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06.08.2015

11:08 Uhr

Flüchtlings-Katastrophe

Mehrere Hundert Menschen ertrunken

Es könnte eines der schlimmsten Flüchtlingsunglücke im Mittelmeer sein: Ein Boot mit 600 Migranten, hauptsächlich Syrer, ist vor der Küste Libyens gekentert. Die Suche nach Toten und Überlebenden geht weiter.

In diesem Jahr sind bislang etwa 2000 Menschen bei dem Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen, ums Leben gekommen. dpa

Flüchtlinge im Mittelmeer

In diesem Jahr sind bislang etwa 2000 Menschen bei dem Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen, ums Leben gekommen.

RomBei dem Untergang des Flüchtlingsbootes vor der libyschen Küste am Mittwoch sind wahrscheinlich mehr als 200 Menschen ertrunken. Nach Angaben der italienischen Küstenwache vom Donnerstag befanden sich 600 Menschen an Bord, vor allem Syrer. Mehr als 370 Menschen seien gerettet worden. 25 Leichen seien bislang geborgen.

Die ganze Nacht über habe die italienische und irische Marine sowie ein Schiff der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) vergeblich nach weiteren Leichen gesucht. Am frühen Morgen sei ein weiteres großes Flüchtlingsboot in dem Gebiet gesichtet worden. Ein italienisches Schiff sei auf dem Weg dorthin.

An Bord des Unglücksbootes waren den Angaben zufolge vor allem Menschen auf der Flucht vor dem syrischen Bürgerkrieg. Das Schiff sei wahrscheinlich gekentert, als sich die verängstigten Menschen bei der Annäherung eines Handelsschiffes auf eine Seite des 20 Meter langen Bootes bewegt hätten.

In diesem Jahr sind bislang mehr als 2000 Flüchtlinge bei dem Versuch ertrunken, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Im vergangenen Jahr waren es nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration 3279. Erst im April war ein Schiff mit 800 Flüchtlingen gekentert.

Missionen im Mittelmeer

Mare Nostrum

Nachdem Ende 2013 vor der italienischen Insel Lampedusa mehr als 400 Flüchtlinge ertrunken waren, startete Italiens Marine die Seenotrettungsmission „Mare Nostrum“. Innerhalb eines Jahres wurden 170.000 Menschen gerettet und 351 Schleuser verhaftet – dennoch ertranken in dieser Zeit mindestens 3330 Flüchtlinge. „Mare Nostrum“ kostete den italienischen Staat pro Monat neun Millionen Euro. Der Einsatz wurde im Oktober 2014 aus Kostengründen gestoppt. Aus EU-Ländern gab es auch Kritik, Flüchtlinge würden dadurch zur Überfahrt ermutigt.

EU-Mission Triton

Die europäische Grenzagentur Frontex begann mit „Triton“ im November 2014 einen Einsatz, der „Mare Nostrum“ ablöste. Sie ist mit drei Millionen Euro monatlich ausgestattet. Die EU-Staaten stellen Schiffe, Flugzeuge und Hubschrauber ab. Der Fokus der Operation liegt jedoch auf der Sicherung der EU-Außengrenzen und nicht primär auf der Rettung von in Seenot geratenen Flüchtlingen. Die Frontex-Schiffe patrouillieren deswegen nur bis 30 Seemeilen (55,6 Kilometer) vor der italienischen Küste – und nicht vor Libyen, wo die meisten Flüchtlinge ertrinken.

EU-Mission Poseidon Sea

Im östlichen Mittelmeer vor Griechenland übernimmt schon seit mehreren Jahren eine ähnliche Aufgabe die Frontex-Mission „Poseidon Sea“. Ziel ist es, „illegale Einwanderungsströme in Richtung der Mitgliedstaaten der EU zu kontrollieren und grenzüberschreitende Kriminalität zu bekämpfen“. Seit 2012 überwacht die Mission nicht mehr nur insbesondere die Seegrenze zur Türkei, sondern auch die Westküste Griechenlands, von wo aus Flüchtlinge in Schleuserbooten versuchen, nach Italien zu gelangen.

Operation Moas

Die maltesische Hilfsorganisation Moas (The Migrant Offshore Aid Station) wird von einem wohlhabenden US-italienischem Ehepaar finanziert, sie rettete allein vergangenen Sommer 3000 Flüchtlinge. Ausgestattet ist sie mit einem Schiff, zwei Drohnen und einer Besatzung von 18 Leuten, darunter Rettungskräfte, ein Arzt und Krankenpfleger. Ende 2014 ging Moas das Geld aus und die Organisation startete einen Spendenaufruf. Gemeinsam mit den Ärzten ohne Grenzen verkündete Moas Anfang des Monats, das Schiff werde nun mit 20 Besatzungsmitgliedern wieder auslaufen.

Seawatch

Die private Initiative Seawatch aus Brandenburg will mit einem früheren Fischkutter im Mittelmeer patrouillieren. Das am Sonntag gestartete Schiff will zunächst für drei Monate die von vielen Flüchtlingsbooten befahrenen internationalen Gewässer zwischen Libyen und Lampedusa abfahren. Der Kutter soll den Organisatoren zufolge nicht selbst Menschen an Bord nehmen, sondern per Satellitentelefon oder Funk Hilfe herbeiholen. Zudem ist er mit Rettungswesten, Lebensmitteln und Rettungsinseln ausgestattet, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten.

„Es war ein schrecklicher Anblick, Menschen, die sich verzweifelt an Rettungsringe, Boote und alles klammerten, die um ihr Leben kämpften zwischen Ertrinkenden und anderen, die bereits tot waren“, sagte Juan Matías, Koordinator bei Ärzte ohne Grenzen (MSF) auf dem Schiff Dignity I, das den Flüchtlingen zu Hilfe kam. MSF prangerte das „Fehlen adäquater Such- und Rettungsoperationen in dem Gebiet“ an. Dies habe die erneute Katastrophe wieder einmal deutlich gemacht.

Mehrere Schiffe waren an der Such- und Rettungsaktion beteiligt, doch für Dutzende Migranten kam vermutlich jede Hilfe zu spät. Sie waren möglicherweise im Frachtraum des Schiffes, als es am Mittwoch im Mittelmeer kenterte und innerhalb weniger Minuten sank. „Es gibt die Befürchtung, dass viele Menschen noch an Bord waren“, sagte ein Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Viele Menschen könnten unter Deck gewesen sein und kaum eine Chance gehabt haben.

Sollten sich die Befürchtungen bestätigen, wäre es eins der schlimmsten Unglücke der vergangenen Monate. Im April waren Hunderte Migranten im Mittelmeer ertrunken, als ihr Boot kenterte und sank. Erst am Dienstag hatte die Internationale Organisation für Migration erklärt, dass in diesem Jahr bislang etwa 2000 Menschen bei dem Versuch über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen ums Leben gekommen seien. Die mit Abstand meisten von ihnen hatten Italien als Ziel.

Auch bei dem Unglück am Mittwoch waren die Menschen den ersten Erkenntnissen zufolge mit einem kaum seetüchtigen Holzboot von Libyen aufgebrochen. Schon nach wenigen Meilen gerieten sie in Seenot und setzten einen Notruf ab. Die italienische Küstenwache alarmierte ein irisches Marineschiff, das den Menschen zur Hilfe eilte. Vermutlich brachten die Migranten ihr Schiff dann unabsichtlich selbst zum Kentern, weil sie sich in Angst und Panik auf eine Seite drängten.

Von

dpa

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