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21.02.2016

21:49 Uhr

Flüchtlingskinder

Die Odysseen von Karam und Emad

Wenig Geld, ohne Rückfahrkarte, allein auf einem fremden Kontinent: Für Tausende Flüchtlingskinder ist das Realität. Einige tauchen ab, andere kommen unter die Räder. Was die Jungen Karam und Emad erlebt haben.

Vor dem ehemaligen Gasthof „Sonne“ steht der 15-jährige syrische Flüchtling Karam in Hardheim. Der Minderjährige lebt seit mehr als zwei Monaten auf einem Kasernengelände, wo zahlreiche Flüchtlinge untergebracht wurden. dpa

Flüchtlingskinder

Vor dem ehemaligen Gasthof „Sonne“ steht der 15-jährige syrische Flüchtling Karam in Hardheim. Der Minderjährige lebt seit mehr als zwei Monaten auf einem Kasernengelände, wo zahlreiche Flüchtlinge untergebracht wurden.

Hardheim/RomMit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern stapft Karam im Nieselregen die Straße entlang. An einem Kreisverkehr sieht der 15-jährige Syrer zwei große Plakate. „Ein Staat, der seine Grenzen nicht sichert, ist keiner mehr“, steht auf dem linken Plakat. Es ist blau. Ein Schlagbaum ist zu sehen. Und ein „Stop“-Schild. Dass er es ist, der da gestoppt werden soll, weiß der schlaksige Flüchtling mit dem Oberlippen-Flaum nicht.

Er spricht nur Arabisch und ein bisschen Englisch. Von der Partei AfD, die Grenzen für Menschen wie ihn dicht machen will, hat er noch nie gehört. Auch den freundlich-ernst dreinblickenden älteren Mann auf dem zweiten Wahlplakat kennt Karam nicht. Er buchstabiert: „Winfried Kretschmann“ und fragt: „Ist der hier Provinzgouverneur?“

Warum verschwinden in Europa Tausende Kinder?

Mehrfachregistrierungen

Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak oder Eritrea: Hunderttausende Kinder und Jugendliche haben sich allein nach Europa durchgeschlagen. Mindestens 10.000 gelten nach Angaben von Europol europaweit als vermisst – 4749 waren es Anfang 2016 in Deutschland. Die hohe Zahl hat viele Gründe, unter anderem die Mehrfachregistrierungen mit teils falschen Namen: Das war vor allem in den chaotischen Monaten September bis November 2015 möglich, als man von vielen Neuankömmlingen keine Fingerabdrücke hatte. Manche Kinder lügen beim Namen und beim Alter.

Lücken beim Datenaustausch

Wenn Ausreißer an einem zweiten Ort erneut aufgegriffen werden, wird die Behörde am ersten Ort darüber nicht immer informiert.

Mängel bei Datenaktualisierung

Kinder werden auf der Flucht volljährig und in einer anderen Statistik geführt, auch wenn sie anfangs als Minderjährige bereits statistisch erfasst wurden.

Ausreißer mit festen Zielen

Manche Flüchtlinge steuern einen bestimmten Ort an, einen Verwandten oder Bekannten. Wenn sie ins Heim kommen, reißen sie aus und ziehen weiter - teils in ein anderes Land. Einige wollen zu älteren Geschwistern, die in einer Einrichtung für erwachsene Flüchtlinge leben.

Geld verdienen

Kinder entziehen sich der Jugendhilfe, weil sie Geld verdienen wollen. Manche müssen zum Beispiel Schulden der Familie tilgen, die für ihre Flucht aufgenommen wurden. Oder sie sollen Angehörige freikaufen, die inhaftiert oder entführt sind (Eritrea).

Probleme aus der Vergangenheit

Kinderhilfsverbände weisen schon länger auf die Vermisstenquoten hin. In einigen Ländern sei in der Vergangenheit jedes vierte unbegleitete Kind (Belgien) nach 48 Stunden aus Unterkünften verschwunden. In Italien soll sich zeitweise die Spur zu mehr als jedem zweiten Minderjährigen ohne Begleitung verloren haben.

Seit November lebt der junge Syrer in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Hardheim in Baden-Württemberg. Mit seiner verwitweten Mutter hatte er zuvor in der türkischen Großstadt Kahramanmaras Zuflucht gefunden.

Sie liegt rund 100 Kilometer von der Grenze zum Bürgerkriegsland Syrien entfernt. Als die Behörden seine mit Geld aus Deutschland finanzierte Flüchtlingsschule dicht machten, brach er auf. Mit drei Schulfreunden machte er sich auf den Weg. Heimlich – seine Mutter war entsetzt, als er ihr ein Handy-Foto von der Überfahrt im Schlauchboot nach Griechenland schickte.

So wie Karam ziehen Tausende Teenager aus Krisengebieten allein nach Europa. Ihr Ziele: ein Onkel in Schweden, ein Schulabschluss, Geldverdienen. Sie schlagen sich durch – oft mit Hilfe von Schlepperbanden, bis sie an Grenzen oder Bahnhöfen gestoppt und registriert werden.

Der 15-jährige syrische Flüchtling Karam geht an einem Wahlplakat der AfD vorbei. Er hat keine Ahnung, um was es sich handelt. dpa

Die AfD?

Der 15-jährige syrische Flüchtling Karam geht an einem Wahlplakat der AfD vorbei. Er hat keine Ahnung, um was es sich handelt.

Einige schlüpfen durch alle Netze. Bis Anfang 2016 wuchs die Gruppe der jungen Flüchtlinge, die in Deutschland betreut werden, auf über 60.000. Vor rund einem Jahr wurden zwischen 14.000 und 18.000 gezählt. Behörden und Helfer, so warnen Kinderrechtler, kommen kaum mehr hinterher: mit dem Zählen, dem Unterbringen, dem Aufpassen, dem Helfen.

Eigentlich dürfte auch Karam nicht mehr in der ehemaligen Kaserne in Hardheim wohnen. Denn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – so das Fachwort – müssen in Heimen oder Jugendwohngruppen mit Betreuern einquartiert werden. Sein Umzug in den Nachbarort stehe kurz bevor, erzählt der Syrer. Eine Sozialarbeiterin habe gesagt, er werde dort mit fünf anderen Jugendlichen wohnen. 

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