syrien schon als 15-Jähriger neben der Schule Baumwolle ernten und Weizen säen.

Hussein selbst kann seine Eltern, Safa und die anderen Geschwister nicht nach Deutschland holen. Das darf, so steht es im Gesetz, nur seine kleine Schwester. Denn Hala ist minderjährig. Sie war sieben, als sie mit ihrem Bruder über die sogenannte Balkanroute nach Deutschland kam. Erst ging es in die türkische Hafenstadt Izmir. Dann setzten sie mit einem Schlepperboot über nach Griechenland, marschierten lange zu Fuß, schlugen sich durch über Ungarn bis zur deutschen Grenze. Die rund einmonatige Reise habe sie 2150 US-Dollar (rund 2000 Euro) gekostet, sagt Hussein Abu Kaschif.

Kommentare (2)

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Herr Holger Narrog

19.12.2016, 08:29 Uhr

Es ist grausam, dass das Merkel Politsystem nicht einmal davor zurückschreckt im Zuge der Umvolkungsphantasien unbegleitete Kinder in das hiesige Jugendamts- und Sozialsystem aufzunehmen. Mit etwas weniger Grausamkeit würde man wenigstens die Kinder zu ihren Eltern zurückbringen.

Für die Familien in den Auswanderungsländern liegt es dagegen nahe mit dem "Schicken" eines Kindes die Tür zum Sozialhilfeparadies Deutschland zu öffnen.

Da die Sozialleistungen für "Minderjährige" in Deutschland noch grosszügiger sind als für Erwachsene geben sich viele Einwanderer als minderjährig aus. In den meisten Auswanderungsländern sind Geburtsurkunden für etwas Geld leicht zu erhalten. Die wenigsten Einwanderer verlieren auf der Reise ihr Smartphone, die meisten aber ihren Pass. In Österreich haben Ärzte einige der "Minderjährigen" auf bis zu 30 Jahre geschätzt. Insofern wäre es angebracht regelmässig das Alter der "Minderjährigen" medizinisch zu prüfen und zu schätzen.

Lothar dM

19.12.2016, 09:31 Uhr

„Wir haben Deutschland ausgewählt, weil Deutschland gesagt hat, es will, dass die Flüchtlinge kommen. Das ist schließlich etwas anderes, wenn mich jemand einlädt, als irgendwo hinzugehen, wo man mich vielleicht gar nicht will.“

Hier liegt des Pudel´s Kern begraben. Und so hört man es nicht nur bei Syrern, sondern im gesamten Nahen Osten und in Afrika: "Wir wurden eingeladen von der Kanzlerin!"

Ob man es mag oder nicht, das Deutschland wie wir es kannten inkl. seiner Sozialsysteme wird an dieser falsch verstandenen Migrationspolitik der Kanzlerin Merkel zerbrechen. Schon heute ist diese Entwicklung ganz real erlebbar.

Hilfe hätte man durchaus effektiver in der Nähe der Krisengebiete organisieren können. Fragt sich nur, ist es Absicht oder Naivität der Kanzlerin gewesen???

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