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21.04.2015

14:01 Uhr

Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer

Warum Afrika schweigt

VonWolfgang Drechsler

Menschen sterben zu Hunderten im Mittelmeer. In deren Heimatländern interessiert das kaum: Afrikas Medien thematisieren Flüchtlingskatastrophen wenig, die Ursachen noch seltener. Die Schuld machen sie ganz woanders aus.

Zehn-Punkte-Plan

EU ringt um Flüchtlingspolitik

Zehn-Punkte-Plan : EU ringt um Flüchtlingspolitik

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Kapstadt800 Tote am Wochenende, vergangene Woche verlieren 400 Menschen auf der Flucht vom afrikanischen Kontinent im südlichen Mittelmeer ihr Leben. Schon wieder. Immer wieder. Doch in den afrikanischen Staaten von Nigeria über Mosambik bis nach Südafrika scheint das kaum zu interessieren.

In den großen afrikanischen Zeitungen wird die Flüchtlingskatastrophe trotz des Todes vieler Menschen vom eigenen Kontinent weitgehend ignoriert. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen statt dessen lokale Fragen. Einziges außenpolitisches Thema sind die Übergriffe schwarzer Südafrikaner auf Zuzügler aus anderen Teilen des Kontinents. Dies gilt vor allem für die Zeitungen in Äthiopien, Nigeria oder Mosambik, deren Landsleute von den Pogromen am Kap direkt betroffen sind.

So empört sich die äthiopische ECADF in einem Meinungsstück über die skandalöse Untätigkeit der südafrikanischen Regierung gegenüber den brutalen Übergriffen der eigenen Bevölkerung auf afrikanische Immigranten.

Tod im Mittelmeer: Flüchtlingstragödien

EU im Kreuzfeuer der Kritik

Nach den jüngsten Flüchtlingstragödien im Mittelmeer mit hunderten Toten steht die EU im Kreuzfeuer der Kritik. Hilfsorganisationen werfen ihr Untätigkeit angesichts der dramatischen Lage vor. Die EU-Außenminister setzten bei ihrem Treffen in Luxemburg nun ein Krisengespräch an.

Wie viele Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr nach Europa? (1)

Wegen gewaltsamer Konflikte wie in Syrien, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen machen sich immer mehr Menschen auf den Weg nach Europa, wo sie sich Schutz und Hilfe erhoffen. Nach Angaben der EU-Grenzbehörde Frontex gab es 2014 rund 278.000 illegale Grenzübertritte – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.

Wie viele Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr nach Europa? (2)

170.000 Menschen kamen dabei von Libyen aus über das Mittelmeer. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR starben im vergangenen Jahr 3500 Menschen bei dem Versuch, über den Seeweg nach Europa zu gelangen.

Wie viele Flüchtlinge werden dieses Jahr erwartet?

Frontex-Chef Fabrice Leggeri rechnet mit einer neuen Rekordzahl von Flüchtlingen, vor allem aus Libyen. „Unsere Quellen berichten uns, dass zwischen 500.000 und einer Million Migranten bereit sind, Libyen zu verlassen“, sagte Leggeri Anfang März.

Woran entzündet sich die Kritik an der EU?

Amnesty International beschuldigt die EU, das Leben tausender Flüchtlinge zu gefährden, weil sie Ende 2014 die italienische Seenotrettungsoperation „Mare Nostrum“ auslaufen ließ, die sich bis vor die Küste Libyens erstreckte. Auch Organisationen wie Pro Asyl kritisieren, dass der EU-Nachfolgeeinsatz „Triton“ unter Leitung von Frontex primär der Grenzsicherung dient und nur die Gewässer 30 Seemeilen (55,6 Kilometer) vor der italienischen Küste überwacht.

Was tut die EU bisher?

Angesichts weiter steigender Flüchtlingszahlen hat die EU im Februar die „Triton“-Mission bis Jahresende verlängert. Im März zog die EU-Kommission den Termin für ihre neue Flüchtlingsstrategie von Juni auf Mitte Mai vor. Sie setzt neben verstärkter Grenzsicherung und besseren Möglichkeiten für legale Einwanderung auch auf die Zusammenarbeit mit Transit- und Herkunftsländern bei der Bekämpfung der Fluchtursachen und beim Vorgehen gegen Schlepper.

Könnten Aufnahmezentren in Afrika eine Lösung bieten?

In der EU wird seit Monaten kontrovers über die Frage diskutiert, ob Aufnahmezentren für Flüchtlinge direkt in Afrika eingerichtet werden sollen. Dort könnten Flüchtlinge einen Asylantrag stellen, ohne sich auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zu machen. Bei einer Ablehnung könnten sie Anreize – etwa Geldzahlungen – bekommen, um in ihre Heimat zurückzukehren. Kritiker halten die Pläne jedoch nicht für praktikabel und verweisen auch auf fehlende Garantien für rechtsstaatliche Verfahren in den in Frage kommenden Ländern.

