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21.04.2015

14:17 Uhr

Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer

Kapitän des Flüchtlingsschiffs soll vor Gericht

Nach dem Untergang des Flüchtlingsschiffs im Mittelmeer mit 800 Toten hat die italienische Polizei den Schiffskapitän und ein Besatzungsmitglied festgenommen. Ihnen wird mehrfache fahrlässige Tötung vorgeworfen.

Immer wieder kentern Flüchtlingsboote im Mittelmeer. Der Kapitän des jüngsten Unglücksschiffes soll sich nun vor Gericht verantworten. dpa

Flüchtlinge auf dem Mittelmeer

Immer wieder kentern Flüchtlingsboote im Mittelmeer. Der Kapitän des jüngsten Unglücksschiffes soll sich nun vor Gericht verantworten.

RomNach dem Schiffsunglück im Mittelmeer mit vermutlich 800 Toten sind der Kapitän und ein Besatzungsmitglied festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft in der sizilianischen Stadt Catania wirft dem tunesischen Kapitän mehrfache fahrlässige Tötung, Herbeiführen eines Schiffbruchs und Begünstigung illegaler Einwanderung vor.

Der syrische Seemann muss sich nur wegen letzterem Vorwurf verantworten. Die mutmaßlichen Schleuser seien von Überlebenden identifiziert worden, sagte Staatsanwalt Giovanni Salvi in der Nacht zum Dienstag.

Bei dem Unglück am Wochenende vor der libyschen Küste kamen nach neuen Angaben des UN-Flüchtlingswerks UNHCR etwa 800 Menschen ums Leben oder werden vermisst, darunter viele Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia und Syrien. Die Staatsanwaltschaft erklärte, an Bord seien rund 850 Menschen gewesen. Die italienische Küstenwache hat bisher 24 Leichen geborgen, die in Malta bestattet werden sollten. 28 Menschen überlebten.

Über das Mittelmeer nach Europa: Zahlen zu Flüchtlingen

Flucht nach Europa

Trotz der lebensgefährlichen Fahrt über das Mittelmeer wagen viele Tausend Menschen die Flucht nach Europa. 219.000 Menschen flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

Tot oder vermisst

3.500 Menschen kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

Zahl der Flüchtlinge in Europa

170.100 Flüchtlinge erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3.500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

Syrer

66.700 Syrer registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9.800 aus Mali.

Asylantrag

191.000 Flüchtlinge stellten 2014 in der EU einen Asylantrag (dabei wird nicht unterschieden, auf welchem Weg die Flüchtlinge nach Europa kamen). Das sind EU-weit 1,2 Asylbewerber pro tausend Einwohner.

123.000 Syrer...

...beantragten 2014 in der EU Asyl (2013: 50.000).

Asylbewerber in Deutschland

202.700 Asylbewerber wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

Steigende Zahl der Asylbewerber

Um 143 Prozent stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

Aufnahme der Flüchtlinge

Mit 8,4 Bewerbern pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

Überfahrt nach Italien oder Malta

600.000 bis eine Million Menschen warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.

Die beiden Festgenommenen sind nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa 27 und 25 Jahre alt. Sie waren unter den 27 Überlebenden, die mit dem Schiff „Gregoretti“ der italienischen Küstenwache am späten Montagabend im Hafen von Catania eintrafen. Dort empfing sie Verkehrsminister Graziano Delrio. Ein verletzter Überlebender aus Bangladesch war schon vorher nach Sizilien gebracht worden.

Wie viele Menschen bei dem wohl schlimmsten Flüchtlingsunglück auf dem Mittelmeer gestorben sind, wird wohl nie endgültig feststehen, da die Suche nach Vermissten bisher ergebnislos blieb und das Boot gesunken ist. Nach Aussagen von Überlebenden waren viele Menschen vermutlich im Laderaum eingesperrt.

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