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03.09.2015

14:17 Uhr

Flüchtlinge

Wie Herr Orbán Europa vorführt

Ungarns Premier betrachtet Europa als Geldautomat. Auf eine gemeinsame Flüchtlingspolitik und Wertegemeinschaft pfeift er – und stiehlt sich aus der Verantwortung, meint unser Ungarn-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar.

Ungarischer Ministerpräsident in Brüssel

Orbán: Die Flüchtlingskrise ist „ein deutsches Problem“

Ungarischer Ministerpräsident in Brüssel: Orbán: Die Flüchtlingskrise ist „ein deutsches Problem“

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WienWenn es um deutsche Investitionen in Ungarn geht, kann Viktor Orbán mit Engelszungen von Audi, Daimler oder Bosch sprechen. Wenn es aber um Flüchtlinge und Menschlichkeit geht, wird der ungarische Premier schon mal hinterfotzig. Die Flüchtlingskrise sei kein EU-Problem, sondern ein deutsches Problem. Denn schließlich wollen die Migranten nicht in Ungarn bleiben, sondern nach Deutschland reisen, behauptet der Rechtspopulist. Seine Position ist eine kühl kalkulierte Provokation. Denn der national-konservative Politiker möchte Europa spalten und die Bundesregierung unter Angela Merkel in der EU vorführen.

Dass kaum ein Flüchtling in Ungarn bleiben möchte, ist eigentlich eine Schande für das Land der Magyaren. Denn schließlich kamen aus Ungarn selbst mal zahlreiche Flüchtlinge. Viele tausend Menschen baten in Österreich und Deutschland mit Erfolg um Asyl, nachdem der Volksaufstand gegen die Sowjetunion vor 59 Jahren gescheitert war. Doch im heutigen Orbanistan ist diese Erinnerung ausgelöscht. Die Menschlichkeit wird in Ungarn derzeit klein geschrieben.

Handelsblatt: Hans-Peter Siebenhaar

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Hans-Peter Siebenhaar

Redakteur im Ressort Unternehmen & Märkte mit Schwerpunkt Medien und Telekommunikation

Orban betreibt seine Politik auf den Rücken seiner Nachbarn im Westen. Mit der schlechten Versorgung, den miserablen hygienischen Umständen und der feindseligen Haltung der Behörden will er die Migranten aus Ungarn weiter nach Österreich, Deutschland und in die Schweiz treiben. Die beschämende Zustände in Ungarn zeigen, wie zynisch in einem EU-Land Flüchtlingspolitik betrieben werden kann.

Die Haltung wirkt. Syrer, Afghanen oder Iraker rufen in Budapest „Germany, Germany“. Unser Land steht nicht nur für Deutschland, sondern für das freie, menschliche und wohlhabende Europa, zu dem auch Staaten wie die Schweiz, Belgien, die Niederlande und die Länder Skandinaviens dazugehören. Dass dieser Teil Europas eine hohe Anziehungskraft auf geschundene Menschen ausübt, ist eine Auszeichnung für die Gesellschaften.

Orbán dagegen wird zur Hassfigur. Er sucht laufend den Konflikt – innen- und außenpolitisch. Diesmal hat er sich Deutschland und Angela Merkel ausgesucht. Berlin trägt daran eine gewisse Mitschuld. Die Bundesregierung hatte bislang viel, vielleicht zu viel Geduld bewiesen. Dahinter stand die Hoffnung in Berlin und Brüssel, der egoistische Nationalist könnte doch noch zum solidarischen Europäer mutieren. Diese Hoffnung macht Orbán mit seinen politischen Provokationen in der Flüchtlingskrise endgültig zunichte.
Der ungarische Premier begreift Europa als Geldautomat. Darum ist Orbán heute nach Brüssel gefahren. Auf die Wertegemeinschaft, bei der alle in Krisen zusammen helfen, pfeift er hingegen. Ich frage mich: Warum sperrt Europa nicht die Kontokarte sperren, wenn dieser Kunde konsequent die Vertragsvereinbarungen verletzt? So ein Vorgehen bewirkt Wunder – nicht nur in der Finanzwelt.

Kommentare (215)

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Herr Alexander Henrichs

03.09.2015, 14:28 Uhr

Europa ist schon lange nur noch ein Club der Egoisten, da ist Herr Orban nichts besonderes.
Und, seien wir mal ehrlich, der Mann hat in gewisser Weise doch Recht, die Flüchtlinge wollen fast alle nach Deutschland und die deutsche Regierung lockt doch die Leute an wie das Licht die Motten.
Und außerdem brauchen wir ja in den nächsten Jahren Millionen Arbeitskräfte, fragt sich nur, warum dann die Rente mit 63 ?
Und was passiert bei der nächsten Wirtschaftskrise ?
Was macht Frau Merkel dann ?
Es gab schon einmal 6 Mio Arbeitslose und jeder weiß, was das Ende war......

Herr Tom Schmidt

03.09.2015, 14:30 Uhr

Naja... aber so richtig haben wir uns jetzt auch nicht mit Ruhm bekleckert.

Zuerst fordern wir von den Ungarn, sie sollen bitteschön die Grenzen schützen. Wenn die dann einen Zaun bauen, passt uns das aber nicht. Dann sollen die Ungarn das Flüchlingschaos organisieren (also Italien hat da vor Kurzem Hilfe bekommen, das kleine Ungarn aber nicht wirklich), da stehen wir daneben und erklären ihnen was sie alles falsch machen.

Dann erhöhen wir den Druck auf die Ungarn, in dem wir den Flüchtlingen erzählen in Deutschland sind sie willkommen. (also wenn sie die Grenzanalagen durchbrochen haben...)

Eine klare Position oder Strategie sieht anders aus!

Herr Markus Bullowski

03.09.2015, 14:33 Uhr

Ich kann dem Autor des Artikels nur aufs Heftigste widersprechen. Ungarn ist eines der wenigen Länder in Europa, die ihre Aufgabe ernst nehmen, die europäischen Außengrenzen zu schützen und dafür zolle ich Herrn Orban Dank und Respekt. Auch die Tatsache, dass er jüngst den Zug mit illegalen Einwanderern nicht nach Deutschland gelassen hat, sondern die Leute in ein Aufnahmelager gebracht hat, spricht für ihn.

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