Warum kommen die meisten Flüchtlinge über Libyen? (1)

Von der libyschen Küste bis zur vorgelagerten italienischen Insel Lampedusa sind es nur rund 300 Kilometer. Zudem fehlt es in Libyen an einer Regierung, die willens oder in der Lage wäre, den Schleppern das Handwerk zu legen.

Warum kommen die meisten Flüchtlinge über Libyen? (2)

Im Sommer vergangenen Jahres eroberten islamistische Milizen die Hauptstadt Tripolis. Die international anerkannte Regierung floh nach Tobruk im Osten des Landes. Die chaotische Lage hat sich nochmals verschärft, seitdem sich auch die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Libyen ausbreitet.

Was planen die EU-Außenminister im Falle Libyens?

Die EU will die Stabilisierung des Landes unterstützen, auch wegen des Flüchtlingsproblems. Diskutiert wird auch ein ziviler oder auch begrenzter militärischer Einsatz. Mögliche Einsatzgebiete sind die Überwachung einer vereinbarten Waffenruhe, eine Marinemission vor der Küste Libyens oder Hilfe bei der Grenzkontrolle. Voraussetzung ist aber, dass sich die Konfliktparteien auf eine Regierung der nationalen Einheit einigen. Entsprechende Gespräche unter UN-Vermittlung führen aber seit Wochen nicht zum Erfolg.

Symptomatisch für die Berichterstattung auf dem Kontinent steht Südafrika: Zwar berichten fast alle Blätter im größten Medienmarkt des Kontinents über das Schiffsunglück, doch werden ausschließlich westliche Agenturberichte verwendet. Das liegt daran, dass fast keine einzige Zeitung am Kap über eigene Auslandskorrespondenten verfügt. Bei den Fernsehsendern ist das Bild ähnlich. Hier kommen Berichte der BBC und des arabischen Nachrichtendienstes Al Jazeera zum Einsatz. Eigene Meinungsbeiträge zu den Vorkommnissen sucht man vergeblich.

Das gleiche Bild findet sich in Ostafrika. Weder die kenianische „Daily Nation“ noch der „Standard“ beschäftigen sich mit der Tragödie im Mittelmeer, sondern widmen sich stattdessen ausführlich den Nachwirkungen des Terrorangriffs auf eine kenianische Universität vor mehr als zwei Wochen.

Die toten Afrikaner im Mittelmeer schaffen es nicht einmal auf die Website der Online-Ausgaben beider Blätter. Auch Nigerias „This Day“ übergeht das Thema und schreibt lieber über Studentenproteste in Lagos gegen südafrikanische Unternehmen.

Handelsblatt in 99 Sekunden

Flüchtlingsdrama: Politik nimmt Tote in Kauf

Handelsblatt in 99 Sekunden: Flüchtlingsdrama: Politik nimmt Tote in Kauf

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Selbst wenn die Medien in Afrika einmal über die Flüchtlingsströme nach Norden berichten, werden selten die Hauptschuldigen dafür offen benannt: die afrikanischen Regierungen. Statt dessen ist, wie auch in den europäischen Medien, oft vom Versagen und der Schuld Europas die Rede. Mit häufig moralischem Unterton beschweren sich afrikanische Journalisten über die vermeintliche Hartherzigkeit, die hohen Zäune und „die Festung Europas“.

Kommentare (26)

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Herr Stephan Fehlmann

21.04.2015, 10:31 Uhr

Gemäss Bildzeitung warten moch mindestens 1 Million Migranten auf die Ueberfahrt, denn die wollen alle einen Job in Deutschland.

Herr Niccolo Machiavelli

21.04.2015, 10:32 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Holger Narrog

21.04.2015, 10:38 Uhr

Der Grund, dass dies die Medien Afrikas nicht interessiert liegt meines Erachtens anderswo.

In den afrikanischen Staaten werden die führenden Zeitungen von der Oberschicht geschrieben. Es gibt zumeist eine einheimische Elite die häufig an amerikanischen/französischen Schulen und Universitäten ausgebildet wurden und sich in ihren Ländern eines angenehmen Wohlstands mit zig Dienern etc. erfreuen. Für diese Menschen ist eine Bootsfahrt übers Mittelmeer so abwegig wie für Europäer. Allerdings schätzen auch diese Menschen US, Kanadische, oder europäische Pässe denn meist sind die Verhältnisse nicht stabil und eine Rechtssicherheit nicht vorhanden.

Für diese Schicht ist es auch nicht relevant wenn ein vernachlässigbarer Teil der Bevölkerung durch Eintritt in Europäische Sozialhilfesysteme wohlhabend wird. Interessant würde es werden wenn es Millionen werden die die Wirtschaft des eigenen Landes mit Überweisungen aus der erhaltenen Sozialhilfe unterstützen.

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